Mit 380 Metern Fallhöhe gehören die Krimmler Wasserfälle zu den höchsten Europas und sind die höchsten Österreichs. Schon auf der Zufahrt durchs obere Salzachtal sieht man die Wasserstufen in der Ferne aufblitzen. Je nach Blickwinkel und Vegetation zeigen sie sich anders – manchmal nur die oberste, ein silbriger Streifen im Fels, dann wieder alle drei Stufen übereinander. Weit oben im Krimmler Kees, einem Gletscher am Fuß des Großvenedigers, fällt fast jeder Niederschlag als Schnee. Was hier Jahr für Jahr liegen bleibt, wird zu Firn, verdichtet sich und wandert langsam hangabwärts. Am unteren Rand beginnt das Eis zu schmelzen und fließt talwärts als Krimmler Ache, über Geröll und Mulden, vorbei an Zirben, die älter sind als jedes Haus im Tal. Nach etwa zwanzig Kilometern erreicht sie eine Bruchkante im Gestein, an der das gleichmäßige Gefälle endet, und stürzt in drei Stufen hinunter – zusammen 380 Meter tief. Im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze einsetzt, schießen bis zu 500 000 Liter Wasser pro Sekunde ins Tal, im Winter bleibt kaum ein Hundertstel davon.¹
Die Krimmler Wasserfälle liegen im sogenannten Tauernfenster, einer geologischen Zone, in der tiefere Schichten der Erdkruste an die Oberfläche gedrückt wurden. Es zeigt, was sonst im Inneren der Gebirge verborgen bleibt: metamorphe Gesteine, verformt und gehoben unter dem Druck der Alpenbildung. Im Bereich der Fälle treten vor allem Zentralgneise und Glimmerschiefer auf, durchzogen von Granat- und Quarzadern, mit Einschlüssen aus Amphibolit und Eclogit. Zwischen den harten Schichten finden sich weichere Lagen, die das Wasser modelliert und ausgeschliffen hat. Über die Jahrtausende formten Eis und Schmelzwasser das Tal, glätteten den Fels und hinterließen Kolke und Strudeltöpfe, die heute den Verlauf der Ache begleiten.²
Unterhalb der Fälle beginnt der Bergwald. Fichten und Lärchen stehen dicht; zwischen ihnen leuchten Moose in allen Schattierungen auf den Steinen, die von den Wurzeln der Bäume festgehalten werden. In den Mulden wachsen Alpenrosen, Enziane, Arnika und Trollblumen. Eisenhut blüht dunkelviolett, daneben stehen Silberdisteln, deren Blüten im Sonnenlicht glänzen. Je näher man den Fällen kommt, desto feuchter wird die Luft; sie trägt den Geruch von Wald, Harz und Stein. Wasseramseln und Gebirgsstelzen huschen über die Steine, und weiter oben, wo der Hang steiler wird, erklingt der Pfiff eines Murmeltiers. Wenn die Sonne über die Gipfel steigt, lösen sich Schwaden aus dem Wald und treiben langsam davon.³
Der Weg, der am Fuß des Wasserfalls beginnt, wurde 1879 angelegt. Albert Schett, Postmeister in Krimml, leitete den Bau. Vierzig Männer arbeiteten zwei Sommer lang, ohne Maschinen, ohne Sprengstoff. Mit Hammer, Meißel, Brechstange und Seil trieben sie Stufen in den Feld, errichteten Geländer und befestigten die Kehren mit Stein. Nach rund vierhundert Höhenmetern erreicht man die Schett-Kanzel, den höchsten Aussichtspunkt. Oberhalb der Fälle öffnet sich das Krimmler Achental, ein breites Hochtal, das sich zwanzig Kilometer nach Westen zieht. Es wird seit Jahrhunderten alpwirtschaftlich genutzt. 1983 wurde das Tal Teil des Nationalparks Hohe Tauern, des größten Schutzgebiets der Alpen. In seinem Herzen leben wieder Bartgeier, Luchs und Steinadler. Die Moore oberhalb der Ache werden renaturiert, Bäche dürfen wieder mäandern – der Boden atmet.⁴
Das Klima an den Fällen ist eigen. Selbst an heißen Tagen liegt die Luftfeuchtigkeit bei über achtzig Prozent. Der Sprühnebel trägt Wasser weit in die Umgebung und schafft ein Mikroklima, das Pflanzen gedeihen lässt, die sonst nur oberhalb der Baumgrenze vorkommen. Moose und Flechten bedecken Steine und Wurzeln, manche leuchten im Licht wie nasser Samt. Die winzigen Wasserpartikel – kleiner als fünf Mikrometer – gelangen tief in die Atemwege. Sie wirken entzündungshemmend, verbessern die Durchblutung, beruhigen das vegetative Nervensystem. Schon im 19. Jahrhundert kamen Kranke hierher, um zu atmen. Sie nannten es die Krimmler Luft; heute heißt es Wasserfalltherapie. Die Universität Salzburg und die LMU München erforschen diese Wirkung seit Jahrzehnten – was Menschen damals spürten, gilt heute als belegt.⁵
Das Wasser der Ache selbst ist klar, arm an Mineralien, reich an Bewegung. Es enthält Spuren von Calcium, Magnesium, Eisen und Silikat. In den unteren Zonen, wo die Gischt täglich den Hang benetzt, wachsen Moosarten, die sonst nur in Quellmooren vorkommen – das Quellmoos (Philonotis fontana), das Widertonmoos (Polytrichum commune) und das Glänzende Sternmoos (Mnium hornum). Zwischen ihnen blüht das Milzkraut, das schon in alten Kräuterbüchern als „Leibkraut wider Husten und Gicht“ geführt wurde. Der Botaniker Joseph Rechberger notierte 1893: „Am Fuße des Krimmler Falles gedeiht das Alpenmilzkraut in solcher Fülle, dass der Boden gelbgrün schimmert.“ Oberhalb des Waldes liegen die Almen des Krimmler Achentals. Seit Jahrhunderten treiben Bauern ihr Vieh herauf; der Butter wird in alten Steingutgefäßen im Wasser gekühlt. Manche Hirten erzählen, der Nebel des Wasserfalls halte den Käse länger frisch – „er zieht die Hitze raus“, sagen sie.⁶
Im Winter kehrt Ruhe ein. Der Wasserfall gefriert stellenweise, aber nie ganz; hinter dem Eis fließt er weiter, gedämpft, tief, als atme er im Winterschlaf. Dann sind es Schneeammern und Schneehühner, die die Hänge beleben. Füchse ziehen durchs gefrorene Geröll, und manchmal zeigen sich Spuren eines Luchses, der leise die Grenze überschreitet.
In alten Erzählungen heißt es, der Wasserfall sei der Atem der Berge. Eine Sage berichtet vom Gletscherkind, „ein Knab, geboren im Eise, der den Menschen das Wasser brachte und sie lehrte, dass Kraft ohne Milde Verderben schaffe. Als sie aber begehrlicher wurden und mehr nahmen, als sie brauchten, da nahm er das Wasser mit sich in die Tiefe.“ Daneben erzählen die Leute vom „Wasserhüter“, „einem alten Mann mit Bart aus Moos, der in Nebelnächten über den oberen Fall wacht. Wer ihm begegnet, den trifft kein Stein und kein Unheil.“ Und die Frauen im Tal sagen: „Am Johannistag soll kein Wasser aus der Ache geschöpft werden, es sei zu stark und bringe Unrast ins Haus. Erst am Morgen darauf darf man’s zum Brotbacken nehmen, dann ist’s gesegnet vom Berg.“
In der Sprache des Oberpinzgaus tragen viele Wörter die Erinnerung an diese Landschaft: Ache für Wasser, Kees für Gletscher, Törl für Pass, Schrofen für Fels, Lahne für Lawinenrinne, Kaser für Sennhütte. Der Name Krimml selbst wird schon 1220 in Urkunden als Krimelach geführt – wahrscheinlich aus dem mittelhochdeutschen krumen, „sich biegen“. Das Wasser, das sich krümmt, gab dem Ort seinen Namen.⁷
Fußnoten & Quellen
¹ Hydrologie und Wasserlauf
- Hydrologischer Dienst Salzburg – Messdaten, Messprotokolle und Jahresberichte Krimmler Ache 1980–2020.https://www.salzburg.gv.at/wasser/hydro/
- Hydrographisches Jahrbuch Österreich – BML Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft (Beispielausgabe 2010, PDF). https://www.bmluk.gv.at/dam/jcr%3A63935eb9-bc5f-455b-8fc0-fe1b43722914/Hydrographisches%20Jahrbuch%202010_publiziert%202012.pdf
- Open-Data-Portal Land Salzburg – Hydrographischer Dienst / Datensätze Krimmler Ache https://www.data.gv.at/katalog/de/dataset/?organization=land-salzburg&res_format=TXT&tags=Hydrographischer+Dienst
² Geologie, Tektonik, Chemie
- Geologische Karte 151 – Krimml 1:50.000. Geologische Bundesanstalt Wien https://www.freytagberndt.com/de/geologische-karte-151-krimml-1-50-000.html
- Publikation: Geologische Übersicht der Venediger-Gruppe (Blatt Krimml) https://www.zobodat.at/pdf/VerhGeolBundesanstalt_1961_0035-0056.pdf
- Universität Innsbruck – Institut für Geologie und Paläontologie https://www.uibk.ac.at/geologie/
- Universität Innsbruck – Institut für Geographie (Hydrologie und Glaziologie) https://www.uibk.ac.at/geographie/
³ Flora, Fauna, Vegetation, Klima
- Nationalpark Hohe Tauern – Vegetationskartierungen, Faunakartierungen, Renaturierungsberichte 2000–2020 https://www.hohetauern.at/de/forschung.html
- Frey, H. (2001): Wirbeltiere des Nationalparks Hohe Tauern https://www.zobodat.at/personen.php?id=47688
- Vegetation des Naturdenkmals „Krimmler Wasserfälle“ (PDF) https://www.zobodat.at/pdf/WissMittHoheTauern_6_0009-0049.pdf
- Nationalpark Hohe Tauern – Online-Kartendienst https://hohetauern.at/de/service/kartendienst.html
⁴ Geschichte, Weganlage, Nationalpark
- Österreichischer Alpenverein, Sektion Pinzgau – Bauprotokolle und historische Unterlagen Schett-Kanzel (1879) https://www.alpenverein.at/pinzgau/
- Tiroler Landesarchiv – Bestand „Krimmler Tauernweg“ (A-147/14) https://www.tirol.gv.at/kunst-kultur/landesarchiv/
- Nationalpark Hohe Tauern – Infoseite Krimmler Achental https://www.nationalpark.at/de/nationalpark/taeler-gipfel/krimmler-achental
⁵ Medizinische und biologische Studien
- Universität Salzburg – Wasserfalltherapie und Aerosolwirkung – Forschungsprojekte (2012–2020) https://www.plus.ac.at/geoinformatik/arbeitsgruppen/geomorphologie-und-hydrologie/
- Moser, A. et al. (2014): Wirkung von Wasserfallaerosolen auf das Respirationssystem. Universität Salzburg https://eplus.uni-salzburg.at/open-access
- Fuchs, W. et al. (1986): Ionisation und Aerosolbildung an Wasserfällen. LMU München https://edoc.ub.uni-muenchen.de/
⁶ Botanik, Volkskunde, Alpwirtschaft
- Rechberger, J. (1893): Botanische Notizen aus dem Pinzgau https://www.zobodat.at/pdf/AbhZooBotGesWien_43_0181-0189.pdf
- Flora Europaea (1970) – Royal Botanic Garden Edinburgh https://rbg-web2.rbge.org.uk/FE/
- Schamberger, K. (1878): Lebensweise und Brauchtum der Almen im Oberpinzgau (LSA/1878-44) [Landesarchiv Salzburg – Archivsignatur LSA/1878-44]
- Tiroler Volkskundearchiv – Kräuterbücher und Hausmittel des 18. Jahrhunderts https://www.volkskundemuseum.at/
⁷ Sagen, Sprache, Ortsnamen
- Wurmbauer, J. (1858): Pinzgauer Volkssagen – Digitalisat (inkl. „Gletscherkind“). https://www.zobodat.at/pdf/Volkskunde_1858_0001-0043.pdf
- Pernlochner-Archiv (1872): Volkskundliche Sammlungen Oberpinzgau – „Wasserhüter“, Johannistagsbrauch. [Museum Oberpinzgau, Mittersill]
- Kriechbaum, O. (1965): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. https://opac.obvsg.at/AC00127234
- Ortsnamenarchiv Land Salzburg – Eintrag „Krimml“ (1954)https://www.salzburg.gv.at/kultur_/Seiten/ortsnamendatenbank.aspx