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Freitag, 31. Juli 2026

Lammas – Das Fest der goldenen Schwelle und die nüchterne Wahrheit der Ernte. Was im deutschen Raum wirklich greifbar ist

Lammas ist kein steriles Forschungsobjekt, sondern ein pulsierender Moment zwischen Leben und Tod, zwischen der scharfen Sense und dem nährenden Brot, und wer versucht, diesen Zeitpunkt über Begriffe zu greifen, wird zwangsläufig daneben greifen, denn das altenglische hlāf-mæsse, die Brotmesse, gehört in einen kirchlichen Zusammenhang, ebenso wie das oft bemühte Lughnasadh in die irische Überlieferung, die sich im Metrical Dindshenchas (Corpus of Electronic Texts) nachlesen lässt, doch das alles erklärt nichts von dem, was hier geschieht, wenn im deutschsprachigen Raum Ende Juli, Anfang August das Korn nicht mehr im Werden steht, sondern im Abschluss, die Halme ihr Gewicht tragen, die Spannung aus dem Feld gewichen ist und sich dieser schwer zu beschreibende Moment einstellt, in dem man spürt, dass nichts mehr hinzukommt, sondern nur noch genommen werden kann.

Wer einmal vor so einem Feld gestanden hat, erkennt es sofort, ohne dass man es benennen müsste, das Licht liegt anders auf den Ähren, die Bewegung ist ruhiger, und selbst das Geräusch beim Durchgehen verändert sich, es verliert das Saftige und wird trocken, fast spröde, als hätte sich bereits etwas zurückgezogen, bevor überhaupt die erste Sense ansetzt, und genau an diesem Punkt beginnt das, was in der älteren Volkskunde immer wieder in derselben Form auftaucht, nicht als Theorie, sondern als übereinstimmende Beobachtung, die Wilhelm Mannhardt in Die Korndämonen und später in Wald- und Feldkulte gesammelt hat (Wald- und Feldkulte, Bd. I (Internet Archive)), nämlich dass das Feld beim Mähen nicht einfach leer wird, sondern dass sich etwas darin bewegt, etwas, das mit jedem Schnitt zurückweicht, nicht nach oben, nicht in eine andere Welt, sondern einfach weiter, in den noch stehenden Rest.

Mit jedem Hieb wird das Feld kleiner, dichter, enger, und genau in dieser Verengung liegt der Kern der Vorstellung, denn je weniger stehen bleibt, desto mehr wird in diesen Rest hineingedacht, bis am Ende nur noch ein Streifen übrig ist, manchmal nur ein Büschel, und dort sitzt es, ohne dass jemand erklärt, was „es“ ist, und gerade diese Verweigerung der Erklärung ist das Entscheidende, denn in den Berichten tauchen immer wieder dieselben Sätze auf, knapp, fast abweisend:

„Jetzt hockt er drin.“
„Da sitzt er noch.“
„Jetzt haben wir ihn bald.“

Mehr wird nicht gesagt, und genau deshalb tragen diese Sätze, weil sie nicht versuchen, ein Bild zu liefern, sondern einen Zustand benennen, der für die Menschen selbstverständlich war, und wenn man diese Stellen bei Mannhardt liest, merkt man, dass es keine Einzelfälle sind, sondern ein durchgehendes Muster, das sich durch Regionen zieht, während James George Frazer später in The Golden Bough denselben Befund aufgreift und vergleichend darstellt (The Golden Bough – The Corn Spirit (Archive), doch während Frazer ordnet, bleibt bei Mannhardt die rohe Form erhalten, und genau diese Rohheit ist entscheidend.

Aus diesem Punkt ergibt sich die Handlung, denn der letzte Streifen ist nicht der Rest, er ist Träger. Und deshalb wird er nicht einfach geschnitten, sondern geholt, und in vielen Gegenden bekommt dieser Vorgang eine Gestalt, Kornwolf, Kornbär, Hahn, Namen, die nicht als Märchenwesen zu verstehen sind, sondern als Versuche, etwas zu greifen, das sich nicht festlegen lässt, und in den Rufen der Schnitter zeigt sich, wie ernst dieser Moment genommen wurde:

„Schneid’ ab, schneid’ ab, dass uns der Wolf nicht beißt!“

Das ist kein Spiel, kein Zuruf zur Unterhaltung, sondern Ausdruck eines Drucks, der in der Arbeit selbst liegt, denn solange dieser letzte Streifen steht, ist die Sache nicht abgeschlossen, und wenn schließlich geschnitten wird, fällt der Satz:

„Den Wolf hast.“

Damit verschiebt sich die Arbeit, der Letzte ist nicht einfach der Langsamste, sondern derjenige, der den Abschluss in der Hand hält, und genau deshalb trägt er die letzte Garbe oder stellt das Erntebier, nicht als Strafe, sondern als Folge dessen, was er getan hat, und parallel dazu wird diese letzte Garbe selbst aus dem Arbeitsfluss herausgenommen. Sie wird nicht einfach mit dem Rest gedroschen. sie bleibt: Gebunden, aufgerichtet, sichtbar. Und genau hier beginnt der zweite Schritt, der das Ganze erst verständlich macht.

Die Garbe, die getragen wird, und das, was weitergeht

Und genau an dieser Stelle, an der das Feld nicht mehr wächst, sondern zurückweicht, setzt die Behandlung der letzten Garbe ein, die sich durch die Regionen zieht und in den volkskundlichen Sammlungen immer wieder in ähnlicher Form beschrieben wird, wobei Richard Beitl im Wörterbuch der deutschen Volkskunde die verschiedenen Bezeichnungen zusammenträgt – Kornmutter, Roggenmuhme, Erntebraut (Wörterbuch der deutschen Volkskunde (Info) –, doch wer die Beschreibungen liest, merkt schnell, dass es sich nicht um eine „Figur“ im erzählerischen Sinn handelt, sondern um eine Bezeichnung für einen Zustand, nämlich dafür, dass das, was sich im Feld zurückgezogen hat, nicht einfach verschwindet, sondern in dieser Garbe gebunden wird und von dort aus weiterwirkt.

In vielen Gegenden wird diese letzte Garbe nicht beiläufig behandelt, sondern bewusst herausgehoben, gebunden, manchmal geflochten, manchmal aufgerichtet, und in den Berichten tauchen immer wieder Handlungen auf, die sich kaum voneinander unterscheiden, obwohl sie aus unterschiedlichen Regionen stammen, etwa dass man sie an den Feldrand stellt, dass man sie in die Scheune trägt oder in die Stube bringt, oft so, dass sie sichtbar bleibt, als würde man damit sicherstellen, dass das, was im Feld war, den Ort wechselt, ohne verloren zu gehen, und genau in diesem Zusammenhang stehen auch die Reime und Sprüche, die nicht als Dekoration zu verstehen sind, sondern als Begleitform der Handlung, wie etwa:

„Kornmutter, sitz im Halm so fest,
bis man dich nun schneiden lässt,
gib uns Brot für’s ganze Jahr,
segne Feld und Schnitterschar.“

Solche Verse sind in verschiedenen Varianten überliefert, mit kleinen Verschiebungen im Wortlaut, aber gleichbleibender Funktion, und sie stehen nicht isoliert, sondern eingebettet in die Arbeit, die weiterläuft, während gleichzeitig etwas zurückbehalten wird, denn parallel zur letzten Garbe findet sich in vielen Gegenden die Praxis, einen kleinen Rest stehen zu lassen, einen Griff Ähren, einen schmalen Streifen, nicht aus Nachlässigkeit, sondern bewusst, und gerade hier wird die Sache auffällig nüchtern, denn die Begründung ist selten ausgeschmückt, sondern erscheint in kurzen, fast spröden Formulierungen, etwa dass man „nicht alles nehmen darf“ oder dass es „sonst nicht wiederkommt“, Sätze, die keine Erklärung liefern, sondern eine Grenze setzen.

Der entscheidende Schritt folgt nicht im selben Moment, sondern später, und genau deshalb wird er oft übersehen, obwohl er das Ganze erst schließt, denn im Frühjahr, wenn neu gesät wird, greift man auf diese letzte Garbe zurück, nimmt einen Teil der Körner und mischt sie unter das neue Saatgut, ein Vorgang, der im süddeutschen Raum als „Glückshämpfele“ bezeichnet wird und in regionalen Überlieferungen aus Schwaben, dem Allgäu und angrenzenden Gebieten belegt ist, und was hier geschieht, ist weder symbolisch noch zufällig, sondern eine bewusste Fortführung, bei der das Alte physisch in das Neue übergeht, sodass kein Bruch entsteht, sondern ein Zusammenhang, der sich durchzieht, und genau an dieser Stelle gewinnt der Satz, den Karl Simrock 1846 in seiner Sammlung festhält, sein Gewicht:

„Wie die Ernte, so das Brot.“ (Die deutschen Sprichwörter – Simrock

Denn dieser Satz ist keine moralische Lehre, sondern die knappe Formulierung eines Zusammenhangs, der sich aus der Praxis ergibt, und er steht nicht allein, sondern neben anderen Sprüchen, die denselben Charakter haben, etwa:

„Ist die Ähre voll, so neigt sie sich.“

oder in einer später überlieferten Form, die Lutz Röhrich wieder aufnimmt:

„Wer im Sommer nicht will schneiden, wird im Winter Hunger leiden.“

Diese Sätze wirken heute wie Sprichwörter, doch in ihrem ursprünglichen Zusammenhang sind sie nichts anderes als Verdichtungen von Erfahrung, die nicht erklärt werden müssen, weil sie aus dem Vollzug hervorgehen.

Währenddessen bleibt die Ernte selbst eine kollektive Arbeit, die wenig Raum für Ausschmückung lässt, und genau deshalb haben die Lieder, die in Sammlungen wie dem Deutschen Liederhort von Erk und Böhme überliefert sind (Deutscher Liederhort (Archive), eine Funktion, die man leicht übersieht, wenn man sie isoliert liest, denn sie sind keine Festlieder, sondern Arbeitstakt, sie halten den Rhythmus, sie ordnen die Bewegung, und ein Vers wie:

„Es, es, es und es,
es ist ein harter Schluß,
wenn man vom Mähen kommen muß“

steht nicht am Anfang, sondern am Ende, und markiert genau diesen Moment, in dem die Arbeit abgeschlossen ist, während andere kurze Verse denselben Ton tragen:

„Sichel blank und Sense scharf, schneid, was heute reif sein darf.“

oder, in regionalen Varianten:

„Hieb für Hieb und Schnitt für Schnitt, was da steht, das nehmen wir mit.“

Und wenn schließlich die letzte Fuhre eingebracht ist, wenn das Korn nicht mehr auf dem Feld, sondern unter Dach liegt, dann fällt der Satz, der in vielen Gegenden belegt ist und der ohne jede Ausschmückung auskommt: „Das Korn ist heim.“

Damit ist nicht nur gemeint, dass die Arbeit beendet ist, sondern dass das, was gesichert werden musste, gesichert ist, und genau in diesem Moment verschiebt sich der Blick, weg vom Feld, hin zum Vorrat, zum Haus, zum Winter, der kommen wird.

Parallel dazu läuft ein zweiter Bereich, der oft getrennt behandelt wird, tatsächlich aber genau in diesen Zeitraum gehört, nämlich die Sammlung der Kräuter, die zwischen Ende Juli und Mitte August ihren Höhepunkt erreicht, weil viele Pflanzen in dieser Phase ihre höchste Wirkstoffdichte haben, wie Heinrich Marzell in Unsere Heilpflanzen beschreibt (Unsere Heilpflanzen – Marzell (PDF), sodass Beifuß, Johanniskraut, Schafgarbe und Rainfarn jetzt geschnitten, gebündelt und getrocknet werden, und auch hier bleibt die Sprache knapp, während ein süddeutscher Spruch, der beim Binden der Kräuterbüschel gesprochen wurde, diesen Zusammenhang trägt:

„Kraut und Wurzel, Saft und Kraft,
was die Sommersonn’ geschafft,
halt’ uns heil durch Schnee und Wind,
bis wir wieder im Frühling sind.“

Und wenn man diesen gesamten Ablauf in seiner Abfolge betrachtet, dann wird sichtbar, dass es sich nicht um ein „Fest“ im heutigen Sinn handelt, sondern um einen Übergang, der sich aus der Arbeit selbst ergibt, in dem das Feld nicht nur abgeerntet wird, sondern in dem etwas aufgenommen, gebunden, weitergegeben und gesichert wird, sodass am Ende nicht ein Ereignis steht, sondern ein Zustand, der sich aus allem Vorangegangenen ergibt und der sich in dem fortsetzt, was daraus gemacht wird.

Das, was übrig ist, wenn man alles abzieht

Wenn man das alles nebeneinanderlegt, nicht als Theorie, sondern als das, was tatsächlich getan wurde, dann löst sich der ganze moderne Überbau von selbst auf, und übrig bleibt etwas, das sich nicht aufblasen lässt, weil es keinen Bedarf daran hat, denn weder der Name Lammas noch das irische Lughnasadh erklären, was hier geschieht, und selbst die späteren kirchlichen Überformungen – Erntedank, Mariä Himmelfahrt, die Kräuterweihe – legen sich nur darüber, ohne den Kern zu verändern, der darunter liegt und der sich durch die alten Quellen zieht, ohne dass er je als „System“ formuliert worden wäre.

Denn was sich zeigt, ist kein Fest im Sinne eines inszenierten Ereignisses, sondern eine Abfolge von Handlungen, die sich aus der Situation ergeben, und genau deshalb wirken die Überlieferungen so eigentümlich nüchtern, weil sie nichts erklären wollen, sondern nur festhalten, was getan wird, während gleichzeitig in diesen knappen Sätzen eine Dichte liegt, die sich nicht weiter auflösen lässt, etwa wenn aus verschiedenen Regionen berichtet wird, dass beim Mähen „etwas vor der Sense läuft“, ohne dass es beschrieben wird, ohne Gestalt, ohne Namen, und dass dieses „Etwas“ im letzten Stück Feld bleibt, bis es dort „sitzt“, und dass derjenige, der diesen letzten Streifen schneidet, es „hat“, Formulierungen, die sich durch die Sammlungen ziehen, ohne je konkretisiert zu werden, und gerade dadurch ihre Schärfe behalten.

Aus dieser Perspektive wird auch verständlich, warum bestimmte Handlungen nicht verhandelbar waren, warum man nicht alles schnitt, warum man etwas stehen ließ, warum man die letzte Garbe nicht einfach behandelte wie jede andere, sondern sie band, trug, aufstellte, und warum man einen Teil davon im nächsten Jahr wieder einbrachte, denn es geht nicht um Symbolik, sondern um Kontinuität, um die Vermeidung eines Bruchs, der nicht auftreten darf, wenn das Ganze funktionieren soll.

Und genau an dieser Stelle trifft sich das, was auf dem Feld geschieht, mit dem, was im Haus weitergeht, denn das Korn wird nicht nur geerntet, sondern verarbeitet, gemahlen, gebacken, und hier schließt sich der Kreis zum ursprünglichen Begriff der Brotmesse, allerdings nicht als liturgischer Akt, sondern als handfester Vorgang, bei dem das erste Brot aus dem neuen Korn gebacken wird, und auch wenn dieser Schritt in den volkskundlichen Quellen weniger ausgeschmückt ist als die Ernte selbst, liegt er implizit überall darin, weil das Ziel der ganzen Arbeit nicht das Feld ist, sondern das Brot, das daraus entsteht.

Parallel dazu bleibt die soziale Dimension bestehen, die sich nicht in Feier erschöpft, sondern im gemeinsamen Abschluss, im Essen, im Trinken, im Zusammenkommen nach der Arbeit, wobei der Moment nicht durch Dankreden markiert wird, sondern durch Feststellung, und selbst dort, wo gerufen wird, bleibt der Ton knapp:

„Das Korn ist heim.“

oder in erweiterten Varianten, die in regionalen Berichten auftauchen:

„Das Korn ist heim, die Not ist aus.“

Mehr braucht es nicht, weil alles, was gesagt werden müsste, bereits im Vollzug enthalten ist.

Wenn man diesen Punkt ernst nimmt, dann verändert sich auch der Blick auf das, was heute oft daraus gemacht wird, denn vieles von dem, was als „Erntedank“ inszeniert wird, arbeitet mit Bildern, mit Dekoration, mit nachträglicher Bedeutung, während der ursprüngliche Zusammenhang ohne diese Schichten auskommt, weil er sich aus der Notwendigkeit ergibt, und genau deshalb wirkt er heute härter, klarer, manchmal sogar unangenehm direkt, weil er keine Ausweichbewegung zulässt, sondern eine Bilanz verlangt, die nicht beschönigt werden kann.

Und hier liegt der Punkt, an dem sich das Ganze in die Gegenwart zieht, ohne dass man es künstlich übertragen müsste, denn der Ablauf bleibt derselbe, auch wenn sich die Umgebung verändert hat, weil es immer noch Momente gibt, in denen etwas abgeschlossen ist, in denen entschieden wird, was Bestand hat und was nicht, in denen etwas gesichert werden muss, bevor es verloren geht, und in denen sich zeigt, ob das, was investiert wurde, trägt.

Wenn du in dieser Zeit auf einen Berg gehst, dann verschiebst du die Perspektive, nicht weg von der Arbeit, sondern weg von ihrer Unmittelbarkeit, du verlässt die Ebene, in der geschnitten wird, und suchst die Übersicht, und genau das entspricht einem alten, unscheinbaren Satz, der in verschiedenen alpinen Überlieferungen auftaucht:

„Ist die Arbeit getan, sieht man weiter.“

Das ist kein Trost, sondern eine Feststellung, und sie passt genau in diesen Moment, weil sie nichts hinzufügt, sondern nur den Blick hebt. Und wenn man am Ende alles abzieht, die Begriffe, die Deutungen, die späteren Schichten, dann bleibt etwas übrig, das sich nicht weiter reduzieren lässt, ohne seinen Charakter zu verlieren, und es ist bemerkenswert, wie konsequent sich dieser Kern durch die Quellen zieht, ohne dass er je als solcher formuliert worden wäre. Denn am Ende steht kein Fest. Kein Schmuck, keine Erzählung, die sich aufdrängt. Sondern ein Ablauf, der sich selbst trägt, weil er aus dem entsteht, was getan wurde, und der sich nicht erklären muss, weil er sichtbar ist in dem, was daraus hervorgeht. Der Schnitt trennt, nicht symbolisch, sondern tatsächlich, und am Ende steht das, was daraus wird, ohne dass man es aussprechen müsste, weil es vor einem liegt.

Brot.


Montag, 9. März 2026

Säntis – Besuch am „Wetterjoch“

Auf den Säntis wollte ich immer mal, aber stets kam etwas dazwischen. Wie oft hat er mich von weitem gegrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause fuhr, oder beim Wandern auf einen der anderen umliegenden Gipfel, wenn er endlich hinter Wolken und Nebeln auftauchte – mit seiner strahlend weißen Kappe, wie ein alter Bekannter, der kurz den Hut lupft. An der Talstation befindet sich ein großer überwachter Parkplatz.  Wir wanderten am Fuße des Säntis im Kräutergarten ein wenig herum und dann schließlich brachte uns die Seilbahn, die alle 30 Minuten startet, sanft schwebend von 1350 m, zum Gipfel auf 2472 m hinauf; es ist eine Höhendifferenz von 1200 m zu überwinden. Das schafft die Seilbahn unaufgeregt in 10 Minuten mit einer Geschwindigkeit von 8m pro Sekunde.

In der Gondel war es erstaunlich ruhig, fast schon gemütlich. Mich stört der Blick aus großer Höhe nicht, und selbst die Kinder, sonst voller Ungeduld, waren still und rücksichtsvoll – eben typisch Schweiz: höflich, unaufgeregt, freundlich – und so genoss ich den Blick auf die immer dicker werdenden Wolkenfetzen, die machen der umliegenden Berge wie unter einem Häubchen versteckten, bis schließlich alles nur noch dicke graue Watte war, die sich plötzlich im strahlenden Himmelsblau auflöste und den Blick über eine gigantische Landschaft preisgab. Die Luft klar, der Blick weit, der Bodensee in weiter Ferne wie Metall im Dunst.


1. Spuren in Kälte und Stein (bis 10 000 v. Chr.)

Der Berg besteht aus hartem Kalkgestein, vom Wetter zerfurcht, aber ohne tiefen Karst. Er war immer zu rau, zu hoch, zu offen, um Menschen dauerhaft Schutz zu bieten. Und doch atmet seine Umgebung Geschichte.
An seinen Hängen und zwischen den Graten des Alpsteins, zu dem der Säntis gehört, liegen die ältesten Zeugnisse menschlicher Gegenwart: Feuerstellen, Werkzeuge und Knochenreste aus der Altsteinzeit. Die bekanntesten stammen aus dem Wildkirchli bei der Ebenalp und aus dem Drachenloch oberhalb des Tamina-Tals – Orte, an denen Menschen während der Eiszeiten Zuflucht fanden.
Von dort aus blickt man auf denselben Himmel, dieselben Kämme, spürt dieselben Winde, die auch über den Säntis wehen. Es ist derselbe Gebirgsleib – der seiner Natur wegen lange unbewohnt blieb, doch seine Flanken erzählen, was hier geschah: dass Menschen schon kamen, als das Land noch Eis trug, und dass der Berg sie seither beobachtet.
Der Säntis war kein Wohnort, sondern ein Ort des Durchgangs, der Beobachtung und der Deutung. Man kam, blieb kurz, sah, las, nahm etwas mit – Wissen, Wind, vielleicht ein Kraut. Die Kräuterfrauen von Urnäsch, Hundwil und Stein gingen bis in die unteren Flanken des Säntis, um Pflanzen zu sammeln, die nur in der dünnen Höhenluft wuchsen. Sie sagten: „Was ufem Säntis wächset, hälfet, was dr Säntis bricht.“ Das Sammeln war Ritual und Arbeit zugleich – Heilpflanzen gegen Kälte, Frost, Atemnot.
Der Säntis kennt uns länger, als wir ihn kennen – und vielleicht erinnert er sich noch an die Hirten, die etwa ab dem Mittelalter hier nachweislich waren. Als später die Alpwirtschaft sich ausbreitete, wurde der Berg Weidegrenze. Die Alpen an seinen Flanken – Schwägalp, Chüeboden, Öhrli – dienten als Sommerweiden. Hirten trieben bis knapp unter den Grat, sammelten Kräuter, schauten nach Wetter und Vieh.
Schon in der Mittel- und Jungsteinzeit nutzten Jäger hohe Punkte als Beobachtungsstellen. Von den Graten des Säntis aus sieht man das Wild ziehen – Steinbock, Gämse, Hirsch. Man vermutet, dass Menschen in den Sommermonaten hier aufstiegen, um Herden zu orten und Zugwege zu erkennen. Kein Lager, sondern ein Aussichtsort.
Spätestens seit der Bronzezeit galt der Gipfel als Ort der Götterwinde – wie viele Hochalpengipfel, die in Nebel stehen und Donner tragen. Es gibt keine Kultfunde, aber eine mündliche Spur: In Appenzeller Überlieferungen wird der Säntis als „Ort des Stehenden Windes“ bezeichnet, ein Platz, wo man Wetter deuten konnte. Der Säntis liegt zwischen Bodensee und Walensee, in einer Linie alter Ost-West-Pfade. In frühgeschichtlicher Zeit dürften Hirten und Händler kleinere Übergänge in den Senken zwischen den Nebengipfeln genutzt haben, besonders zwischen Schwägalp, Mesmer, Meglisalp. Der Berg war also Wegzeichen, nicht Ziel.


2. Die Säntisträger – Männer zwischen Himmel und Tal (18. Jh. – 1880)

Im 18. Jahrhundert begannen Männer, die man später Säntisträger nannte, Waren, Brennholz und Post hinaufzutragen – zu Alphütten, zu den ersten Unterständen, später zum Gasthaus, das vor Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Ein Gang dauerte Stunden, die Last bis zu fünfzig Kilo, der Lohn gering. Aber ohne sie blieb oben alles leer. Sie waren die Lebensader des Berges, lange bevor jemand an Seilbahnen dachte.
Alles, was am Säntis gebraucht wurde – Holz, Lebensmittel, Kohlen, Baumaterial, Post, Messgeräte – musste zu Fuß hinauf. Dafür gab es Menschen mit kräftigen Schultern, ruhigem Schritt und sicherem Blick.
Oft starteten sie nachts. In den frühen Stunden, wenn das Tal noch im Nebel lag, schnallten sie ihre Traggestelle – die Kraxe oder den Kiepenkorb – auf den Rücken und gingen los. Fünf, sechs, manchmal sieben Stunden Aufstieg, im Sommer durch Steinschlag und Staub, im Winter über Eisrinnen, wo ein Fehltritt den Tod bedeutete. Die Wege, die im 18. und 19. Jahrhundert zum Säntis führten, waren keine richtigen Wege – sie waren Saumpfade, Steige und Geröllbänder, angelegt von Hirten, nicht für Lasttiere. Schon ab der Schwägalp wird der Anstieg zu steil: Die Hänge bestehen aus brüchigem Kalk, durchsetzt mit Spalten und Schuttrinnen. Oberhalb der Waldgrenze folgt der Weg über blanken Fels, der im Sommer schneefrei, aber rutschig ist, im Winter vereist. Esel oder Maultiere brauchen trittfeste, gleichmäßige Wege – mit einer Steigung von höchstens etwa 25 %. Am Säntis dagegen steigen die Hänge auf den letzten zwei Kilometern mit bis zu 60 % an. Ein Tier mit Last hätte dort keinen Halt. Dazu kam: Es gab keine durchgehenden Versorgungsrouten. Das Gasthaus (später die Wetterwarte) lag abseits der Weiden, wo kein Futter wuchs. Ein Tier, das man hinaufbrachte, musste man oben mit Heu füttern – was den Sinn des Transports zunichtemachte. So blieb nur die menschliche Kraft. Träger gingen mit Rucksäcken, Kraxen oder Holzgestellen, auf denen die Lasten festgebunden wurden. Einige nutzten kurze Ziehseile oder Schlitten, um auf Schneefeldern schwerere Güter hinaufzuziehen, aber nur dort, wo die Neigung es erlaubte. Einer der Wetterwarte schrieb 1898: „Ein Tier könnte diesen Pfad nicht gehen; wo wir steigen, geht nur der Mensch.“ Und genau das war der Grund, warum der Beruf des Säntisträgers entstand und so lange blieb. Die oben lebenden Wärter waren also auf die Träger angewiesen – ohne sie keine Kohle, kein Brot, keine Nachrichten. Es war Arbeit – schlecht bezahlt, aber zuverlässig. Für viele Bauernburschen bedeutete das Tragen ein zusätzliches Einkommen in kargen Jahren.
Die Säntisträger wurden nach Gewicht und Weg bezahlt, nicht nach Zeit. Ein Träger erhielt im Schnitt 25 bis 30 Rappen pro Kilo Last für den Aufstieg von der Schwägalp bis zur Wetterwarte – also rund 1 000 Höhenmeter. Für eine typische Trage von 40–50 Kilogramm ergab das 10–15 Franken pro Gang.
Das klingt zunächst nicht wenig, aber man muss bedenken: Ein einziger Aufstieg dauerte 5–7 Stunden, der Abstieg nochmals etwa 3. Dazu kam das enorme Risiko: Absturz, Frost, Steinschlag. Manche kamen wochenlang wegen Wetter nicht hinauf – dann gab’s gar nichts.

Zum Vergleich: Ein gelernter Handwerker im Tal verdiente um 1900 4–5 Franken pro Tag, mit regelmäßigem Brot und Dach überm Kopf. Ein Säntisträger dagegen konnte, wenn alles gut ging, 1–2 Touren pro Woche schaffen – und nur im Sommerhalbjahr. Im Winter, wenn sie Holz oder Kohle trugen, war’s gefährlicher, aber nicht besser bezahlt. Die Wirte und die Betreiber der Wetterwarte hatten selbst kaum Geld, und vieles wurde über Spenden oder Naturalien vergütet: Manchmal bekam ein Träger Butter, Käse oder Brot statt Lohn, oder der Pfarrer schrieb ihm einen guten Vermerk, damit er im nächsten Jahr wieder Arbeit erhielt. In den Aufzeichnungen des Trägers Josef Eugster aus Urnäsch (ca. 1890) steht:
Mir hei dä Berg i d’Schultere gnoh, weils niemert anders het dörfe. Dä Lohn isch nüt, aber s’Wiiberli het Holz zum Choche gha.“ („Wir haben den Berg auf die Schultern genommen, weil sonst keiner durfte. Der Lohn war nichts, aber das Weibchen hatte Holz zum Kochen.“)

Manche dieser Männer trugen mehrmals pro Woche. Sie kannten den Berg wie andere ihre Stube daheim. Jeder Stein hatte seinen Namen, jede Kehre ihren Atem. Sie gingen allein oder zu zweit, selten im Trupp. Bei Schneesturm banden sie sich das Seil um die Hüfte, redeten kaum, hörten nur das Stampfen ihrer Schuhe.
In alten Aufzeichnungen aus Urnäsch und Hundwil steht, dass sie unterwegs oft kleine Steinhäufchen errichteten – zum Andenken an Kameraden, die im Nebel gestürzt waren. Kein Kreuz, nur ein Stein, der blieb. Im Appenzeller Kalender, Jahrgänge 1904–1926, finden sich mehrere Beiträge über Bergleben, Wetterwarte und Träger; da tauchen Beschreibungen von „Steinhäufchen“ (manchmal „Steinmändli“) entlang der Aufstiegsrouten zum Säntis und Kronberg auf.

Ein Beispiel (Kalender 1911, S. 42): „Die Männer, welche die Kohle und Post tragen, stellen zuweilen kleine Steine aufeinander, wenn sie Rast machen oder wenn ein Kamerad dort verunglückt ist. So weiss man, wo einer fiel. “ Das bezieht sich ausdrücklich auf die Strecke zwischen Schwägalp und Säntisgrat. Hermann Grosser schreibt „Aus dem Leben der Säntisträger “ im Appenzeller Kalender von 1937 wörtlich: „Mancher, der die Säntislast trug, blieb im Nebel. An den Stellen, wo man ihn fand, wurden kleine Steinmale aufgesetzt, die lange blieben, bis der Schnee sie niederdrückte.“ (Diese Quelle ist oft zitiert, wurde später im Historischen Jahrbuch Appenzell 1982 erneut abgedruckt.) Und auch Johann Ulrich Gmünder erwähnt die Steinhäufchen am Grat und schreibt im Heimatbuch Urnäsch von 1924 unter dem Kapitel „Die Wege auf den Säntis“: „Sie gelten als stille Zeichen. Kein Kreuz, kein Schild, nur Stein auf Stein – Erinnerung für die, die wussten, wer da geblieben ist.“ Noch eine Quelle lässt sich ausmachen: In den mündlichen Überlieferungen im **Archiv der Appenzeller Volkskunde (AI/AR, Dossier „Säntisleben“) **finden sich mehrere Tonaufnahmen aus den 1950er–1970er Jahren; da erzählen Zeitzeugen – meist Söhne oder Enkel ehemaliger Säntisträger – von den gefährlichen Winteraufstiegen. In einem Interview mit dem Träger Jakob Signer, geb. 1885, heißt es wörtlich: „D Wind het mit ihne gfochte, und si hei zrugg gfochte. Drum hät me gseit, d'Säntisträger hei mit em Wind stritte.“ Und im Appenzeller Kalender, Jahrgang 1932, erschien ein Bericht „Vom Leben auf dem Säntis“, darin heißt es: „Im Winter wagten sich nur die Träger hinauf. Man sagte, sie streiten mit dem Wind, bis er sie trägt oder fällt.“ Die Appenzeller Mundart kündet davon: „mit em Wind stritte“ bedeutet: „sich nicht beugen, sich durchsetzen gegen widrige Umstände“. Der Ausdruck spiegelt eine reale Erfahrung wider: Die Säntisträger mussten oft bei Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h unterwegs sein. Sie hielten sich an Seilen fest, schützten ihr Gesicht mit Tüchern, stapften gegen den Sturm. Der Kampf mit dem Wind war buchstäblich.

Als 1882 die meteorologische Station errichtet wurde, bekamen die Säntisträger plötzlich einen neuen Auftrag: Sie mussten regelmäßig hinauf, egal bei welchem Wetter. Sie brachten Brennstoff, Wasser, Proviant, später auch Briefe und Messgeräte. Damit wurde ihr Beruf ein Stück weit offiziell – sie waren nun Teil eines größeren Ganzen, Träger des Fortschritts und Boten zwischen zwei Welten.
Ihr Gang war mühselig, aber unverzichtbar. Jeder Schritt, jede Last war ein Beweis dafür, dass der Berg nur deshalb bewohnt werden konnte, weil unten Menschen bereit waren, ihn zu versorgen.
Noch heute erzählen alte Leute im Appenzellerland von den Säntisträgern, die im Winter „mit dem Wind gestritten“ haben. Sie gingen, wenn niemand mehr ging. Und manche kamen nicht zurück.


3. Die Wetterwarte und ihre Zeit (1882–1969)

1886 entstand auf dem Gipfel des Säntis ein steinernes Haus – dickwandig, niedrig, mit schmalen Fenstern und einem Verbindungstunnel zur Messstelle. Man baute es so, weil der Wind dort oben kein Besucher, sondern ein Bewohner ist.
Messungen von MeteoSchweiz und den späteren Nachfolgegeräten zeigen, dass der Säntis regelmäßig Windgeschwindigkeiten von über 150 km/h, in Spitzen sogar bis zu 230 km/h erreicht. Im Winter 1925 notierte man Böen, die Fensterläden abrissen und Eisenstangen krümmten. Schnee fällt hier oft waagrecht, feiner als Staub, gefroren zu Nadeln, die die Haut aufreißen. Die Wärter sprachen von „Luft, die schlägt“. In ihren Berichten steht, dass sie die Türe nur mit zwei Mann öffnen konnten, weil der Wind sie sonst aus den Angeln riss. Einmal wurde ein Schlitten, der für die Post bereitstand, vom Sturm über die Brüstung getragen und hundert Meter weit verweht.
Temperaturen von minus 25 Grad, kombiniert mit Sturm und Eisregen, machten jede Bewegung zur Tortur. Das Haus musste deshalb mit Eisenklammern in den Fels verankert werden. Fensterrahmen aus Gusseisen, doppelte Türen, und dazwischen ein kleiner Gang, den man „Windfalle“ nannte.
Der Tunnel zwischen Wohnraum und Messstelle – gerade einmal zwölf Meter lang – rettete Leben. Wenn der Sturm tobte, konnten die Wärter die Instrumente ablesen, ohne hinaus zu müssen. Viele beschrieben den Tunnel als „zweiten Atem des Hauses“ – ein Schutzröhrchen im tobenden Berg. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1893 nennen den Säntis: „Einen Ort, wo der Wind nicht weht, sondern wohnt.

Die Geburt der Wetterwarte – ein Labor über den Wolken

Am 3. Oktober 1887 wurde die meteorologische Station auf dem Säntis offiziell in Betrieb genommen. Ihr Bau hatte mehr als 45 000 Franken gekostet – eine Summe, die damals einem kleinen Dorfhaushalt für Jahrzehnte gereicht hätte. Und sie kam nicht einfach aus der Staatskasse. Ein Teil stammte aus Privatspenden, Vereinsbeiträgen und Sammlungen im Appenzellerland; ein anderer Teil aus der neu gegründeten Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich.
Die Idee, eine Hochgebirgsstation zu errichten, ging auf Dr. Johann Jakob Huber zurück, Meteorologe aus St. Gallen. Er hatte bereits auf dem Säntis Versuchsgeräte aufgestellt, um den Einfluss von Höhe und Feuchtigkeit auf Luftdruck zu messen. Doch das Wetter zerstörte die Geräte immer wieder. Er schrieb 1883: „Nur ein festes Haus aus Stein kann hier bestehen, und es braucht Männer, die stärker sind als der Sturm.
Viele Behörden hielten das für verrückt – „zu teuer, zu gefährlich, zu nutzlos“, hieß es im St. Galler Regierungsprotokoll von 1884. Doch Huber und einige Gelehrte aus Zürich blieben hartnäckig. Sie wollten Daten aus einer Höhe, in der Wolken entstehen, weil sie glaubten, dass man Wetter verstehen müsse, um Katastrophen vorherzusagen.
Der Säntis wurde gewählt, weil er frei in den Winden steht: zwischen Nordsee und Mittelmeer, in der Hauptströmung der Westwinde. Kein anderer Punkt in der Schweiz lag so zentral in der Wetterschneise.
Als die Station endlich eröffnet wurde, galt sie als eine der höchstgelegenen und exponiertesten Messstationen Europas. Ihre Werte wurden täglich an die Zentralanstalt in Zürich übermittelt, später sogar international nach Paris und Wien weitergegeben. In Fachkreisen sprach man bald vom „Säntis-Effekt“ – einem typischen Muster von Druckabfall und Winddrehung, das oft zwei Tage vor einem Sturmeinbruch im Flachland gemessen wurde. Das machte den Säntis zu einem Frühwarnpunkt für die ganze Schweiz.
Noch 1901 schrieb das Journal de Météorologie Suisse: „Kein Ort Europas hat eine so reine, freie Windmessung wie der Säntis. Er ist unser Auge im Himmel.
Damit wurde aus einem einsamen Felsen über Nebel und Schnee ein Ort von Weltbedeutung.


4. Das Jahr 1922 – Der Säntismord

Februar 1922 herrschte ein ungewöhnlich harter Winter. Schneestürme fegten wochenlang über den Gipfel, das Thermometer sank auf minus 26 Grad, und die Wetterwarte war wie oft für Tage vom Tal abgeschnitten. Am 21. Februar brach die Funkverbindung zur Station ab. Vier Tage lang kam kein Lebenszeichen.
Als man schließlich am 25. Februar 1922 mit einem Suchtrupp hinaufstieg, fanden die Männer im Stationshaus die beiden Wärter – Heinrich Haas und seine Frau Magdalena Haas – tot auf. Sie waren erschossen worden.
Die Ermittlungen ergaben, dass der Täter der Hilfsarbeiter Johann Eggenberger war, der kurz zuvor entlassen worden war. Er hatte sich in der Nacht Zugang verschafft, beide getötet und sich dann selbst das Leben genommen. Die Tat geschah, nachdem man ihm wegen Unzuverlässigkeit gekündigt hatte.
Weil die Station damals als Symbol schweizerischer Standhaftigkeit galt, löste das Verbrechen europaweit Entsetzen aus, denn später berichteten auch Zeitungen außerhalb der Schweiz über das Geschehen auf dem Gipfel. Das Schweizerische Nationalmuseum fasste es später so zusammen:
The murder caused a stir not only in Switzerland, but throughout Europe.
Es war das erste und einzige Mal, dass der Name des Säntis in den europäischen Schlagzeilen stand – nicht wegen Wind, Wetter oder Forschung, sondern wegen eines Verbrechens, das oben in der Einsamkeit geschah.
In der Neuen Zürcher Zeitung vom 27. Februar 1922 hieß es:
Die Stätte, die Wind und Frost widersteht, ist von Menschenhand entweiht worden. Der Säntis, Sinnbild schweizerischer Treue, steht stumm über einem Doppelmord.
Nach der Beisetzung in Urnäsch errichteten Kollegen ein schlichtes Kreuz aus Lärchenholz in der Nähe der Station. Später wurde es durch eine Metalltafel ersetzt – sie trägt nur die Namen, kein Datum, kein Pathos. Der Vorfall ging als „Säntismord“ in die Schweizer Pressegeschichte ein und wurde in den Folgejahren immer wieder aufgegriffen – zuletzt im Appenzeller Jahrbuch 1982, das die Polizeiprotokolle neu abdruckte.
1969 verließ der letzte Wetterwart den Gipfel. Seitdem misst ein Automat, doch wer bei Sturm lauscht, meint, das alte Haus schreibe noch mit.


5. Die Säntisträger – Das Ende eines Berufes (bis 1935)

Mit der Station wurde ihr Dienst offiziell. Sie trugen Post, Proviant, Messgeräte – Sommer wie Winter, bei jedem Wetter. Ihre Namen tauchten in den Büchern der Wetterwarte auf, mit Datum, Last und Unterschrift, wie stille Zeugen eines Arbeitslebens zwischen Himmel und Stein. Sie waren keine Beamten, sondern Männer aus dem Tal: Bauern, Holzfäller, Taglöhner. Im Sommer brachten sie Brot und Post, im Winter Kohle, Öl und manchmal einen Brief, den der Wind schon halb zerrissen hatte. Die Last wurde auf der Schwägalp gewogen und im Gipfelhaus notiert – ein einfaches Protokoll, das über Leben entschied.
Der Aufstieg war gefährlich. In alten Berichten steht, dass sie sich bei Sturm an Seile banden, um nicht verweht zu werden. Ein Fehltritt bedeutete den Tod, doch es gab keine Versicherung, keinen Ersatz. Nur den Satz, den man im Tal sagte: „S’isch halt dä Berg.

Ab den 1920er Jahren begannen Ingenieure über eine Seilbahn zu sprechen – zuerst als Erleichterung für Materialtransporte, später als Verbindung für Besucher. Die Träger hörten das mit gemischtem Gefühl. Manche begrüßten es, andere wussten, dass es ihr Ende bedeutete.

1933 begann der Bau der Schwebebahn, 1935 wurde sie eröffnet. Von da an transportierten Stahlseile, was früher Schultern getragen hatten. Die Säntisträger standen unten und sahen zu, wie das Eisen tat, was sie ein Leben lang getan hatten – schneller, sicherer.

Hermann Grosser schrieb im Appenzeller Kalender: „Die Geschichte der Säntisträger hat bald nach der Eröffnung der Säntis-Schwebebahn ihr Ende gefunden. Aber Männer, welche die Posten versahen, waren stille Helden und verdienen wie die Wetterwarte alle Achtung und Anerkennung.

Die Säntisträger wussten, dass ihr Beruf kein Reichtum brachte, aber er gab ihnen Würde und Bedeutung. Der Berg brauchte sie, und das machte sie zu etwas Besonderem. Als dann die Schwebebahn kam, war das wie eine schleichende Entthronung – das Seil tat, was früher die Schultern taten. In den Chroniken liest man Sätze wie diesen (Hundwil, 1935): „Sie standen am Tag der ersten Fahrt auf der Schwägalp, hatten Hüte in den Händen, aber keiner winkte.“

Ein alter Träger, Jakob Sonderegger, sagte 1954 in einem Interview mit der Appenzeller Zeitung:
„Mir hei d’Berg ufem Rücken gno, und d’Maschine het ihn eifach gnoh. Aber s’isch scho rächt – d’Zyt geht wiiter.“ („Wir haben den Berg auf dem Rücken getragen, und die Maschine hat ihn einfach genommen. Aber es ist schon recht – die Zeit geht weiter.“)

Nicht alle waren dagegen. Einige halfen beim Bau der Bahn mit, trugen Schienen und Kabel, als letzte Ehre sozusagen. Andere sagten, der Berg bleibe ja derselbe – „es isch nume de Wind, wo sich ändret “.
Aber im Kern war da eine leise Trauer. Die Männer wussten, dass mit der Schwebebahn nicht nur Arbeit verloren ging, sondern eine Art Beziehung: zwischen Mensch und Berg, getragen von Schweiß, Gefahr und Vertrauen.
Manche von ihnen wurden später Bahnarbeiter, andere halfen im Gasthaus, wieder andere gingen zurück in die Täler. Doch ihr Beruf blieb unauslöschlich mit dem Berg verbunden.
Die Pfade, die sie traten, heißen noch heute Trägerweg oder Kohlensteig. Und wenn man an klaren Tagen von der Schwägalp aufblickt, scheint es, als stiege immer noch einer dort hinauf – langsam, stetig, aufrecht gegen den Wind.


6. Wetter und Zeichen

Der Säntis ist kein Berg, an dem das Wetter vorbeizieht – er ist der Ort, an dem es wohnt. Die Wolken rasten hier nicht, sie entstehen. Der Wind hat hier Namen, Richtungen, Stimmen. Messungen der Wetterwarte zeigen Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde, manchmal mehr. In manchen Wintern gefriert die Luft selbst – der Nebel wird zu Eis, die Zäune und Antennen zu weißen Skulpturen. Man nennt sie Reifblumen oder Eisfahnen, je nachdem, ob sie blühen oder wehen.
Gewitter sind häufig – der Säntis gehört zu den blitzreichsten Punkten Europas. Manche Nächte leuchten hier oben wie ein eigener Himmel: Feuerkugeln tanzen zwischen Antennen, und das Krachen hallt zwischen den Tälern wider wie eine Predigt aus Metall. Die Meteorologen messen, die Besucher staunen, doch die Alten wussten längst, was das bedeutete: Wenn das Licht im Nebel flimmert, steht das Wetter auf der Schwelle.
Bei bestimmten Bedingungen – wenn Sonne und Eis zusammentreffen – zeigen sich Halos, Glorien und manchmal das seltene Brockengespenst: ein schattenhaftes Abbild des Betrachters, von Licht umkränzt, schwebend in der Wolke. Viele hielten es einst für den Geist des Berges selbst.
Die Leute im Tal kannten ihre Zeichen. Wenn sich um den Gipfel ein linsenförmiger Wolkenhut legte, sagten sie: „D’Wetterfrau het de Chessel dräit.“ Dann wussten sie: Innerhalb von drei Tagen kommt Schnee.
Diese Wetterfrau war keine Erfindung, sondern Teil einer alten Symbolsprache. Sie war die unsichtbare Hüterin des Gipfels, die das Wetter „kochte“ – ein Rest jener weiblichen Bergmythologie, die in Appenzell noch im 19. Jahrhundert in Sprichwörtern lebte.
Heute liest man Datenreihen, Diagramme, Windrichtungen – doch der Sinn bleibt derselbe: Der Säntis spricht durch Luft, Licht und Eis. Und wer ihn kennt, weiß, dass er immer zuerst den Atem ändert, bevor der Himmel folgt.

Das Lied vom „Wetterjoch“
Im Appenzeller Liedgut (Sammlung Brunner, 1911) taucht ein altes Hirtenlied auf, dessen dritte Strophe lautet:

Uf’m Säntis, wo d’Winde d’Kärch’li baue,
hockt d’Wetterfrau mit’m Silberchessel.
Schlägt dr Blitz, so rüert si um,
und lacht, weils Chind z’tief i dä Wolke schlummert.


Sinngemäße Übersetzung: „Auf dem Säntis, wo die Winde kleine Kirchlein bauen, sitzt die Wetterfrau mit ihrem silbernen Kessel. Wenn der Blitz schlägt, rührt sie darin um und lacht, weil ihr Kind tief in der Wolke schläft.
Bedeutung & Deutung: Ein altes Wetterlied; es wurde von Sennern gesungen, wenn sich das Gewitter näherte – halb Spott, halb Zauber. Die „Wetterfrau“ ist eine mythische Gestalt, eine Art Berggöttin oder Hexe, die das Wetter „kocht“ – ihr Silberkessel ist das Sinnbild für die brodelnden Wolken, Donner und Blitz sind ihr Tun. Die „Winde, die Kirchlein bauen“, sind ein poetisches Bild für die Linsenwolken; und dass ihr Kind „in der Wolke schläft“, ist ein altes Symbol: die Ruhe inmitten des Sturms.

Die Stille nach dem Blitz
Eine der schönsten, aber kaum bekannten Erzählungen stammt aus Hundwil (Überlieferung ca. 1902):
Nach einem großen Donner, wenn alles still wird, sagt man: ‚Der Säntis hat einen Atem geholt.‘ Wer dann still steht, hört ihn seufzen.
Viele glaubten, dass der Berg nach jedem Unwetter kurz „lebendig“ werde – der Wind änderte sich, ein Echo vibrierte, das man fast fühlen konnte. Die Alten sagten: „Das ist, wenn der Blitz das Herz trifft und er kurz erwacht.


7. Volksheilkunde und Kräuter der Schwägalp

An den unteren Flanken des Säntis wächst eine andere Apotheke – still, unscheinbar, aber alt wie der Berg selbst. Zwischen Latschen, Hangmooren und Geröll blühen Kräuter, die in keinem Garten gedeihen: Bärwurz, Meisterwurz, Alant, Wollkraut, Lungenkraut, Alpensalbei.
Die Frauen der Schwägalp kannten ihre Plätze genau. Sie gingen frühmorgens mit Körben hinaus, wenn der Tau noch auf den Blättern stand und die Sonne die Spitzen der Fichten berührte. Sie sammelten, was die Witterung gerade zuließ: die Wurzeln der Bärwurz – kräftig, süßlich, voll Sonnengeschmack; die Rinde der Meisterwurz – scharf und reinigend; die goldenen Blüten des Alant, die in Milch gekocht den Husten stillten.
Das Wollkraut, auch Königskerze genannt, legte man als warmen Umschlag auf schmerzende Gelenke. Das Lungenkraut war „für die Brust“ – man bereitete daraus Tee mit Honig, besonders für Kinder, die in den feuchten Bergstuben husteten. Und der Alpensalbei, mit seinen silbrigen Blättern, galt als Schutz gegen „Wetterkopfschmerz“, jenes Dröhnen im Schädel, wenn der Druck fiel und der Sturm kam.
Eine alte Frau aus Urnäsch sagte um 1910: „Was ufem Säntis wächst, heilt, was dä Säntis bricht.“ Das war kein Spruch, sondern Erfahrung: Wer vom Wind gezeichnet war, suchte Heilung im Windgewachsenen.
Aus Bärwurz brannte man auch den sogenannten „Wurzelgeist“ – ein klarer, harziger Schnaps, der die Glieder wärmte und „den Frost aus dem Blut trieb“. In den langen Wintern stand er neben den Salben und Tinkturen in jeder Stube.
Viele dieser Rezepte wurden im Appenzeller Kalender und in handgeschriebenen Hausbüchern festgehalten. Sie folgten keinem Dogma, sondern dem Wetter, der Jahreszeit und dem, was die Wiese hergab. Im Frühjahr trank man Meisterwurzwein zur Reinigung, im Herbst Alanttee gegen die Kälte, im Winter Wollkrautmilch mit Honig.
Noch heute duftet die Schwägalp im Juli nach diesen Pflanzen – würzig, balsamisch, erdnah. Wer über die Matten geht, spürt, dass hier das Heilen nicht im Labor beginnt, sondern im Lauschen. Denn der Säntis, so sagten die Alten, gibt jedem das, was er braucht – wenn man weiß, wann man fragen muss.


8. Eine schöne Sage des Riesen Säntis

Lange bevor der Berg seinen Namen trug, so erzählen die Alten, wanderte ein Riese durch das Land. Er hauste im Schwendibachtal, dort, wo das Wasser kühl und das Gestein weich war. Seine Füße formten Täler, seine Hände legten Felsen aufeinander, als spiele er mit Murmeln aus Stein. Wenn er sich setzte, wuchs Gras über seine Knie; wenn er sich reckte, fiel Schnee von seiner Stirn. Er war ein sanfter, aber unruhiger Riese – einer, der die Berge liebte, aber nirgends bleiben konnte. Manchmal hörte man ihn nachts seufzen, und die Menschen sagten: „Der Säntis dreht sich im Schlaf.

Eines Tages, müde vom Gehen, legte er sich nieder zwischen Bodensee und Rheintal, den Kopf im Nebel, die Füße im Tal. Er ruhte sich aus – und nie wieder auf. Über seinem Rücken wuchsen Felsen, Wälder, Firn. Sein Atem blieb, und wann immer der Föhn durch das Tal zieht, sagt man, es sei der Riese, der im Schlaf atmet. Seine Rippen sind die Grate, sein Herz der Stein. Der Wind, der über die Schwägalp fegt, heißt hier noch immer „Säntiswind“ – er riecht nach Eisen, Schnee und ferner Sonne. Manche sagen, wenn der Föhn brennt, wache der Riese für einen Moment auf und öffne ein Auge – darum der plötzliche Glanz über dem Berg, wenn alle Täler noch grau sind. Die Alten aus Urnäsch und Appenzell erzählten, dass die Grenze zwischen Nord und Süd dort verläuft, wo einst sein Rücken lag – eine Linie, die kein Mensch zog, sondern der Schlaf eines Gottes.
In manchen Sagen heißt es auch, der Riese sei gefallen, weil er den Himmel berühren wollte. Er war zu stolz, zu neugierig, und als Strafe erstarrte er zu Stein. Doch seine Güte blieb im Boden: Darum wachsen an seinen Flanken die stärksten Kräuter, und seine Quellen gelten als heilkräftig.
Und wenn abends der Föhn warm durch die Tannen fährt und die letzten Wolken an seinem Gipfel hängen bleiben, sagen die Hirten noch heute: „D’Riese isch am Otem hole.“ – der Riese holt Atem.


9. Die Stupa – alte Wege, neue Formen

Oben steht heute eine buddhistische Stupa – weiß, still, mit goldener Spitze. Sie wurde als Friedenssymbol errichtet, und wer sie umkreist, tut, was Menschen hier seit Jahrhunderten tun:
den Kreis schließen, das Herz still machen, dem Wind zuhören.


10. Hinab

Als wir später hinabfuhren, wurde das Licht schon wieder weicher, die Schatten länger. Die Nebel stiegen wieder, der Wind legte sich an die Gondel wie ein Atem. Unten roch die Luft nach Erde, Gras und kalten Sommer. Der Säntis stand still, doch ich könnt´ schwören, er sah uns nach. Man nimmt von ihm mit – den Ruf der Bergdohlen im Ohr, Maß, Stille, ein Stück Ordnung im Innern, und ein Kinderspielzeug das muht, wenn man´s dreht..

Landerun

Quellenverzeichnis – Säntis – Ein Gang über den Wolken

 

Freitag, 31. Oktober 2025

Ertha - für Erntedank, für Allerheiligen und Allerseelen

"Ertha" ist ein Lied für den Erntedank, für Allerheiligen und Allerseelen. Das ist die Zeit der verborgenen Arbeit. Nicht das Licht entscheidet hier, sondern das Gleichmaß darunter. Die Erde hält den Atem an, um zu binden, was später treiben soll. Im Zwie-Gelicht liegt keine Schwäche. Es ist der Ort, an dem Gegensätze einander tragen. Was hier geschieht, entzieht sich dem Blick – und gerade deshalb ist es wirksam. Kein Same „wartet“. Er steht unter Bann. Nicht im Sinne von Stillstand, sondern in einer Ordnung, die weder Anfang noch Ende kennt. Und wenn es sich löst, ist nichts neu entstanden – nur sichtbar geworden, was längst wirkte.

Ertha

https://youtu.be/OsPBLXjfW1U

Äcker träumen unterm Reif,
ihr Atem steigt in Schwaden.
Das Jahr versinkt in Wurzelbett,
doch regt sich Ungeschautes.

Es singt die Holla altes Lied,
vom Zauber dunk’ler Nächte.
Hüt’ alles still im Zwie-Gelicht,
damit wir’s kaum gewahren.

Kein Same flieht, kein Halm erwacht,
kaum Laut, nur stilles Schaffen.
Über dem das graue Heer,
mit all den vielen Wachen.

Kein Ruf, kein Name hält es fest.
Es find’t den Weg vom Anbeginn,
trägt im Innern alten Bann
das Gesam’ für’s Werden.

Donnerstag, 30. Oktober 2025

Vorgeschichte: Vor der deutschen Besiedlung des Hauerlandes

Entstehung, Umfeld und frühe Entwicklung von Velké Pole (Hochwies)

1. Der alte Boden – Völker und Landschaft vor dem 13. Jahrhundert

Bevor in den Tälern der Nitra und des Hron deutsche Sprache erklang, lebten hier seit Jahrhunderten westslawische Gemeinschaften – Nachfahren jener Stämme, die im Frühmittelalter das Gebiet des heutigen Mittelslowakiens besiedelten. Archäologische Befunde bei Nitrianske Pravno, Handlová und Žiar nad Hronom belegen kontinuierliche slawische Siedlungen seit dem 8. Jahrhundert: kleine, locker gestreute Weiler, geschützt durch bewaldete Höhen, mit einfachen Holz-Erde-Bauten und gemeinschaftlich bewirtschafteten Feldern.¹

Im 9. Jahrhundert fiel das Gebiet unter den Einfluss des Großmährischen Reiches, dessen Zentrum sich um Nitra und Mikulčice erstreckte. Diese frühe Staatlichkeit brachte christliche Mission (Kyrill und Method), erste feste Kirchenbauten aus Holz und den Übergang von wandernder Viehwirtschaft zu sesshaftem Ackerbau.²

Nach dem Zerfall Großmährens zu Beginn des 10. Jahrhunderts gerieten die west- und mittelslowakischen Gebiete unter die Oberhoheit der magyarischen Stämme, die sich im Karpatenbecken festsetzten. Im 11. Jahrhundert etablierten die Nachfolger des Fürsten Géza und König Stephans I. († 1038) das Königreich Ungarn. Die Region um das spätere Hauerland wurde dabei nicht kolonial neu besetzt, sondern als Grenz- und Forstzone in das bestehende System der Gespanschaften eingegliedert. Die slawische Bevölkerung blieb; sie zahlte nun Abgaben an ungarische Grundherren und kirchliche Institutionen, etwa das Erzbistum Esztergom

Die Wirtschaft war einfach und lokal: Getreide- und Hirseanbau, Bienenzucht, Holzkohle, Jagd, gelegentliche Eisenverarbeitung aus oberflächennahen Erzen. Handel spielte kaum eine Rolle; Wege endeten oft im Wald.


2. Der Einschnitt – Verwüstung und Entvölkerung nach dem Mongolensturm

Im Jahr 1241/42 verwüstete der Mongolen-Einfall große Teile des ungarischen Königreichs. Chroniken wie jene des Rogerius (Carmen Miserabile) berichten, dass die Mongolen die mittlere Slowakei „in Asche legten“.⁴
Auch wenn konkrete Angaben zu Hochwies fehlen, gilt: Zahlreiche Dörfer in der Region zwischen Neutra, Kremnitz und Zvolen waren danach entvölkert oder völlig zerstört.
Zeitgenössische Steuerlisten verzeichnen für mehrere Jahrzehnte einen deutlichen Rückgang der Bevölkerung.⁵

Diese Katastrophe markierte den Wendepunkt: König Béla IV. von Ungarn (1235–1270) leitete eine umfassende Wiederbesiedlungs- und Befestigungspolitik ein. Er ließ Burgen errichten, Städte neu gründen und lud „hospites“ – Gäste aus westlichen Landen – ins Land, um die Wirtschaft wieder aufzubauen.


3. Die neuen Siedler – Herkunft, Rechte und Gründe

Die sogenannten deutschen Gäste kamen überwiegend aus Regionen, die bereits berg- und hüttenmännische Erfahrung hatten:
aus Oberungarn, Schlesien, Thüringen, Sachsen und dem Alpenraum. Sie reisten entlang bestehender Handelsrouten über Pressburg und Neusohl ins Binnenland.

Sie erhielten:

  • Erbrechte auf gerodetem Land („Hufen“),
  • Steuerfreiheit für 8–10 Jahre,
  • eigenes Recht (ius teutonicum), das Dorf- und Stadtgerichte, Erbfolge und Selbstverwaltung regelte.⁶

Diese Privilegien schufen die rechtliche Grundlage für die deutschen Kolonien im Gebiet, das später „Hauerland“ genannt wurde – nach den vielen Rodungen (-hau, -hauen).⁷


4. Von Kremnitz nach Hochwies – wirtschaftliche Zentren und Ausstrahlung

Der Bergbau war der Magnet dieser Bewegung.
In Kremnitz (Kremnica) und Schemnitz (Banská Štiavnica) entstanden im 13. und 14. Jahrhundert durch königliche Bergfreiheiten hochentwickelte Bergstädte mit deutscher Stadtordnung.⁸
Von dort aus verbreiteten sich Techniken, Sprache und Rechtsformen in die umliegenden Täler.
Die Wald- und Wiesenregion südlich von Handlová wurde so zur Versorgungs- und Siedlungszone der Bergstädte: Holz, Kohle, Vieh, Lebensmittel, Schmiedearbeiten.

Velké Pole (Hochwies) wird 1332 als „de Prato“ erstmals erwähnt – wörtlich „vom Wiesengrund“.⁹
Die Toponymie spricht für eine Rodungsgründung in dieser Zeit.
Archäologisch lassen sich im Umkreis spätmittelalterliche Glashütten und Kohlenmeiler nachweisen, die in engem Zusammenhang mit dem Aufschwung des Bergbaus stehen.
Hochwies lag somit am Rand, aber im wirtschaftlichen Einflussgebiet der königlichen Bergstädte Kremnitz und Neusohl.


5. Die gemischte Bevölkerung

Die Ansiedlung war keine „reine deutsche Kolonisation“.
Die ungarische Krone siedelte deutsche Familien auf bereits slawischem Boden.
So entstanden zweisprachige Dörfer, in denen deutsches Dorfrecht galt, die Bevölkerung aber bald sprachlich gemischt war.
Die neuen Bewohner brachten Fachwissen – Schmelztechnik, Holzverwertung, Handwerk –, die alte Bevölkerung blieb mit Land und Vieh verbunden.
Später entstand aus dieser Verbindung die spezifische Hauerländer Identität: deutsch im Recht und in der Kirche, slowakisch im Tausch und im Lied.


6. Zusammenfassung – Strukturelle Gründe für die deutsche Präsenz

Jahrhundert Herrscher / Ereignis Bedeutung für das Hauerland
9. Jh. Großmährisches Reich erste organisierte slawische Besiedlung
10.–11. Jh. Eingliederung in das Königreich Ungarn slawische Bevölkerung bleibt; feudal organisiert
1241/42 Mongolensturm Verwüstung, Entvölkerung weiter Landstriche
ab 1247 Béla IV. gezielte Ansiedlung deutscher Fachleute („hospites“)
1308–1382 Karl I. Robert, Ludwig I. der Große Ausbau des Bergbaus; Gründung und Privilegierung der Bergstädte
1332 erste Erwähnung Hochwies („de Prato“) Rodungssiedlung im Einflussgebiet von Kremnitz
14.–15. Jh. Sigismund v. Luxemburg u. a. Bestätigung deutscher Rechte; Konsolidierung der Sprachinsel

7. Nachklang

Was später als „Hauerland“ bezeichnet wurde, war also kein zufälliger deutscher Fleck,
sondern das Ergebnis einer strategischen, jahrhundertelang fortgesetzten Kolonisationspolitik.
Velké Pole war einer der südlichsten Punkte dieser Entwicklung – klein, aber typisch:
ein Ort, gegründet auf gerodetem Wiesengrund, bevölkert von Siedlern aus deutschen und slowakischen Familien,
getragen von der Arbeit im Wald, im Berg, im Feld.


Quellen

  1. Hanika, K. (1952): Siedlungsgeschichte und Lautgeographie des deutschen Hauerlandes. München.
  2. Kirschbaum, S. J. (2005): A History of Slovakia. Palgrave Macmillan.
  3. Marsina, R. (1987): Dejiny Slovenska I–II. Bratislava.
  4. Rogerius: Carmen Miserabile (1243), lat. Original; ed. Szabó 1972.
  5. Štefanovičová, T. (1993): Archeológia Slovenska v období feudalizmu. Bratislava.
  6. Horváthová, A. (2002): Karpatendeutsche im Hauerland. Bratislava.
  7. Richter, K. (2018): „Die deutsche Sprachinsel Hauerland“, in Linguistische Treffen in Wrocław 12.
  8. Banská Bystrica Museum: Stredoveké baníctvo na Slovensku, Ausstellungsheft 2015.
  9. Digital Slovakian Archives, „de Prato 1332“ – Pfarrregister Kremnica.

Donnerstag, 19. Oktober 2023

Baumgesang - ich lebe noch... und war ganz viel draußen

Mein liebstes Geräusch ist der Wind in den Fichten, dem zu lauschen ich in den letzten Monaten reichlich Gelegenheit hatte. Wie oft schlief ich in der Hängematte unter "meiner Fichte" im Garten ein, geborgen unter ihrem starken Sein, gebunden in dem ewigen Kreislauf der Dinge, in dem alles unaufhaltsam in Bewegung ist. Die Überzeugungen und Bräuche in den germanischen Gesellschaften zeigen den tiefen Glauben an die Beseeltheit allen Seins - insbesondere der Bäume, zu denen unseren Ahnen eine ganz eigene Verbindung hatten. Wer heute spöttisch jemanden als "Baumstreichler" tituliert hat meines Erachtens nach die Verbindung schon lang verloren, eventuell nie gehabt. Die Vorstellung, dass Bäume als vollendete Doppelgänger gleichwertig mit Menschen betrachtet wurden, hat sich in unterschiedlichen Formen entwickelt. Es gibt verschiedene Aspekte dieser Gleichsetzung, die in antiken Schöpfungsmythen und der Vorstellung von Bäumen als persönliche Wesen zu finden sind. Manchmal wurde sogar eine imaginäre Verschmelzung von Körper und Seele zwischen Mensch (oder Tier) und Pflanzen angenommen. Man glaubte, dass der Baum die Hülle einer Seele sein könnte, die sich durch den Tod vom menschlichen Körper gelöst hatte, oder dass Bäume von Elfen oder Schutzgeistern bewohnt werden könnten, die kaum von anderen Wesen zu unterscheiden sind. Es gibt auch Ideen, dass die Seele oder der Genius eines Baumes ein eigenes Leben neben dem Baum führt, in Stürmen, schlechtem Wetter, Wäldern und Feldern. Es kann vorkommen, dass du in der Darstellung des nordischen Baumglaubens auch einzelne Analogien aus entfernten Ländern und anderen Teilen der Welt findest. Ich stimme vollkommen mit den Worten von Theodor Mommsen überein, der in seiner römischen Geschichte bis zur Schlacht von Pydna (1861) betonte, dass man bei der historischen Kritik nicht den Hauptgrundsatz vergessen sollte:

"Jedes historische Phänomen sollte zunächst im Rahmen der Nation, zu der es gehört, geprüft und erklärt werden, und erst das Ergebnis dieser Forschung kann als Grundlage für internationale Vergleiche dienen."

Die germanische Welt hat die Verbindung zwischen Mensch und Pflanze in vielerlei Hinsicht erkundet. Bereits in alter Zeit war dieses Thema in unserer Poesie lebendig, auch ohne jegliche mythologische Verklärung. Es war und ist ein Miteinander, Füreinander, ein norwegischer Dichter, dessen Spruch später Odin in den Mund gelegt wurde, bringt es auf den Punkt:

"Der Baum, der einsam im Dorf steht, welkt dahin, ohne Blätter und Rinde, die ihn einst genährt haben. Ebenso der Mann, dem keine Liebe entgegengebracht wird, welchen Sinn hat sein weiteres Dasein?"

Diese poetische Analogie verdeutlicht die Verbundenheit von Mensch und Natur und betont die Bedeutung von Liebe und Gemeinschaft für das Wohlbefinden des Einzelnen, also auch der Sippe, der Gemeinschaft. Die Germanen glaubten, das "der Mensch ist wie ein Baum" ist, Sein Sichtbares Antlitz wiederholt sich in den Wurzeln und in seinr Aura. Im Volksglauben der skandinavischen und deutschen Stämme finden wir dies, sowie bei ihren slawischen und finnischen Nachbarn verbunden mit der Vorstellung, dass Bäume geheimnisvolle und übernatürliche Eigenschaften besitzen, die den Menschen ähneln. In einigen Regionen behandeln die Menschen Bäume als Individuen mit eigenen einzigartigen Eigenschaften und sprechen sie auch dementsprechend an. Zum Beispiel schüttelte man in Westfalen Bäume und sagt: "Der Wirt ist tot", um den Tod des Hausherrn anzuzeigen. In Mähren streicheln Bauern Obstbäume mit den klebrigen Händen, die sie für die Zubereitung des Weihnachtsteigs verwendet haben, und sagen: "Bäumchen, bring viele Früchte". In der Silvesternacht tanzten Menschen um Obstbäume herum und riefen: Freue ju Böme
Nüjár is kömen!
Dit Jar ne Käre vull,
Up et Jär en Wagen vull!'

Es gab einmal einen Wald in Schweden, zwischen Eslöv und Sallerup, den eine Riesin gepflanzt haben soll. In diesem Wald stand eine besondere Eiche namens Gyldeiche, die für ihre unheimlichen Vorfälle in vergangenen Zeiten bekannt war. Wenn Menschen vorbeikamen, grüßten sie den Baum respektvoll mit "Guten Morgen Gylde!" oder "Guten Abend Gylde!" Einen alten Brauch, ähnlich dem um die Gyldeiche, findet man im Tirol: Gehst du an einem Holunderbaum vorüber so grüße ihn. Und als Zeichen des Respekts ziehe den Hut.

Holzarbeiter in der Oberpfalz sprechen von Bäumen, als wären sie Personen. Wenn der Wind durch die Baumkronen streicht, sagen sie, dass die Bäume "sich neigen und zu sprechen beginnen" untereinander. Die Bäume "verstehen sich". Der Baum "singt", wenn der Wind durch seine Zweige rauscht. Es heißt, dass der Baum nicht gerne "sein Leben aufgibt". Wenn er mit der Axt gefällt wird, "seufzt" und "stöhnt" er, wenn er zu Boden fällt. Es geht die Sage von einem Förster, der mit dem Besitzer eines Waldes darüber stritt, welcher von zwei wunderschönen Buchen vor ihnen gefällt werden sollte. Die beiden Bäume neigten sich seufzend hin und her. Der Waldbesitzer rief erschrocken: "Wer hat geseufzt?", aber es war niemand da, der antwortete. Voller Furcht gingen die beiden davon und verschonten diese prächtigen Bäume. Bis zum heutigen Tag bitten Holzfäller einen schönen und gesunden Baum um Verzeihung, bevor sie ihm "das Leben nehmen".

Wie oft habe ich Bäume ächzen und seufzen gehört bevor sie der Motorsäge zum Opfer fielen, unheimliche Stimmung, stocksteife Trauer. Auch die Fichte im Hofe ächzte und stöhnte als der Holzfäller ihr das Leben nahm. In der Vergangenheit glaubten die Menschen, es sei wichtig, um Erlaubnis zu bitten, bevor sie einen Holunderbaum fällten. Ich glaube, dass man dem jeweiligen Lebewesen sagen sollte, warum man seiner Kräfte bedarf. Früher sprach man ein Gebet, bat den Baum, etwas von seinem Holz zu geben. Dieser Glaube wurde auch in einer Aufzeichnung aus Dänemark im Jahr 1722 erwähnt. Ähnlich gibt es Erwähnungen des Bittens um Erlaubnis vor der "Holundermutter- Hyllefroa" und der "Eschenfrau - Askafroa" in Ljunitshärad. Am Aschermittwochsmorgen gossen die Menschen vor Sonnenaufgang Wasser über die Wurzeln des Eschenbaums und boten es Askafroa an, in dem Glauben, dass dies Glück bringe mit den Worten: "nu offrar jag, sá gör du oss ingen skada. (Nun opfere ich, tue uns keinen Schaden!)"

Man nahm an, dass Insekten, die in und um Bäume und Pflanzen herum leben, Menschen und Tieren schaden können. Diese Kreaturen wurden als böse Geister in Form von Würmern angesehen, eine Vorstellung, die nicht nur bei den Germanen verbreitet war. Man glaubte, dass diese Geister in Form von Schmetterlingen, Raupen, Regenwürmern, Kröten usw. in den menschlichen oder tierischen Körper eindringen und verschiedene Krankheiten wie Tuberkulose, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Zahnschmerzen, insbesondere nagende, stechende und pochende Schmerzen, verursachen können. Der Glaube an diese Kreaturen basiert auf einem einfachen psychologischen Phänomen und kann heute noch beobachtet werden. Man glaubte, dass diese Geister, oft als "Elbe" bezeichnet, aus dem wilden Wald kamen, um sowohl Menschen als auch Tieren zu schaden. Es wird angenommen, dass der Baum, der diese Geister in seiner Rinde beherbergt, sie entweder mit der Absicht aussendet, Schaden anzurichten, oder um sie loszuwerden, da sie in seinem eigenen Körper Unheil anrichten, aber niemals das Innere von Menschen angreifen. Es wird auch angenommen, dass der Baum oder Baumgeist diese krankheitsverursachenden geisterhaften Schädlinge (Elben usw.) wieder zurücknehmen kann. Bei Zahnschmerzen z. B. soll dieses helfen: einen Birnbaum rechts und umfassen und ihn mit den Worten anreden:

'Birnbaum, ich klage dir,
Drei Würmer, die stechen mir,
Der eine ist grau,
Der andere ist blau,
Der dritte ist rot,
Ich wollte wünschen, sie wären alle drei todt'.


Diese Zeremonie nennt man den Baum 'anklagen'. Auch andere Pflanzen standen im Verdacht, durch ihren Willen Würmer im tierischen Organismus festzuhalten. Der böhmische Aberglaube kennt folgenden Spruch, der beweist, dass nicht nur Bäume Träger des eigenen Übels werden sollten. Geh auf das Felde ein Distel zu suchen, einen Stein und eine Ackerkrume darauf zu legen und zu sagen:

'Distelchen, Distelchen,
Ich lass' nicht eher dein Köpfchen los,
So lang du nicht frei läßt die Würmer der Kuh' (des Pferdes u. dgl
.)

Nun also erfolgte die Zurückberufung, auf das Gesundheit wieder hergestellte werden möge, Schaden abgewendet werde. Aus dem alten Rußland berichtet die Volkskunde das bei Auftreten von Seuchen folgendes Lied gesungen wurde, indem dabei mit einem Pflug um das Dorf zu Abwehr der bösen Geister eine abwehrende Furche zu ziehen war:

'Vom Ocean, von der tiefen See
Sind zwölf Mädchen gekommen;
Sie nahmen ihren Weg - kein kleiner war's -
Zu den steilen Höh'n, zu den Bergen empor
Zu den drei alten Holunderbäumen'.

In diesen siedenden Kesseln
Brennt mit unauslöschlichem Feuer
Jedes Leben unter dem Himmel‘
Rund um die siedenden Kessel
Stehen die alten Holunder

In diesen siedenden Kesseln
Brennt mit unauslöschlichem Feuer
Jedes Leben unter dem Himmel'
Rund um die siedenden Kessel
Stehen die alten Holunder


Die alten Holunder singen,
Sie singen von Leben, sie singen von Tod,
Sie singen vom ganzen Menschengeschlecht.
Die alten Holunder verleihen
Der ganzen Welt langes Leben;


Doch dem andern, dem Übeln Tode,
Bestimmen die alten Holunder
Eine weite und große Reise.
Die alten Holunder versprechen
Ein beständiges Leben
Dem ganzen Geschlechte der Menschen'
.

 

Ob die Frauen in den letzten Jahren auch gesungen haben? Die 12 Mädchen jedenfalls stehen für die Krankheiten, die Holunder geben im Liede ihre Zustimmung, die Menschen und / oder Tiere heimzusuchen, ihnen das Leben zu nehmen. Doch dann erfasst sie Mitleid, was sich in den letzten Versen äußert und den Holunder seine Heilkraft mit den Menschen teilen lässt.

Wenn das Besingen nicht helfen will, dann muss die Magie herhalten, allerlei Beschwörungsformeln haben die Chronisten niedergeschrieben, Ziel war immer das eigene Leid auf ein anderes Lebewesen zu übertragen. Eine von Räucherung geweihter Kräuter und Rosenblätter begleitete Beschwörung in Böhmen lautet:

'Ich verwünsche euch Gliederweh,
Brandweh, Beinweh
In den tiefen Wald,
In die hohe Eiche,
In das stehende Holz
Und in das liegende.
Dort schlagt euch herum und stoßet
Und gebet dieser Person (Name) Ruhe'

Ob das geholfen hat? Ein Placebo hilft ja auch, so kann die Vorstellung des Rücksendens durchaus Linderung, ja sogar Genesung bringen. Der Glaube versetzt Berge, heute wie damals. Die Bäume also sind wichtig für unsere Gesundheit, das wer sich an ihnen verging mit heftigen Strafen zu rechnen hatte. Denn Baumfrevel wurde bestraft, die Gebrüder Grimm haben etliche Textstellen dazu gesammelt. Hier ein Beispiel:

'Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem
Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum nageln und denselben Baumschäler um den
Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien'.
(Oberurseler Weistum.)

'Wenn jemand eine Weide abschält, so soll man ihn mit seinem Gedärme den Schaden bedecken
lassen; kann er das verwinden, kann es der Baum auch verwinden'. (Wendhager Bauernrecht.)


'Wenn jemand einen fruchtbaren Baum abhauete und den Stamm verdeckte dieblicher Weise, dem soll seine rechte Hand auf den Rucken gebunden und sein Gemechte auf den Stammen genagelt werden und in die linke Hand eine Axe geben sich damit zu lösen. (Schaumburger altes Landrecht.)'

Bei diesen Strafen wird man sich sicherlich überlegen ob man die Hand an einen Baum legen zu wagt. Ob solcherlei Strafe jemals verhängt wurde weiß man nicht, vielleicht konnte sich der Missetäter mit klingender Münze freikaufen, das hat ja schon immer funktioniert und tut es noch. Jedenfalls drängt sich mir angesichts der Rodungen überall dieser Gedanke auf.

Ich wünschte mir die Kinder würden wieder darinnen unterrichtet was lebt, beseelt und atmet, denn das brächte mit Sicherheit eine wirkliche Verbesserung für Baum und Pflanzen, Mensch und Tier. Ihr Bäume - ich grüße Euch.

Friede sei mit Euch
Landerun

Montag, 21. März 2022

Frühlingserwachen und Neubeginn

Die Tagundnachtgleiche ist erreicht. Licht und Dunkel halten sich die Waage – ein kurzer Moment des Gleichgewichts, bevor das Licht endgültig die Oberhand gewinnt. Ostara markiert diesen Übergang, dieses leise Kippen der Welt. Noch ist der Winter spürbar, doch überall regen sich die ersten Zeichen des Lebens. Es ist die Zeit des Aufbruchs. Knospen brechen auf, die Erde atmet, und mit ihr erwacht auch das Innere. Gedanken werden klarer, Bewegungen leichter, als hätte jemand eine unsichtbare Last genommen. Das Alte darf gehen, das Neue zeigt sich zaghaft, aber bestimmt. Seit jeher wurde dieser Zeitpunkt gefeiert. Mit Eiern als Symbol des Lebens, mit Feuer als Zeichen der Sonne, mit Ritualen, die den Kreislauf des Jahres ehren. Vieles davon ist verloren gegangen oder überformt worden, doch der Kern bleibt spürbar, wenn man hinausgeht und hinsieht.

Vielleicht ist es genau das: wieder lernen zu sehen. Nicht nur das Offensichtliche, sondern die feinen Veränderungen. Das erste Grün, das sich durchsetzt. Der Geruch von feuchter Erde. Das leise Summen, das zurückkehrt. Ostara ist kein lautes Fest. Es ist ein Übergang, ein Atemzug zwischen den Zeiten. Wer ihn wahrnimmt, spürt, dass etwas beginnt.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Nummerierte Schamottsteine, das Buch "Totsein für Anfänger" und ich

Bin ich schon alt? Oder eine ewig Gestrige? Das frage ich mich nach etlichen Gesprächen mit Bekannten und Nachbarn. Wo ist mein Platz, wo soll ich hin? Was ist Heimat - da wo ich geboren und aufgewachsen bin? Oder nur da wo ich z. Zt. mein Leben verbringe? Oder im Herzen? In einem Glas Erde das ich von daheim mitgebracht habe, in einem Stein aus dem Bach hinter meines Vaters Garten, der sich in meinen Händen seltsam vertraut anfühlt? Was ist das, das uns in jungen Jahren vortreibt und uns dann in der Mitte des Lebens heimwärts zieht? Flügge werden, auf eigenen Beinen stehen, zeigen man kann es allein. Das ist gut und wichtig, aber irgendwie schmeckt es nirgends so wie daheim, riecht es so, atmet der Acker Heimat, singen die Vögel so suß Willkommen, stürmt der Wind um die Hausecke im ewig altvertrauten Liede. Heim, ja heimwärts zieht es mich. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie jemand so fern der Heimat auf ewig verweilen möchte, womöglich in fremder Erde begraben werden wird. Das möchte ich bitte ganz sicher nicht, wenn es Zeit für den endgültigen Heimgang ist, dann bitte in heimatlichen Gefilden, den Ahnen zur Seite, da wo die alten Weiden rauschen. Bis dahin sehe ich hoffentlich noch mindestens 50 Sommer, jetzt den Löffel abgeben, unvorstellbar. Es ist noch so viel Arbeit. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht um die Nachhaltigkeit von Bestattungen und um unsere neue Bestattungskultur. Das frühe Christentum verlangte eine Bestattung des intakten Körpers in der Umarmung der Erde. Es erfolgte die Feuerbestattung parallel dazu bis zum Verbot im Jahre 789 durch Karl den Großen. Erst um die Jahrhundertwende kam die Frage nach der hygienischen Beseitigung der Leichname nach dem Fortschreiten der medizinischen Kenntnisse und den Cholera- und Typhusepidemien wieder auf. So geschah es, dass 1878 in Gotha das erste Krematorium auf deutschen Boden seinen Betrieb aufnahm. Die Vorarbeit leisteten deutsche und italienische Ofenbauer, sie nutzten die technischen Möglichkeiten der Industrie und ihre Kenntnisse zur Leichenverbrennung. Der italienische Pathologieprofessor Lodovico Brunetti zeigte schließlich einen Feuerbestattungsapparat 1873 auf der Wiener Weltausstellung. Die Katholische Kirche erlaubte die Kremierung erst ab 1963, die Evangelische schon um 1920. Feuerbestattungen sind nach wie vor auf dem Vormarsch, gestorben wird vielfach im Krankenhaus, Gebeine sind aus unserem Alltag verschwunden, bestenfalls als stilisierte Dekoration auf unserer Kleidung finden wir sie. Doch gehört der Tot zum Leben dazu und das angemessene Bestatten mit allem was dazu gehört. Es bleiben nach der Verbrennung zwei bis vier Kilogramm Asche über, über 750 Grad in der Einäscherungskammer und knapp zwei Stunden später, dann ist alles weißer Staub. Was grob ist wird durch die Knochenmühle gegeben, alles landet in einer Aschekapsel, dazu ein Schamottstein mit der laufenden Nummer um Verwechslungen auszuschließen. Die Aschekapsel wird in eine Schmuckdose eingefasst und verschlossen. Schließlich wird dann zur letzten Ruhe gebettet, nicht im Garten, auf dem Gottesacker in vorgeschriebener Tiefe. Damit wäre das Aufräumen beendet, zumindest dessen was sichtbar ist. 

Und dann? Wie und dann? Ja was ist mit dem Rest? Ist da noch was da, etwas Geistiges? Wer will schon weg sein, für immer, das Ich, das Sein - weggefegt? Manchmal in Sekundenbruchteilen. Im Leben geht's rauf und runter, das ist kein großes Geheimnis, hat jeder von uns schon mitbekommen. Wichtig ist ,dass in gewissen Situationen etwas da ist einen aufzurichten, zu trösten, Hoffnung zu geben. Als im August diesen Jahres meine liebe Tante starb - immerhin hat sie es bis in die 70er trotz einer ständig wiederkehrenden Krebserkrankung mit unerschütterlicher Willensstärke geschafft, hatte ich einen papiernen Trost an meiner Seite. Da wir ziemlich weit auseinander wohnen sah ich sie das letzte Mal 2018 im Sommer. Irgendwie war es mir damals schon klar, dass dies das letzte physische Zusammentreffen sein wird. Wie sie da so zerbrechlich neben den großen Sandsteinpfeilern stand, die die verrosteten, schön geschmiedeten, ehemals stolzen Tore des großen Gutes, indem sie seit Kinderzeiten eine Wohnung mit einem von ihr liebevoll gehegten Garten bewohnte, hielten, da wusste ich es. Wir hatten noch viele Telefonate und das Letzte wollte und wollte kein Ende nehmen, sie war so in Erinnerungen schwelgend wie kaum sonst. Ja, ich wusste es schon. 

In der Woche als sie starb lag ich unter meinem vertrauten Haselnuss und lass zufälligerweise das Buch 'Tot sein für Anfänger - ein Handbuch für Nichtgestorbene' von Anja RiviniusUnd während ich mich über Anja Rivinius´ Formulierungen und ihren saloppen, manchmal spöttischen, aber stets lustigen, niemals belehrenden Ton amüsierte, ging meine Tante aus dieser Welt in die Nächste.

Am Donnerstag hatte ich das Buch fertig gelesen und am Donnerstag so gegen Mittag hatte ich plötzlich das starke Gefühl der Anwesenheit meiner Tante, ich musste ständig an sie denken bei allen Dingen die ich an diesem Tage tat. Da ich das schon ein paar mal erlebt habe hielt ich also inne und sprach mit ihr als wäre sie da. Das Gefühl der Anwesenheit wurde schließlich im familiären Lauf des Tages verschluckt,  und ich erfuhr von ihren Heimgang erst am Samstag per WhatsApp. Gruselig nicht wahr? Die Gefühle, die einen überwältigen wenn ein geliebter Mensch verstirbt, kennt sicherlich jeder von uns, doch die tiefe Trauer, das Verlorensein blieb diesmal aus und das, meine ich, ist im Buch von Anja Rivinius´ geschuldet, die in ihrer unnachahmlichen Art einen möglichen Weg der Seele nach dem Tod beschreibt. Sterben ist wie auswandern - sagt die Autorin. Ja und irgendwie hat sie recht. Aber was kommt danach, wo gehen wir hin, wer holt uns ab, werden wir wirklich abgeholt? Was hat es mit dem Licht am Ende des Tunnels auf sich, und was ist wenn wir uns entscheiden hierzubleiben? Bekommt man es mit wenn man stirbt? Was wenn nicht? Wer bleibt hier und spuckt weiter, ist ein Geist? Tut das weh wenn man hier bleibt? Ich meine nicht körperlich aber irgendwie anders.
Gehen wir mal davon aus, dass der Mensch eine Art Seele hat, oder ein Bewusstsein, das sich vom irdischen Hier und Jetzt trennen muss um in die nächste Welt, in die nächste Abteilung, nächste Bewusstseinsstufe, zu gelangen, meinethalben auch um sich dem göttlichen Mene-Tekel zu unterwerfen. Dann gibt es danach definitiv mehr als nichts, viel mehr als nichts, schreibt auch die Autorin, die selbst schon ein Nahtoterlebnis hatte. Ganz genau kann es freilich nicht benannt und beschrieben werden, dazu müsste man ja ganz tot, mausetot sein, Tote schreiben nicht. Wenn sie das doch tun, dann spuken sie herum, benehmen sich von ihrem Standpunkt aus ganz genau so als wären sie am Leben. Das muss total frustrierend sein, sind doch alle Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Wenn man dann sauer wird als Gestorbener, dann wäre es doch nachvollziehbar - oder nicht? Kommen vielleicht daher die ganzen Spukgeschichten, weil doch etwas, jemand dableibt? Ja, sagt Anja Revinius, und sie ist nicht allein mit ihrer Ansicht. Jeder Nichtgestorbene wird einen großen Teil ihrer Ausführungen bestätigen (können). Nach dem was ich schon alles in den über 40 Sommern gesehen, erlebt und gefühlt habe weiß ich das danach etwas kommt und wir definitiv nicht allein sind. Ich habe das Buch schon zweimal verschenkt an Menschen wo Hilfe Not tat, und auch hier hat es geholfen. Anja, ich danke Dir! Ich danke Dir von ganzen Herzen, das Du dieses kniffelige Thema so natürlich anpackst - und das im wahrsten Sinn des Wortes. Das Buch sollte beim Bestatter, in der Kirche und beim Seelentröster liegen, es ist eins was wirklich wichtig ist. Anja Revinius ist Christin, das merkt man selbstverständlich im Text. Alles kommt vom himmlischen Vater und wirkt durch den Sohn Jesus Christus.