1 350 g Apfelsinen, Saft von 2 Zitronen, 3/4 | Wasser, 2 700 g Zucker
Apfelsinen gut bürsten und die kleinen dunklen Stellenden entfernen. Früchte halbieren und Saft und Kerne ausdrücken. Schalen vierteln und in feine Streifen schneiden. Zuvor das weiße Mark abschneiden, grob zerkleinern und zusammen mit den Kernen auf ein Stückchen Leinen zu einem Beutel verknoten, damit das Wasser dem Mark und den Kernen das Pektin entziehen kann.
Apfelsinen und Zitronensaft durch ein Sieb in einen großen Kochtopf gießen, Apfelsinenschale, den gefüllten Leinenbeutel und das Wasser zufügen, aufkochen und langsam 11/2 bis 2 Stunden bei schwacher Hitze köcheln lassen, bis die Schalen weich sind. Den Beutel herausnehmen, auf einen tiefen Teller legen, mit einer Schaumkelle über dem Topf gut auspressen. Zucker dazugeben und bei kleiner Flamme auflösen, zum Kochen bringen und etwa 20 Minuten bis zur Geleeprobe bei starker Hitze kochen lassen. Häufig umrühren. Vor dem Einfüllen in die sauberen, trockenen Gläser 10 bis 15 Minuten abkühlen. Nach dem Erkalten zubinden und beschriften
Schon in frühen Kulturen, etwa in Ägypten und Babylon, wurden Feste zur Zeit des Frühlings begangen, bei denen man die Götter um Fruchtbarkeit für Tiere und Pflanzen bat. Auch die alten Deutschen kannten ein solches Fest zu Ehren von Thor und Ostara oder Eostra. An dessen Stelle trat später die christliche Deutung, während sich der alte Bezug in den Bezeichnungen „Ostern“ und „Easter“ bis heute erhalten hat.
Das heilige Tier der Ostara war der Hase, ihr Lieblingsopfer waren Eier; beide galten als Sinnbilder der wieder erwachenden Natur und der Fruchtbarkeit, die insbesondere der Frühling mit sich bringt. Osterhase und Ostereier sind daher eng mit den deutschen Ostergebräuchen verknüpft.
Lange vor dem Fest legt die Hausfrau möglichst viele Eier an, färbt und bemalt sie mit schönen Mustern und versteckt sie am Ostermorgen, in kleinen Nestchen gelegt, auf die wiederum ein Osterhäschen gesetzt wird, im Haus, im Garten oder auf der Wiese, wo die Kinder sie dann suchen. Auch Erwachsene beschenken sich gegenseitig mit Ostereiern, wie es schon die heidnischen Altvorderen taten; indessen sind an die Stelle der ursprünglichen Hühnereier jetzt zumeist Schokoladen- oder Zuckereier, auch wohl Eier aus Porzellan oder Metall getreten, die die auserlesensten Erzeugnisse des Zuckerbäckers, in wohlhabenderen Kreisen unter Umständen auch Gegenstände kostbarer Natur, Goldsachen und Juwelen, als Inhalt in sich bergen.
Mit den Ostereiern wird von den Kindern mancherlei Kurzweil getrieben. Sehr verbreitet ist das Eierpicken: Zwei Spieler verbergen in der hohlen Hand ein Ei, so dass nur die Spitze hervorsieht, und picken, d. h. stoßen die beiden Eierspitzen aneinander; wessen Ei dabei unversehrt bleibt, der erhält das seines Gegners.
Ein anderes am Ostertage sehr beliebtes Volksspiel ist Eierkullern oder Eierwalen. Auf einem Hügelabhang oder einer kleinen, besonders dazu hergerichteten und geglätteten schrägen Bahn lassen die Spieler die Eier hinabrollen; wessen Ei die anderen trifft oder überholt, der hat gewonnen. Vielfach sind die Eier außer Gebrauch gekommen; an ihre Stelle sind Äpfel, Pfefferkuchen, sogar Würste getreten, die man den Abhang hinabwirft, worauf sich die zahlreich unten versammelten Kinder um sie balgen.
In Süddeutschland wie auch in der Schweiz betreibt man das Eierlaufen. Auf einer abgesteckten Bahn, am besten auf einer Wiese, werden ein paar hundert Eier in Abständen von je einem Meter verteilt und am Anfang derselben ein Korb aufgestellt. Ein Teilnehmer des Spiels muss jedes Ei einzeln aufheben, zum Korb zurückgehen und das Ei hineinlegen. Währenddessen läuft ein anderer zu einem etwa eine halbe Stunde entfernten Nachbardorf, um sich dort zu melden, und begibt sich ebenso schnell wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Wer seine Aufgabe zuerst gelöst hat, gilt als „König“. Allerlei Lustbarkeiten schließen sich an dieses Eierlaufen an.
Die am Gründonnerstag gelegten Eier schätzt das Volk besonders hoch ein. In Süddeutschland behauptet man, dass diese bereits in der Henne geweiht seien, ehe das Tier sie legt, und am Ostertage eine zweite Weihe durch den Priester erhalten, so dass sie nunmehr eine besondere Wirksamkeit besitzen. Am Ostersonntag nüchtern getrunken, verleihen sie außergewöhnliche Kräfte, schützen vor Blitzgefahr, machen stichfest usw.
In der Oberpfalz und in Oberfranken vergisst der Hausherr niemals, ein Gründonnerstagsei zu essen, um gegen allerlei Krankheiten gefeit zu sein. Er gibt ein an diesem Tag gelegtes Ei sogar dem Vieh zu fressen oder teilt ein solches in zwei Hälften, von denen er die eine in ein Läppchen eingewickelt im Pferde-, die andere im Kuhstall aufhängt, um dadurch Viehseuchen fernzuhalten. In Pommern steckt der Bauer jedem Stück Vieh vor dem ersten Austreiben ein Ei ins Maul, um es zum Hinunterschlucken zu bringen; dadurch sollen die Tiere so rund wie die Eier werden.
In anderen Gegenden werden beim Beginn der Feldarbeit zahlreiche Gründonnerstagseier über den Acker verstreut und unter das Korn gemischt, um große Fruchtbarkeit zu erzielen oder die Saat vor Schaden zu schützen. Auch wirft man bei einem losbrechenden Gewitter ein solches Ei über das Dach des Hauses, um dieses vor Blitzschlag zu schützen.
Geht man am Ostersonntag bei Sonnenschein mit einem solchen Ei durch die Kirche, so vermag man die in der Gemeinde vorhandenen Hexen zu erkennen; überhaupt kann jeder, der ein solches Gründonnerstagsei bei sich trägt, Fehler erkennen, die anderen Menschen verborgen bleiben.
Sehr verbreitet ist in Schwaben der Glaube an die heilende und verschönernde Kraft des Osterwassers, ebenso an die reinigende Kraft des Osterfeuers. Die Sitte des Osterwasserschöpfens hängt wohl mit der Vorstellung zusammen, dass die Erde in derselben Weise, wie sie dem in sie gelegten Samen den Trieb zum Sprossen und Blühen mitteilt, auch dem aus ihr fließenden Wasser eine besondere Kraft verleiht.
Um Mitternacht oder wenigstens vor Sonnenaufgang müssen die jungen Mädchen an einen fließenden, klaren Bach oder auch an den Dorfbrunnen gehen und daraus schöpfen. Während bei dieser Beschäftigung in den meisten Gegenden das Sprechen verpönt ist, wird es in anderen wieder gestattet oder sogar gefordert, insofern man einen bestimmten Spruch beim Schöpfen hersagen muss.
Indessen suchen die Burschen, die die jungen Mädchen begleiten, sie aus Übermut durch allerlei Neckereien zum Sprechen oder Lachen zu bringen; wer gegen die Vorschrift des Schweigens verstößt, für den ist die Zauberkraft dahin. Diese aber ist in den Augen des Volkes eine ganz außerordentliche. Osterwasser ist gleichsam ein Allheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten. Besonders gern wird es gegen Hautkrankheiten angewendet; es soll dem Gesicht Schönheit und Anmut verleihen.
Man kocht auch die Speisen am Ostertage mit solchem Wasser; ferner füllt man es in Flaschen oder Fässer, um es später gegen allerlei Gebrechen zu trinken. Ähnliche Kräfte werden auch dem Ostertau sowie etwa am Ostermorgen gefallenem Schnee zugeschrieben.
Die Sitte der Osterfeuer geht auf die reinigende Kraft der Flamme zurück, mit der ursprünglich die Hexen und Dämonen des Winters vertrieben werden sollten. In vielen Gegenden Deutschlands pflegt das Volk am Abend des ersten Ostertages mit Vorliebe auf Anhöhen, alten Opferstätten oder sonst durch Überlieferung geheiligten Plätzen haushoch aufgetürmte Haufen Holz als Osterfeuer anzuzünden.
Vielfach wird noch mit Musik und festlichem Zug hinausgezogen und getanzt oder sonst wie gefeiert; auch die Kinder beteiligen sich mit allerlei Schabernack daran. In einzelnen Gegenden lässt man mit Stroh gefüllte Tonnen oder flammende Wagenräder die Berge hinunterrollen und begleitet diesen Vorgang mit lautem Gejohle.
Der Glaube an die reinigende Kraft des Feuers tritt noch in einer ganzen Reihe anderer Gebräuche zutage. Im Braunschweigischen behauptet man, dass, soweit das Licht der Osterfeuer reicht, die Felder fruchtbar würden und von Hagel und Missernten verschont blieben; die Häuser in diesem Umkreis seien vor Feuersbrunst und Blitzschlag, ihre Insassen vor Krankheit geschützt.
Man pflegt auch vielfach, die Asche des heruntergebrannten Feuers auf die Äcker zu streuen oder unter das Futter bzw. die Saat zu mischen, um Gedeihen für Tiere und Pflanzen zu erzielen. In der Altmark malt man mit Kohle das Zeichen des Kreuzes an die Haustür, um die Bewohner vor Hexen zu schützen, und Ähnliches mehr.
In katholischen Gegenden werden am Ostersonntagmorgen überall in den Dörfern die Speisen geweiht. Nach dem Gottesdienst drängen sich Frauen und Männer um einen der Seitenaltäre zusammen und setzen ihre Körbchen nieder, in denen Osterspeisen liegen, in der Hauptsache mit Rosinen gespickte Kuchen, ein Stück Schinken und Salz. Der Priester spricht über sie den Segen aus.
Die Speisen werden sodann mit besonderer Andacht zu Mittag gegessen, das Salz aber wird vielfach aufgehoben und muss das ganze Jahr hindurch als Heilmittel gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh dienen.
Wie zu Weihnachten, so bäckt man auch zu Ostern besondere Gebäcke, die in Sachsen „Osterfladen“, im Elsass, in Oberbayern und in Böhmen „Osterlaibe“ und in Wien „Osterflecken“ genannt werden. Es sind meistens dünne, flache Kuchen, die auf das Sonnenrad anspielen.
Auch Umzüge finden zu Ostern hier und dort noch statt. In Schlesien zum Beispiel setzen sich die männlichen Dorfbewohner auf reich geschmückten Pferden von der Kirche aus in Bewegung; vor ihrem Aufbruch übergibt der Pfarrer den Teilnehmern ein Kruzifix und ein geweihtes Banner. Jeder Reiter nimmt noch ein Psalmbuch mit, aus dem während des Rittes, dessen Ziel die umliegenden Dörfer sind, gesungen und gelesen wird.
Bevor wir weitergehen, wollen wir noch kurz der volkstümlichen Gebräuche gedenken, die an den drei Festtagen der Karwoche – am Palmsonntag, am Gründonnerstag und am Karfreitag – geübt werden.
In katholischen Gegenden Österreichs und Süddeutschlands legt man die jungen Triebe der Birken, Weiden, Haselbüsche und anderer Sträucher am Sonntag vor Ostern feierlich vom Priester segnen zu lassen; sie werden dann entweder an die Gläubigen verteilt oder gegen ein paar Pfennige verkauft.
Denn diesen geweihten Zweigen, den sogenannten Palmen – in der Schweiz haben solche „Palmen“ die Gestalt von Bäumen angenommen – wohnt eine geheimnisvolle Macht inne. Die Wohnräume, die man mit ihnen schmückt, bleiben von Unheil verschont; man erreicht dasselbe auch, wenn man diese „Kätzchen“, wie sie auch heißen, auf glühende Kohlen des Herdes wirft.
In der Umgebung Prags schlägt man die Knaben und Mädchen mit den Palmbüscheln, damit sie in der Schule nicht faul werden. In ähnlicher Weise schlagen badische Bauern ihr Vieh in Form eines Kreuzes auf den Rücken, damit es gesund bleibe und reichlich Milch gebe.
Eine ganz eigenartige Sitte ist der Tallsackenmarkt, der am Palmsonntag in Warmbrunn in Schlesien abgehalten wird. Was diesem Jahrmarkt seinen Namen und seine Beliebtheit verleiht, sind die Tallsäcke, die in Massen zum Verkauf gestellten, aus Semmelteig gefertigten menschlichen Figuren beiderlei Geschlechts. Diese verschieden gestalteten Gebilde haben Augen aus Korinthen und drücken mit kugelförmigen Armen ein gefärbtes Ei an die Brust. Damit der Käufer auch weiß, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Tallsack handelt, denkt man im Gesicht des Ersteren als Andeutung des Bartes kleine Teigröllchen an.
Der Gründonnerstag hat seinen Namen wahrscheinlich von der heidnischen Sitte erhalten, um diese Zeit die Erstlinge der Felder, die ersten grünen Gemüse, den Göttern zu opfern. Diese Sitte kehrt auch im christlichen Brauch wieder, am Gründonnerstag entweder ganz zu fasten oder sich auf den Genuss grünen Gemüses zu beschränken.
Daher schreibt die Volkssitte noch heute vor, an diesem Tage Kohl, Rapunzeln, Spinat, Schnittlauch, Sprossenkohl, Brennnesseln, Kerbel, Scharbockskraut, Malven und andere Frühlingsgewächse zu verspeisen. Sie werden entweder als einziges Gericht (Salat) oder mit Teig umhüllt genossen; in Böhmen sind dies die sogenannten Spinatkrapfen, in Schwaben die Laubfrösche oder Maultaschen.
Von sonstigen Gründonnerstagsspeisen erfreut sich noch großer Beliebtheit der Honig. Man nimmt an, dass dieser bei den Opfern, die man Thor darbrachte, eine große Rolle spielte. Daher schreibt man dem Genuss von Honig zur Osterzeit besondere Heilkräfte zu. Ein Honigbrot, das man an diesem Tag nüchtern verzehrt, soll vor dem Biss toller Hunde und giftiger Schlangen schützen.
In Böhmen werfen die Knechte, nachdem sie sich am Ostermorgen durch Waschen an fließendem Wasser gereinigt haben, ein mit Honig bestrichenes Brotstück in den Brunnen, um das Wasser vor Ungeziefer zu bewahren, oder spritzen zu demselben Zweck mit Honig im Zimmer umher. Auch legen sie mit Honig bestrichene Brotscheiben in die junge Saat oder binden vor Sonnenaufgang durch Honig gezogene Fäden, um deren Fruchtbarkeit zu steigern.
Eine in katholischen Fürstenhäusern übliche Zeremonie des Gründonnerstags ist die Fußwaschung, wie sie unter anderem am Kaiserhof zu Wien in Anwesenheit des ganzen Staates, der Minister und Diplomaten am Vormittag dieses Tages in der Hofburg an zwölf Greisen vom Kaiser selbst unter großer Feierlichkeit vorgenommen wird.
Die Frühlingstagundnachtgleiche ist kein Fest im üblichen Sinne. Sie ist ein Zustand. Zwei Kräfte stehen einander gegenüber, exakt im Gleichgewicht. Licht und Dunkel – ohne Übergewicht, ohne Sieg. Gerade deshalb beginnt es zu kippen. Was viele „Ostara“ nennen, ist kein gesicherter alter Brauch, sondern ein später Name, ein Versuch, diesem Wendepunkt ein Gesicht zu geben. Der eigentliche Vorgang liegt darunter. Er ist leise. Im Boden. In den Wurzeln. In dem, was sich unter Druck bewegt, lange bevor es sichtbar wird. Man sieht es nicht zuerst am Licht, sondern daran, dass das Alte den Halt verliert. Und plötzlich steht man irgendwo im Gebirge, zwischen Schnee und abgestorbenem Holz, und merkt: Es hat längst begonnen.
Zwischen Balderschwang, Sibratsgfäll und hinüber nach Immenstadt entstanden diese Aufnahmen. Noch liegt stellenweise Schnee. Was hier hörbar wird, ist der Frühling, wie man ihn erwartet. Und es ist der Moment davor – wenn es unter der Oberfläche bereits arbeitet und sich das Alte nicht mehr behaupten kann. Mehr geschieht nicht. Und genau darin liegt alles.
Auf den Säntis wollte ich immer mal, aber stets kam etwas dazwischen. Wie oft hat er mich von weitem gegrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause fuhr, oder beim Wandern auf einen der anderen umliegenden Gipfel, wenn er endlich hinter Wolken und Nebeln auftauchte – mit seiner strahlend weißen Kappe, wie ein alter Bekannter, der kurz den Hut lupft. An der Talstation befindet sich ein großer überwachter Parkplatz. Wir wanderten am Fuße des Säntis im Kräutergarten ein wenig herum und dann schließlich brachte uns die Seilbahn, die alle 30 Minuten startet, sanft schwebend von 1350 m, zum Gipfel auf 2472 m hinauf; es ist eine Höhendifferenz von 1200 m zu überwinden. Das schafft die Seilbahn unaufgeregt in 10 Minuten mit einer Geschwindigkeit von 8m pro Sekunde.
In der Gondel war es erstaunlich ruhig, fast schon gemütlich. Mich stört der Blick aus großer Höhe nicht, und selbst die Kinder, sonst voller Ungeduld, waren still und rücksichtsvoll – eben typisch Schweiz: höflich, unaufgeregt, freundlich – und so genoss ich den Blick auf die immer dicker werdenden Wolkenfetzen, die machen der umliegenden Berge wie unter einem Häubchen versteckten, bis schließlich alles nur noch dicke graue Watte war, die sich plötzlich im strahlenden Himmelsblau auflöste und den Blick über eine gigantische Landschaft preisgab. Die Luft klar, der Blick weit, der Bodensee in weiter Ferne wie Metall im Dunst.
1. Spuren in Kälte und Stein (bis 10 000 v. Chr.)
Der Berg besteht aus hartem Kalkgestein, vom Wetter zerfurcht, aber ohne tiefen Karst. Er war immer zu rau, zu hoch, zu offen, um Menschen dauerhaft Schutz zu bieten. Und doch atmet seine Umgebung Geschichte. An seinen Hängen und zwischen den Graten des Alpsteins, zu dem der Säntis gehört, liegen die ältesten Zeugnisse menschlicher Gegenwart: Feuerstellen, Werkzeuge und Knochenreste aus der Altsteinzeit. Die bekanntesten stammen aus dem Wildkirchli bei der Ebenalp und aus dem Drachenloch oberhalb des Tamina-Tals – Orte, an denen Menschen während der Eiszeiten Zuflucht fanden. Von dort aus blickt man auf denselben Himmel, dieselben Kämme, spürt dieselben Winde, die auch über den Säntis wehen. Es ist derselbe Gebirgsleib – der seiner Natur wegen lange unbewohnt blieb, doch seine Flanken erzählen, was hier geschah: dass Menschen schon kamen, als das Land noch Eis trug, und dass der Berg sie seither beobachtet. Der Säntis war kein Wohnort, sondern ein Ort des Durchgangs, der Beobachtung und der Deutung. Man kam, blieb kurz, sah, las, nahm etwas mit – Wissen, Wind, vielleicht ein Kraut. Die Kräuterfrauen von Urnäsch, Hundwil und Stein gingen bis in die unteren Flanken des Säntis, um Pflanzen zu sammeln, die nur in der dünnen Höhenluft wuchsen. Sie sagten: „Was ufem Säntis wächset, hälfet, was dr Säntis bricht.“ Das Sammeln war Ritual und Arbeit zugleich – Heilpflanzen gegen Kälte, Frost, Atemnot. Der Säntis kennt uns länger, als wir ihn kennen – und vielleicht erinnert er sich noch an die Hirten, die etwa ab dem Mittelalter hier nachweislich waren. Als später die Alpwirtschaft sich ausbreitete, wurde der Berg Weidegrenze. Die Alpen an seinen Flanken – Schwägalp, Chüeboden, Öhrli – dienten als Sommerweiden. Hirten trieben bis knapp unter den Grat, sammelten Kräuter, schauten nach Wetter und Vieh. Schon in der Mittel- und Jungsteinzeit nutzten Jäger hohe Punkte als Beobachtungsstellen. Von den Graten des Säntis aus sieht man das Wild ziehen – Steinbock, Gämse, Hirsch. Man vermutet, dass Menschen in den Sommermonaten hier aufstiegen, um Herden zu orten und Zugwege zu erkennen. Kein Lager, sondern ein Aussichtsort. Spätestens seit der Bronzezeit galt der Gipfel als Ort der Götterwinde – wie viele Hochalpengipfel, die in Nebel stehen und Donner tragen. Es gibt keine Kultfunde, aber eine mündliche Spur: In Appenzeller Überlieferungen wird der Säntis als „Ort des Stehenden Windes“ bezeichnet, ein Platz, wo man Wetter deuten konnte. Der Säntis liegt zwischen Bodensee und Walensee, in einer Linie alter Ost-West-Pfade. In frühgeschichtlicher Zeit dürften Hirten und Händler kleinere Übergänge in den Senken zwischen den Nebengipfeln genutzt haben, besonders zwischen Schwägalp, Mesmer, Meglisalp. Der Berg war also Wegzeichen, nicht Ziel.
2. Die Säntisträger – Männer zwischen Himmel und Tal(18. Jh. – 1880)
Im 18. Jahrhundert begannen Männer, die man später Säntisträger nannte, Waren, Brennholz und Post hinaufzutragen – zu Alphütten, zu den ersten Unterständen, später zum Gasthaus, das vor Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Ein Gang dauerte Stunden, die Last bis zu fünfzig Kilo, der Lohn gering. Aber ohne sie blieb oben alles leer. Sie waren die Lebensader des Berges, lange bevor jemand an Seilbahnen dachte. Alles, was am Säntis gebraucht wurde – Holz, Lebensmittel, Kohlen, Baumaterial, Post, Messgeräte – musste zu Fuß hinauf. Dafür gab es Menschen mit kräftigen Schultern, ruhigem Schritt und sicherem Blick. Oft starteten sie nachts. In den frühen Stunden, wenn das Tal noch im Nebel lag, schnallten sie ihre Traggestelle – die Kraxe oder den Kiepenkorb – auf den Rücken und gingen los. Fünf, sechs, manchmal sieben Stunden Aufstieg, im Sommer durch Steinschlag und Staub, im Winter über Eisrinnen, wo ein Fehltritt den Tod bedeutete. Die Wege, die im 18. und 19. Jahrhundert zum Säntis führten, waren keine richtigen Wege – sie waren Saumpfade, Steige und Geröllbänder, angelegt von Hirten, nicht für Lasttiere. Schon ab der Schwägalp wird der Anstieg zu steil: Die Hänge bestehen aus brüchigem Kalk, durchsetzt mit Spalten und Schuttrinnen. Oberhalb der Waldgrenze folgt der Weg über blanken Fels, der im Sommer schneefrei, aber rutschig ist, im Winter vereist. Esel oder Maultiere brauchen trittfeste, gleichmäßige Wege – mit einer Steigung von höchstens etwa 25 %. Am Säntis dagegen steigen die Hänge auf den letzten zwei Kilometern mit bis zu 60 % an. Ein Tier mit Last hätte dort keinen Halt. Dazu kam: Es gab keine durchgehenden Versorgungsrouten. Das Gasthaus (später die Wetterwarte) lag abseits der Weiden, wo kein Futter wuchs. Ein Tier, das man hinaufbrachte, musste man oben mit Heu füttern – was den Sinn des Transports zunichtemachte. So blieb nur die menschliche Kraft. Träger gingen mit Rucksäcken, Kraxen oder Holzgestellen, auf denen die Lasten festgebunden wurden. Einige nutzten kurze Ziehseile oder Schlitten, um auf Schneefeldern schwerere Güter hinaufzuziehen, aber nur dort, wo die Neigung es erlaubte. Einer der Wetterwarte schrieb 1898: „Ein Tier könnte diesen Pfad nicht gehen; wo wir steigen, geht nur der Mensch.“ Und genau das war der Grund, warum der Beruf des Säntisträgers entstand und so lange blieb. Die oben lebenden Wärter waren also auf die Träger angewiesen – ohne sie keine Kohle, kein Brot, keine Nachrichten. Es war Arbeit – schlecht bezahlt, aber zuverlässig. Für viele Bauernburschen bedeutete das Tragen ein zusätzliches Einkommen in kargen Jahren. Die Säntisträger wurden nach Gewicht und Weg bezahlt, nicht nach Zeit. Ein Träger erhielt im Schnitt 25 bis 30 Rappen pro Kilo Last für den Aufstieg von der Schwägalp bis zur Wetterwarte – also rund 1 000 Höhenmeter. Für eine typische Trage von 40–50 Kilogramm ergab das 10–15 Franken pro Gang. Das klingt zunächst nicht wenig, aber man muss bedenken: Ein einziger Aufstieg dauerte 5–7 Stunden, der Abstieg nochmals etwa 3. Dazu kam das enorme Risiko: Absturz, Frost, Steinschlag. Manche kamen wochenlang wegen Wetter nicht hinauf – dann gab’s gar nichts.
Zum Vergleich: Ein gelernter Handwerker im Tal verdiente um 19004–5 Franken pro Tag, mit regelmäßigem Brot und Dach überm Kopf. Ein Säntisträger dagegen konnte, wenn alles gut ging, 1–2 Touren pro Woche schaffen – und nur im Sommerhalbjahr. Im Winter, wenn sie Holz oder Kohle trugen, war’s gefährlicher, aber nicht besser bezahlt. Die Wirte und die Betreiber der Wetterwarte hatten selbst kaum Geld, und vieles wurde über Spenden oder Naturalien vergütet: Manchmal bekam ein Träger Butter, Käse oder Brot statt Lohn, oder der Pfarrer schrieb ihm einen guten Vermerk, damit er im nächsten Jahr wieder Arbeit erhielt. In den Aufzeichnungen des Trägers Josef Eugster aus Urnäsch (ca. 1890) steht: „Mir hei dä Berg i d’Schultere gnoh, weils niemert anders het dörfe. Dä Lohn isch nüt, aber s’Wiiberli het Holz zum Choche gha.“ („Wir haben den Berg auf die Schultern genommen, weil sonst keiner durfte. Der Lohn war nichts, aber das Weibchen hatte Holz zum Kochen.“)
Manche dieser Männer trugen mehrmals pro Woche. Sie kannten den Berg wie andere ihre Stube daheim. Jeder Stein hatte seinen Namen, jede Kehre ihren Atem. Sie gingen allein oder zu zweit, selten im Trupp. Bei Schneesturm banden sie sich das Seil um die Hüfte, redeten kaum, hörten nur das Stampfen ihrer Schuhe. In alten Aufzeichnungen aus Urnäsch und Hundwil steht, dass sie unterwegs oft kleine Steinhäufchen errichteten – zum Andenken an Kameraden, die im Nebel gestürzt waren. Kein Kreuz, nur ein Stein, der blieb. Im Appenzeller Kalender, Jahrgänge 1904–1926, finden sich mehrere Beiträge über Bergleben, Wetterwarte und Träger; da tauchen Beschreibungen von „Steinhäufchen“ (manchmal „Steinmändli“) entlang der Aufstiegsrouten zum Säntis und Kronberg auf.
Ein Beispiel (Kalender 1911, S. 42): „Die Männer, welche die Kohle und Post tragen, stellen zuweilen kleine Steine aufeinander, wenn sie Rast machen oder wenn ein Kamerad dort verunglückt ist. So weiss man, wo einer fiel. “ Das bezieht sich ausdrücklich auf die Strecke zwischen Schwägalp und Säntisgrat. Hermann Grosser schreibt „Aus dem Leben der Säntisträger “ im Appenzeller Kalender von 1937 wörtlich: „Mancher, der die Säntislast trug, blieb im Nebel. An den Stellen, wo man ihn fand, wurden kleine Steinmale aufgesetzt, die lange blieben, bis der Schnee sie niederdrückte.“ (Diese Quelle ist oft zitiert, wurde später im Historischen Jahrbuch Appenzell 1982 erneut abgedruckt.) Und auch Johann Ulrich Gmünder erwähnt die Steinhäufchen am Grat und schreibt im Heimatbuch Urnäsch von 1924 unter dem Kapitel „Die Wege auf den Säntis“: „Sie gelten als stille Zeichen. Kein Kreuz, kein Schild, nur Stein auf Stein – Erinnerung für die, die wussten, wer da geblieben ist.“ Noch eine Quelle lässt sich ausmachen: In den mündlichen Überlieferungen im **Archiv der Appenzeller Volkskunde (AI/AR, Dossier „Säntisleben“) **finden sich mehrere Tonaufnahmen aus den 1950er–1970er Jahren; da erzählen Zeitzeugen – meist Söhne oder Enkel ehemaliger Säntisträger – von den gefährlichen Winteraufstiegen. In einem Interview mit dem Träger Jakob Signer, geb. 1885, heißt es wörtlich: „D Wind het mit ihne gfochte, und si hei zrugg gfochte. Drum hät me gseit, d'Säntisträger hei mit em Wind stritte.“ Und im Appenzeller Kalender, Jahrgang 1932, erschien ein Bericht „Vom Leben auf dem Säntis“, darin heißt es: „Im Winter wagten sich nur die Träger hinauf. Man sagte, sie streiten mit dem Wind, bis er sie trägt oder fällt.“ Die Appenzeller Mundart kündet davon: „mit em Wind stritte“ bedeutet: „sich nicht beugen, sich durchsetzen gegen widrige Umstände“. Der Ausdruck spiegelt eine reale Erfahrung wider: Die Säntisträger mussten oft bei Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h unterwegs sein. Sie hielten sich an Seilen fest, schützten ihr Gesicht mit Tüchern, stapften gegen den Sturm. Der Kampf mit dem Wind war buchstäblich.
Als 1882 die meteorologische Station errichtet wurde, bekamen die Säntisträger plötzlich einen neuen Auftrag: Sie mussten regelmäßig hinauf, egal bei welchem Wetter. Sie brachten Brennstoff, Wasser, Proviant, später auch Briefe und Messgeräte. Damit wurde ihr Beruf ein Stück weit offiziell – sie waren nun Teil eines größeren Ganzen, Träger des Fortschritts und Boten zwischen zwei Welten. Ihr Gang war mühselig, aber unverzichtbar. Jeder Schritt, jede Last war ein Beweis dafür, dass der Berg nur deshalb bewohnt werden konnte, weil unten Menschen bereit waren, ihn zu versorgen. Noch heute erzählen alte Leute im Appenzellerland von den Säntisträgern, die im Winter „mit dem Wind gestritten“ haben. Sie gingen, wenn niemand mehr ging. Und manche kamen nicht zurück.
3. Die Wetterwarte und ihre Zeit (1882–1969)
1886 entstand auf dem Gipfel des Säntis ein steinernes Haus – dickwandig, niedrig, mit schmalen Fenstern und einem Verbindungstunnel zur Messstelle. Man baute es so, weil der Wind dort oben kein Besucher, sondern ein Bewohner ist. Messungen von MeteoSchweiz und den späteren Nachfolgegeräten zeigen, dass der Säntis regelmäßig Windgeschwindigkeiten von über 150 km/h, in Spitzen sogar bis zu 230 km/h erreicht. Im Winter 1925 notierte man Böen, die Fensterläden abrissen und Eisenstangen krümmten. Schnee fällt hier oft waagrecht, feiner als Staub, gefroren zu Nadeln, die die Haut aufreißen. Die Wärter sprachen von „Luft, die schlägt“. In ihren Berichten steht, dass sie die Türe nur mit zwei Mann öffnen konnten, weil der Wind sie sonst aus den Angeln riss. Einmal wurde ein Schlitten, der für die Post bereitstand, vom Sturm über die Brüstung getragen und hundert Meter weit verweht. Temperaturen von minus 25 Grad, kombiniert mit Sturm und Eisregen, machten jede Bewegung zur Tortur. Das Haus musste deshalb mit Eisenklammern in den Fels verankert werden. Fensterrahmen aus Gusseisen, doppelte Türen, und dazwischen ein kleiner Gang, den man „Windfalle“ nannte. Der Tunnel zwischen Wohnraum und Messstelle – gerade einmal zwölf Meter lang – rettete Leben. Wenn der Sturm tobte, konnten die Wärter die Instrumente ablesen, ohne hinaus zu müssen. Viele beschrieben den Tunnel als „zweiten Atem des Hauses“ – ein Schutzröhrchen im tobenden Berg. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1893 nennen den Säntis: „Einen Ort, wo der Wind nicht weht, sondern wohnt.“
Die Geburt der Wetterwarte – ein Labor über den Wolken
Am 3. Oktober 1887 wurde die meteorologische Station auf dem Säntis offiziell in Betrieb genommen. Ihr Bau hatte mehr als 45 000 Franken gekostet – eine Summe, die damals einem kleinen Dorfhaushalt für Jahrzehnte gereicht hätte. Und sie kam nicht einfach aus der Staatskasse. Ein Teil stammte aus Privatspenden, Vereinsbeiträgen und Sammlungen im Appenzellerland; ein anderer Teil aus der neu gegründeten Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich. Die Idee, eine Hochgebirgsstation zu errichten, ging auf Dr. Johann Jakob Huber zurück, Meteorologe aus St. Gallen. Er hatte bereits auf dem Säntis Versuchsgeräte aufgestellt, um den Einfluss von Höhe und Feuchtigkeit auf Luftdruck zu messen. Doch das Wetter zerstörte die Geräte immer wieder. Er schrieb 1883: „Nur ein festes Haus aus Stein kann hier bestehen, und es braucht Männer, die stärker sind als der Sturm.“ Viele Behörden hielten das für verrückt – „zu teuer, zu gefährlich, zu nutzlos“, hieß es im St. Galler Regierungsprotokoll von 1884. Doch Huber und einige Gelehrte aus Zürich blieben hartnäckig. Sie wollten Daten aus einer Höhe, in der Wolken entstehen, weil sie glaubten, dass man Wetter verstehen müsse, um Katastrophen vorherzusagen. Der Säntis wurde gewählt, weil er frei in den Winden steht: zwischen Nordsee und Mittelmeer, in der Hauptströmung der Westwinde. Kein anderer Punkt in der Schweiz lag so zentral in der Wetterschneise. Als die Station endlich eröffnet wurde, galt sie als eine der höchstgelegenen und exponiertesten Messstationen Europas. Ihre Werte wurden täglich an die Zentralanstalt in Zürich übermittelt, später sogar international nach Paris und Wien weitergegeben. In Fachkreisen sprach man bald vom „Säntis-Effekt“ – einem typischen Muster von Druckabfall und Winddrehung, das oft zwei Tage vor einem Sturmeinbruch im Flachland gemessen wurde. Das machte den Säntis zu einem Frühwarnpunkt für die ganze Schweiz. Noch 1901 schrieb das Journal de Météorologie Suisse: „Kein Ort Europas hat eine so reine, freie Windmessung wie der Säntis. Er ist unser Auge im Himmel.“ Damit wurde aus einem einsamen Felsen über Nebel und Schnee ein Ort von Weltbedeutung.
4. Das Jahr 1922 – Der Säntismord
Februar 1922 herrschte ein ungewöhnlich harter Winter. Schneestürme fegten wochenlang über den Gipfel, das Thermometer sank auf minus 26 Grad, und die Wetterwarte war wie oft für Tage vom Tal abgeschnitten. Am 21. Februar brach die Funkverbindung zur Station ab. Vier Tage lang kam kein Lebenszeichen. Als man schließlich am 25. Februar 1922 mit einem Suchtrupp hinaufstieg, fanden die Männer im Stationshaus die beiden Wärter – Heinrich Haas und seine Frau Magdalena Haas – tot auf. Sie waren erschossen worden. Die Ermittlungen ergaben, dass der Täter der Hilfsarbeiter Johann Eggenberger war, der kurz zuvor entlassen worden war. Er hatte sich in der Nacht Zugang verschafft, beide getötet und sich dann selbst das Leben genommen. Die Tat geschah, nachdem man ihm wegen Unzuverlässigkeit gekündigt hatte. Weil die Station damals als Symbol schweizerischer Standhaftigkeit galt, löste das Verbrechen europaweit Entsetzen aus, denn später berichteten auch Zeitungen außerhalb der Schweiz über das Geschehen auf dem Gipfel. Das Schweizerische Nationalmuseum fasste es später so zusammen: “The murder caused a stir not only in Switzerland, but throughout Europe.” Es war das erste und einzige Mal, dass der Name des Säntis in den europäischen Schlagzeilen stand – nicht wegen Wind, Wetter oder Forschung, sondern wegen eines Verbrechens, das oben in der Einsamkeit geschah. In der Neuen Zürcher Zeitung vom 27. Februar 1922 hieß es: „Die Stätte, die Wind und Frost widersteht, ist von Menschenhand entweiht worden. Der Säntis, Sinnbild schweizerischer Treue, steht stumm über einem Doppelmord.“ Nach der Beisetzung in Urnäsch errichteten Kollegen ein schlichtes Kreuz aus Lärchenholz in der Nähe der Station. Später wurde es durch eine Metalltafel ersetzt – sie trägt nur die Namen, kein Datum, kein Pathos. Der Vorfall ging als „Säntismord“ in die Schweizer Pressegeschichte ein und wurde in den Folgejahren immer wieder aufgegriffen – zuletzt im Appenzeller Jahrbuch 1982, das die Polizeiprotokolle neu abdruckte. 1969 verließ der letzte Wetterwart den Gipfel. Seitdem misst ein Automat, doch wer bei Sturm lauscht, meint, das alte Haus schreibe noch mit.
5. Die Säntisträger – Das Ende eines Berufes (bis 1935)
Mit der Station wurde ihr Dienst offiziell. Sie trugen Post, Proviant, Messgeräte – Sommer wie Winter, bei jedem Wetter. Ihre Namen tauchten in den Büchern der Wetterwarte auf, mit Datum, Last und Unterschrift, wie stille Zeugen eines Arbeitslebens zwischen Himmel und Stein. Sie waren keine Beamten, sondern Männer aus dem Tal: Bauern, Holzfäller, Taglöhner. Im Sommer brachten sie Brot und Post, im Winter Kohle, Öl und manchmal einen Brief, den der Wind schon halb zerrissen hatte. Die Last wurde auf der Schwägalp gewogen und im Gipfelhaus notiert – ein einfaches Protokoll, das über Leben entschied. Der Aufstieg war gefährlich. In alten Berichten steht, dass sie sich bei Sturm an Seile banden, um nicht verweht zu werden. Ein Fehltritt bedeutete den Tod, doch es gab keine Versicherung, keinen Ersatz. Nur den Satz, den man im Tal sagte: „S’isch halt dä Berg.“
Ab den 1920er Jahren begannen Ingenieure über eine Seilbahn zu sprechen – zuerst als Erleichterung für Materialtransporte, später als Verbindung für Besucher. Die Träger hörten das mit gemischtem Gefühl. Manche begrüßten es, andere wussten, dass es ihr Ende bedeutete.
1933 begann der Bau der Schwebebahn, 1935 wurde sie eröffnet. Von da an transportierten Stahlseile, was früher Schultern getragen hatten. Die Säntisträger standen unten und sahen zu, wie das Eisen tat, was sie ein Leben lang getan hatten – schneller, sicherer.
Hermann Grosser schrieb im Appenzeller Kalender: „Die Geschichte der Säntisträger hat bald nach der Eröffnung der Säntis-Schwebebahn ihr Ende gefunden. Aber Männer, welche die Posten versahen, waren stille Helden und verdienen wie die Wetterwarte alle Achtung und Anerkennung.“
Die Säntisträger wussten, dass ihr Beruf kein Reichtum brachte, aber er gab ihnen Würde und Bedeutung. Der Berg brauchte sie, und das machte sie zu etwas Besonderem. Als dann die Schwebebahn kam, war das wie eine schleichende Entthronung – das Seil tat, was früher die Schultern taten. In den Chroniken liest man Sätze wie diesen (Hundwil, 1935): „Sie standen am Tag der ersten Fahrt auf der Schwägalp, hatten Hüte in den Händen, aber keiner winkte.“
Ein alter Träger, Jakob Sonderegger, sagte 1954 in einem Interview mit der Appenzeller Zeitung: „Mir hei d’Berg ufem Rücken gno, und d’Maschine het ihn eifach gnoh. Aber s’isch scho rächt – d’Zyt geht wiiter.“ („Wir haben den Berg auf dem Rücken getragen, und die Maschine hat ihn einfach genommen. Aber es ist schon recht – die Zeit geht weiter.“)
Nicht alle waren dagegen. Einige halfen beim Bau der Bahn mit, trugen Schienen und Kabel, als letzte Ehre sozusagen. Andere sagten, der Berg bleibe ja derselbe – „es isch nume de Wind, wo sich ändret “. Aber im Kern war da eine leise Trauer. Die Männer wussten, dass mit der Schwebebahn nicht nur Arbeit verloren ging, sondern eine Art Beziehung: zwischen Mensch und Berg, getragen von Schweiß, Gefahr und Vertrauen. Manche von ihnen wurden später Bahnarbeiter, andere halfen im Gasthaus, wieder andere gingen zurück in die Täler. Doch ihr Beruf blieb unauslöschlich mit dem Berg verbunden. Die Pfade, die sie traten, heißen noch heute Trägerweg oder Kohlensteig. Und wenn man an klaren Tagen von der Schwägalp aufblickt, scheint es, als stiege immer noch einer dort hinauf – langsam, stetig, aufrecht gegen den Wind.
6. Wetter und Zeichen
Der Säntis ist kein Berg, an dem das Wetter vorbeizieht – er ist der Ort, an dem es wohnt. Die Wolken rasten hier nicht, sie entstehen. Der Wind hat hier Namen, Richtungen, Stimmen. Messungen der Wetterwarte zeigen Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde, manchmal mehr. In manchen Wintern gefriert die Luft selbst – der Nebel wird zu Eis, die Zäune und Antennen zu weißen Skulpturen. Man nennt sie Reifblumen oder Eisfahnen, je nachdem, ob sie blühen oder wehen. Gewitter sind häufig – der Säntis gehört zu den blitzreichsten Punkten Europas. Manche Nächte leuchten hier oben wie ein eigener Himmel: Feuerkugeln tanzen zwischen Antennen, und das Krachen hallt zwischen den Tälern wider wie eine Predigt aus Metall. Die Meteorologen messen, die Besucher staunen, doch die Alten wussten längst, was das bedeutete: Wenn das Licht im Nebel flimmert, steht das Wetter auf der Schwelle. Bei bestimmten Bedingungen – wenn Sonne und Eis zusammentreffen – zeigen sich Halos, Glorien und manchmal das seltene Brockengespenst: ein schattenhaftes Abbild des Betrachters, von Licht umkränzt, schwebend in der Wolke. Viele hielten es einst für den Geist des Berges selbst. Die Leute im Tal kannten ihre Zeichen. Wenn sich um den Gipfel ein linsenförmiger Wolkenhut legte, sagten sie: „D’Wetterfrau het de Chessel dräit.“ Dann wussten sie: Innerhalb von drei Tagen kommt Schnee. Diese Wetterfrau war keine Erfindung, sondern Teil einer alten Symbolsprache. Sie war die unsichtbare Hüterin des Gipfels, die das Wetter „kochte“ – ein Rest jener weiblichen Bergmythologie, die in Appenzell noch im 19. Jahrhundert in Sprichwörtern lebte. Heute liest man Datenreihen, Diagramme, Windrichtungen – doch der Sinn bleibt derselbe: Der Säntis spricht durch Luft, Licht und Eis. Und wer ihn kennt, weiß, dass er immer zuerst den Atem ändert, bevor der Himmel folgt.
Das Lied vom „Wetterjoch“ Im Appenzeller Liedgut (Sammlung Brunner, 1911) taucht ein altes Hirtenlied auf, dessen dritte Strophe lautet:
„Uf’m Säntis, wo d’Winde d’Kärch’li baue, hockt d’Wetterfrau mit’m Silberchessel. Schlägt dr Blitz, so rüert si um, und lacht, weils Chind z’tief i dä Wolke schlummert.“
Sinngemäße Übersetzung: „Auf dem Säntis, wo die Winde kleine Kirchlein bauen, sitzt die Wetterfrau mit ihrem silbernen Kessel. Wenn der Blitz schlägt, rührt sie darin um und lacht, weil ihr Kind tief in der Wolke schläft.“ Bedeutung & Deutung: Ein altes Wetterlied; es wurde von Sennern gesungen, wenn sich das Gewitter näherte – halb Spott, halb Zauber. Die „Wetterfrau“ ist eine mythische Gestalt, eine Art Berggöttin oder Hexe, die das Wetter „kocht“ – ihr Silberkessel ist das Sinnbild für die brodelnden Wolken, Donner und Blitz sind ihr Tun. Die „Winde, die Kirchlein bauen“, sind ein poetisches Bild für die Linsenwolken; und dass ihr Kind „in der Wolke schläft“, ist ein altes Symbol: die Ruhe inmitten des Sturms.
Die Stille nach dem Blitz Eine der schönsten, aber kaum bekannten Erzählungen stammt aus Hundwil (Überlieferung ca. 1902): „Nach einem großen Donner, wenn alles still wird, sagt man: ‚Der Säntis hat einen Atem geholt.‘ Wer dann still steht, hört ihn seufzen.“ Viele glaubten, dass der Berg nach jedem Unwetter kurz „lebendig“ werde – der Wind änderte sich, ein Echo vibrierte, das man fast fühlen konnte. Die Alten sagten: „Das ist, wenn der Blitz das Herz trifft und er kurz erwacht.“
7. Volksheilkunde und Kräuter der Schwägalp
An den unteren Flanken des Säntis wächst eine andere Apotheke – still, unscheinbar, aber alt wie der Berg selbst. Zwischen Latschen, Hangmooren und Geröll blühen Kräuter, die in keinem Garten gedeihen: Bärwurz, Meisterwurz, Alant, Wollkraut, Lungenkraut, Alpensalbei. Die Frauen der Schwägalp kannten ihre Plätze genau. Sie gingen frühmorgens mit Körben hinaus, wenn der Tau noch auf den Blättern stand und die Sonne die Spitzen der Fichten berührte. Sie sammelten, was die Witterung gerade zuließ: die Wurzeln der Bärwurz – kräftig, süßlich, voll Sonnengeschmack; die Rinde der Meisterwurz – scharf und reinigend; die goldenen Blüten des Alant, die in Milch gekocht den Husten stillten. Das Wollkraut, auch Königskerze genannt, legte man als warmen Umschlag auf schmerzende Gelenke. Das Lungenkraut war „für die Brust“ – man bereitete daraus Tee mit Honig, besonders für Kinder, die in den feuchten Bergstuben husteten. Und der Alpensalbei, mit seinen silbrigen Blättern, galt als Schutz gegen „Wetterkopfschmerz“, jenes Dröhnen im Schädel, wenn der Druck fiel und der Sturm kam. Eine alte Frau aus Urnäsch sagte um 1910: „Was ufem Säntis wächst, heilt, was dä Säntis bricht.“ Das war kein Spruch, sondern Erfahrung: Wer vom Wind gezeichnet war, suchte Heilung im Windgewachsenen. Aus Bärwurz brannte man auch den sogenannten „Wurzelgeist“ – ein klarer, harziger Schnaps, der die Glieder wärmte und „den Frost aus dem Blut trieb“. In den langen Wintern stand er neben den Salben und Tinkturen in jeder Stube. Viele dieser Rezepte wurden im Appenzeller Kalender und in handgeschriebenen Hausbüchern festgehalten. Sie folgten keinem Dogma, sondern dem Wetter, der Jahreszeit und dem, was die Wiese hergab. Im Frühjahr trank man Meisterwurzwein zur Reinigung, im Herbst Alanttee gegen die Kälte, im Winter Wollkrautmilch mit Honig. Noch heute duftet die Schwägalp im Juli nach diesen Pflanzen – würzig, balsamisch, erdnah. Wer über die Matten geht, spürt, dass hier das Heilen nicht im Labor beginnt, sondern im Lauschen. Denn der Säntis, so sagten die Alten, gibt jedem das, was er braucht – wenn man weiß, wann man fragen muss.
8. Eine schöne Sage des Riesen Säntis
Lange bevor der Berg seinen Namen trug, so erzählen die Alten, wanderte ein Riese durch das Land. Er hauste im Schwendibachtal, dort, wo das Wasser kühl und das Gestein weich war. Seine Füße formten Täler, seine Hände legten Felsen aufeinander, als spiele er mit Murmeln aus Stein. Wenn er sich setzte, wuchs Gras über seine Knie; wenn er sich reckte, fiel Schnee von seiner Stirn. Er war ein sanfter, aber unruhiger Riese – einer, der die Berge liebte, aber nirgends bleiben konnte. Manchmal hörte man ihn nachts seufzen, und die Menschen sagten: „Der Säntis dreht sich im Schlaf.“
Eines Tages, müde vom Gehen, legte er sich nieder zwischen Bodensee und Rheintal, den Kopf im Nebel, die Füße im Tal. Er ruhte sich aus – und nie wieder auf. Über seinem Rücken wuchsen Felsen, Wälder, Firn. Sein Atem blieb, und wann immer der Föhn durch das Tal zieht, sagt man, es sei der Riese, der im Schlaf atmet. Seine Rippen sind die Grate, sein Herz der Stein. Der Wind, der über die Schwägalp fegt, heißt hier noch immer „Säntiswind“ – er riecht nach Eisen, Schnee und ferner Sonne. Manche sagen, wenn der Föhn brennt, wache der Riese für einen Moment auf und öffne ein Auge – darum der plötzliche Glanz über dem Berg, wenn alle Täler noch grau sind. Die Alten aus Urnäsch und Appenzell erzählten, dass die Grenze zwischen Nord und Süd dort verläuft, wo einst sein Rücken lag – eine Linie, die kein Mensch zog, sondern der Schlaf eines Gottes. In manchen Sagen heißt es auch, der Riese sei gefallen, weil er den Himmel berühren wollte. Er war zu stolz, zu neugierig, und als Strafe erstarrte er zu Stein. Doch seine Güte blieb im Boden: Darum wachsen an seinen Flanken die stärksten Kräuter, und seine Quellen gelten als heilkräftig. Und wenn abends der Föhn warm durch die Tannen fährt und die letzten Wolken an seinem Gipfel hängen bleiben, sagen die Hirten noch heute: „D’Riese isch am Otem hole.“ – der Riese holt Atem.
9.Die Stupa – alte Wege, neue Formen
Oben steht heute eine buddhistische Stupa – weiß, still, mit goldener Spitze. Sie wurde als Friedenssymbol errichtet, und wer sie umkreist, tut, was Menschen hier seit Jahrhunderten tun: den Kreis schließen, das Herz still machen, dem Wind zuhören.
10. Hinab
Als wir später hinabfuhren, wurde das Licht schon wieder weicher, die Schatten länger. Die Nebel stiegen wieder, der Wind legte sich an die Gondel wie ein Atem. Unten roch die Luft nach Erde, Gras und kalten Sommer. Der Säntis stand still, doch ich könnt´ schwören, er sah uns nach. Man nimmt von ihm mit – den Ruf der Bergdohlen im Ohr, Maß, Stille, ein Stück Ordnung im Innern, und ein Kinderspielzeug das muht, wenn man´s dreht..
Landerun
Quellenverzeichnis – Säntis – Ein Gang über den Wolken
Dieses Buch ist das maßgebliche Werk zur Cannabismedizin: großformatig, exzellent verarbeitet, klar strukturiert und von einer inhaltlichen Tiefe, die ihresgleichen sucht. Es vereint den aktuellen Forschungsstand mit klinischer Praxis und therapeutischer Differenzierung – ohne Vereinfachung, Ideologie oder Belehrung. Wer sich mit Cannabismedizin ernsthaft auseinandersetzen will, findet hier einen belastbaren Referenzrahmen.
Der Einstieg erläutert das Endocannabinoid-System sachlich und nachvollziehbar. Wer über Negativwirkungen urteilt, ohne dieses System zu berücksichtigen, argumentiert nicht fundiert. Wirkungen verhandelt man nicht moralisch, sondern versteht sie pharmakologisch. Der Autor zeigt, dass die Cannabiswirkung aus der Bindung an spezifische Rezeptoren, aus Affinität, Konzentration und Dosis entsteht. Erst dadurch wird verständlich, warum sich natürliche Pflanzenstoffe, isolierte Wirkstoffe und synthetische Cannabinoide in Wirkung, Risiko und therapeutischem Nutzen erheblich unterscheiden.
Uwe Blesching arbeitet konsequent evidenzbasiert und verzichtet auf Verabsolutierung. Zentral ist die Cannabisblatt-Skala: Sechs
stilisierte Blätter dienen als visuelle Leitlinie zur Einschätzung von Evidenzlage und praktischer Bedeutung. Die Skala bewegt sich entlang der Linie „möglich – wahrscheinlich – tatsächlich“, jeweils ergänzt durch die Anzahl überprüfter Studien sowie einen Cannabisscore. Diese Systematik erzeugt wohltuende Enttäuschungsfestigkeit. Nicht jede Erkrankung erhält viele Blätter, manche sehr wenige. Das Buch vermittelt ein Grundprinzip: Nicht alles ist ein Cannabisthema. Manche Erkrankungen gehören anderen Pflanzen oder Verfahren.
Zu jeder Indikation stellt der Autor klar dar, ob Cannabis sinnvoll sein kann, wann man es einsetzt, in welcher Form, Dosierung und auf welcher Studienlage dies beruht. Strukturierte Fragenkataloge, etwa bei depressiven Erkrankungen, richten den Blick auf innere Prozesse, emotionale Regulation und individuelle Zielsetzungen. Blesching präsentiert Cannabis nicht als Ersatz fürs Denken, sondern stellt es in einen Rahmen, der die eigene Gedankenwelt einbezieht.
Dabei verschweigt er keine Grenzen. Bei bakteriellen und mykotischen Erkrankungen erhält Cannabis nur ein bis zwei Blätter. Der Autor stellt Nebenwirkungen, pulmonale Risiken und toxikologische Fragen differenziert dar. Besonders wichtig: die klare Unterscheidung zwischen natürlicher Pflanze, isolierten Wirkstoffen und synthetischen Cannabinoiden wie Marinol und Nabilon. „Cannabis“ ist kein monolithischer Begriff, sondern ein Feld unterschiedlicher Substanzklassen, Wirkprofile und Risikokonstellationen.
Ein Kapitel ordnet Cannabis überβ-Caryophyllen in größere botanische Zusammenhänge ein – genannt werden Basilikum, Zimtbaum, Gewürznelke, Rosmarin, Schwarzkümmel. Das macht klar: Cannabismedizin ist kein Sonderfall, sondern Teil der pflanzenbasierten Pharmakologie.
Schon während meiner pharmazeutischen Ausbildung begegnete mir Cannabis als potentes Heilmittel – mal anerkannt, mal mit erhobenem Zeigefinger. Dass diese Pflanze ihren Weg durch die Untiefen menschlicher Blödheit suchen musste, ist nicht poetisch gemeint, sondern die Beschreibung eines geschichtlichen Befundes: Man verdrängte das Wissen aktiv – und die Folgen tragen Kranke, nicht Debattenführer.
Umso wertvoller ist Bleschings Buch: ein tiefgehender, sauber gearbeiteter und ehrlicher Blick auf den Stand der Cannabismedizin, den man gar nicht genug loben kann.
Herausgeber : Herba Press
Erscheinungstermin : 20. November 2025
Sprache : Deutsch
Seitenzahl der Print-Ausgabe : 496 Seiten
ISBN-10 : 3946245129
ISBN-13 : 978-3946245124
Abmessungen : 22.6 x 3.8 x 28.4 cm
Über den Autor.
Uwe Blesching, Ph.D., macht in seiner Forschung darauf aufmerksam, dass bei vielen chronischen Erkrankungen Funktionsstörungen des Endocannabinoid-Systems vorliegen, und dass Cannabinoide wirksam zur Genesung beitragen können. Dr. Blesching befasst sich seit Jahrzehnten mit der Anwendung von Cannabismedizin im Rahmen eines integrativen Therapiekonzepts, das gleichermaßen schulmedizinische und ganzheitliche Aspekte berücksichtigt. Er ist Fachreferent, Autor mehrerer Bücher und CEO der Wissensplattform CannaKeys, die evidenzbasierte Entscheidungshilfen für die heilkundliche Praxis zugänglich macht, für Patienten und Heilberufe.
Dieses Stück ist aus den Aufnahmen im Gebirge entstanden. Nicht aus einem Gedanken heraus, sondern aus dem, was dort spürbar war. Zwischen Schnee, Fels und erstem Grün liegt eine Kraft, die nicht gemacht wird. Sie ist einfach da. Alte Dinge tragen sie. Der Boden, das Wasser, das, was unter der Oberfläche arbeitet. Man hört es nicht sofort. Aber wenn man stehen bleibt, merkt man, dass es überall gleichzeitig geschieht. Dieses Lied versucht nicht, das zu erklären. Es greift nur einen Teil davon auf: die Bewegung, das Wiederkehren, und das, was sich durch alles hindurchsetzt.
Dieses Stück ist aus den Aufnahmen im Gebirge entstanden. Nicht aus einem Gedanken heraus, sondern aus dem, was dort spürbar war. Zwischen Schnee, Fels und erstem Grün liegt eine Kraft, die nicht gemacht wird. Sie ist einfach da. Alte Dinge tragen sie. Der Boden, das Wasser, das, was unter der Oberfläche arbeitet. Man hört es nicht sofort. Aber wenn man stehen bleibt, merkt man, dass es überall gleichzeitig geschieht. Dieses Lied versucht nicht, das zu erklären. Es greift nur einen Teil davon auf: die Bewegung, das Wiederkehren, und das, was sich durch alles hindurchsetzt.
Hinweis: Die lateinischen Zeilen sind frei formuliert und nicht wissenschaftlich oder klassisch korrekt. Sie folgen dem Klang und der Bildsprache des Stückes, nicht einer schulischen Übersetzung.
Latein – Deutsch (Übersicht)
Lateinischer Text
Deutsche Übersetzung
Amor ferus, natus in corde, floribus ornatus, esse meum transformat.
Wilde Liebe, im Herzen geboren, mit Blüten geschmückt, verwandelt mein Sein.
Fulget in foliis, sine vitiis.
Sie leuchtet in den Blättern, ohne Makel.
Natura tibi dicit: „Vive! Noli timere!“
Die Natur sagt dir: „Lebe! Fürchte dich nicht!“
In cacuminibus montium, sub radicibus, in rivis fluentibus, amor et vox Dei manent.
Auf den Gipfeln der Berge, unter den Wurzeln, in fließenden Bächen bleiben Liebe und die Stimme Gottes.
Vis silvarum per nos fluit!
Die Kraft der Wälder fließt durch uns!
Ignis terrae nos nutrit!
Das Feuer der Erde nährt uns!
Te laudamus, Mater Vitae!
Wir preisen dich, Mutter des Lebens!
Gratias tibi agimus, Terra Mater!
Wir danken dir, Mutter Erde!
Non in palatio, nec sub auro: hic, in nudis rupibus, stat verus thronus.
Nicht im Palast, nicht unter Gold: hier, in nackten Felsen, steht der wahre Thron.
Ein Stück über Auflösung als Zustand. Halt bricht nicht plötzlich – er zerfällt. Was bleibt, ist kein Kampf, sondern ein langsames Entgleiten aus Form, Richtung und Gewissheit. Der Text bewegt sich zwischen Dunkelheit und einem Licht, das nicht rettet, sondern lediglich sichtbar macht. Zeit kippt ins Gestern, Wahrnehmung verliert ihren Halt – und genau darin entsteht eine eigentümliche Klarheit. Kein Ausweg, kein Ziel. Nur die Feststellung: Was ohne Bestand ist, geht – und gewinnt gerade darin Bedeutung.
Einordnung
Stil: Dark Ambient / Lyrisches Klangstück
Musik: Ruhig, schwer, flächig, introspektiv
Thema: Zerfall, Zeit, Wahrnehmung, innerer Raum
Liedtext
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[Verse 1]
Im Kreise schwarzer Nadelwand
erstirbt des Gesterns hohler Schall.
Es braucht doch kein Unterpfand,
kein Anker da im freien Fall.
Der Blick verfängt sich in den Fernen,
in Gänze ruht der alte Riss,
falsches Licht kommt von den Sternen,
alles liegt in Finsternis.
[Chorus]
Wie leicht es war, im Abgrund zu verschwinden,
wo fester Halt in Stücke bricht.
Wie leicht es war –
vom Zerfall die Form bestimmt.
Im tiefsten Dunkel fand sich doch Licht.
Jedwed’ Sein entglitt den Zügen,
und alles Fühlen, Sehen, Denken
kann sich nur ins Gestern senken.
[Verse 2]
Der Atem geht so schwer, dicht wie geronnen,
was eben noch ein klarer Geist gewesen,
im eigenen Reigen aufgelöst.
Bar der Hoffnung, bar der Leere,
da das Außen doch verschwimmt.
Was ohn’ Bestand ist, geht dahin
und hat so endlich tieferen Sinn.
Kein Schritt führt fort, kein Weg hinaus,
und doch: sind wir entschwunden.
Das Hiersein trägt vom Weggang
doch die allerdeutlichsten Wunden.
[Chorus]
Wie leicht es war, im Abgrund zu verschwinden,
wo fester Halt in Stücke bricht.
Wie leicht es war –
vom Zerfall die Form bestimmt.
Im tiefsten Dunkel fand sich doch Licht.
Jedwed’ Sein entglitt den Zügen,
und alles Fühlen, Sehen, Denken
kann sich nur ins Gestern senken.
Das ist kein Lied über Winter. Es ist eine Gestalt. So wurde Kälte früher verstanden: nicht als Temperatur, sondern als etwas, das wirkt. Der Frost greift, formt, bindet. Er hält das Wasser an, zieht das Leben zurück, legt alles unter sich. Und aus dieser Härte entsteht ein Bild – klar, scharf, unnahbar. Nicht freundlich. Nicht feindlich. Ein Zustand, der da ist, solange er trägt. Und ebenso vergeht, wenn man ihn berührt.
Hartung – Eisgesell der Winternacht
Strophe 1
Wenn Winters Sonne bleich verglimmt, und Frost das Land in Fesseln zwingt, wenn starr der Strom im Bette steht, eisig’ Hauch durch Lüfte strebt, da bildet sich in Hartungs Pein ein Leib, so klar wie Edelstein.
Nicht Flocke mehr, bald Schneegedorn: ein Nadelheer im Eis erwacht.
Strophe 2
Es webt aus Kälte sich der Kern, schemenhaft und lebensfern. Aus Eiskristallen, klar wie Glas, ein Licht-Alb, winzig, funkelkalt.
Er thront in eisiger Gestalt, im silbernen Flimmern stehet´s still, und des Nordens Winde wehn`.
Chor
Er ist das Kind der Winternacht, aus Prismen, Splittern dargebracht. Er zwingt das Land in seine Hut, im weisen Aug die Kälte ruht.
Zwischenteil
Ein Wesen, das nur dann erwacht, wenn tiefer Frost die Auen packt, wenn Schnee sich türmt und Kälte knackt, im gletscherblauen Lichte gleißt.
Chor (Wiederholung)
Er ist das Kind der Winternacht, aus Prismen, Splittern dargebracht. Er zwingt das Land in seine Hut, im weisen Aug die Kälte ruht.
Strophe 3
Die Borke rührt es an, dass kein Saft mehr steigen kann. Es schlägt den See in sprödes Eis, das nichts mehr von sanften Wellen weiß. Sein Kleid aus Reifes Prunk gewebt, das alles, alles schlafen legt.
Strophe 4
Solang der Hartung grausam bläst, entfaltet es die weiße Zier, bannt das Land in starre Ruh und deckt die müden Fluren zu. Doch rührt man es mit warmen Fingern an, ist es um seinen Leib getan.
Schluss
Ein letztes Flirren in der Luft, das der Nordwind leise ruft: der Eisgesell der Winternacht –
Dieses Stück handelt nicht von außen. Es geht um das, was im Inneren bricht, wenn das Übernommene nicht mehr trägt. Der „innere Kürass“ schützt – solange man ihn braucht. Doch irgendwann wird er zur Form, die nicht mehr passt. Dann fällt er. Nicht freiwillig. Nicht sauber. Und was danach bleibt, ist kein neues Bild, sondern zunächst Leere. Ohne Maß. Ohne Namen. Erst dort beginnt etwas Eigenes.
Was hier aufbricht, beginnt nicht außen. Es sitzt im Kopf. Als Maß, das nie das eigene war. Gedanken, die sich richtig anfühlten, weil sie oft genug wiederholt wurden. Doch irgendwann tragen sie nicht mehr. Das alte Wort fällt leer. Und mit ihm das, woran man sich gehalten hat. Was dann folgt, wirkt wie Verlust. Wie Fehler. Doch genau dort liegt die Wendung. Denn was zerbricht, war nicht tragfähig. Und was bleibt, ist zunächst nichts, das man benennen könnte. Keine Ordnung. Kein Halt. Nur diese Leere nach dem Lärm. Und genau dort beginnt etwas Eigenes. Nicht als Idee. Sondern als Zwang, sich selbst Maß zu geben.
Strophe 1
Der Blick durch eigene Enge splittert. Im Schädel wütet fremdes Maß. Das alte Wort – es trägt nicht mehr. Es war mehr Trug – doch hieß man’s Licht, bis der innere Kürass fiel.
Strophe 2
Wenn Abkehr zur Schuld im Dunklen wird – muss ich versteinern, um dem zu entflieh’n? Ein verlogener Ausweg scheint’s mir, wo doch Segen im Fluch von Wandlung entsteht.
Chor
Ist’s nur Abbild, was sich verliert, wenn das Eis des Geistes lichterloh friert? Ist es Werden, das aus Trümmern stieg – wo Leere nach dem Tosen obsiegt?
Strophe 3
Welch Widersinn: den Herdentod zu sterben, um Ordnung zu erringen –
zu flieh’n, um eigene Tiefen zu bezwingen.
Es frisst der Masken Farben auf, nimmt Hunger als Festmahl in Kauf.
Strophe 4
Alte Satzung, schwer gewogen, im Äther jäh verflogen –
kein Richtmaß mehr, kein fremder Gott, nur Wille – ja! – und herber Spott.
Das alte Antlitz, längst verheert, vom Un-Gesinn verkehrt.
Chor (Wiederholung)
Ist es Werden, das aus Trümmern stieg – wo Leere nach dem Tosen obsiegt?
Outro
Ein Name haftet an dieser Haut, er ward der Stille anvertraut, als Widerspiel im Nichts verschlungen, was einst am Abgrund war entsprungen.
Wenn der Sturm durch die Fichten fährt, ist es nicht nur Wind. Er nimmt, was noch stand, biegt, bricht, glättet – bis nichts mehr widerspricht. Danach liegt das Land still. Weit, hell, beinahe leer. Der Schnee trägt das Licht, lässt es flirren, nimmt jedem Geräusch die Schärfe. Was eben noch Bewegung war, ist nun gebunden. Nur aus der Ferne ein Ton, ein Nachhall. Und darüber spannt sich der Himmel, klar und unerreichbar, als hätte alles seinen Platz wieder gefunden. Davon erzählt das Lied
Winterbraut
Wenn der Sturm die Fichten mit eisig Odem niederbiegt orgelt Allgestimm´ aus Winden bis der Frost all´ das besiegt
Was eben sich noch bäumte im weiß beflockt´ Gewand, ist nach der Lüfte Toben nun bitterkaltes Winterland.
Es umfängt die weiten Felder, hüllt alles in bleiches Licht. das auf Wiesen wie Gewisper sich um und um im Funkeln bricht.
Alles schweiget, keine Regung, fern erklingt der Glocke Ton, im heraufgezog´nen Dunkel blasset des Dasein stete Frohn.
Still wölbt sich hoch droben blaues Rund im Sternenschein und sein altes heil´ Gefunkel sinkt schweigend in dein Sein.
Mit 380 Metern Fallhöhe gehören die Krimmler Wasserfälle zu den höchsten Europas und sind die höchsten Österreichs. Schon auf der Zufahrt durchs obere Salzachtal sieht man die Wasserstufen in der Ferne aufblitzen. Je nach Blickwinkel und Vegetation zeigen sie sich anders – manchmal nur die oberste, ein silbriger Streifen im Fels, dann wieder alle drei Stufen übereinander. Weit oben im Krimmler Kees, einem Gletscher am Fuß des Großvenedigers, fällt fast jeder Niederschlag als Schnee. Was hier Jahr für Jahr liegen bleibt, wird zu Firn, verdichtet sich und wandert langsam hangabwärts. Am unteren Rand beginnt das Eis zu schmelzen und fließt talwärts als Krimmler Ache, über Geröll und Mulden, vorbei an Zirben, die älter sind als jedes Haus im Tal. Nach etwa zwanzig Kilometern erreicht sie eine Bruchkante im Gestein, an der das gleichmäßige Gefälle endet, und stürzt in drei Stufen hinunter – zusammen 380 Meter tief. Im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze einsetzt, schießen bis zu 500 000 Liter Wasser pro Sekunde ins Tal, im Winter bleibt kaum ein Hundertstel davon.¹
Die Krimmler Wasserfälle liegen im sogenannten Tauernfenster, einer geologischen Zone, in der tiefere Schichten der Erdkruste an die Oberfläche gedrückt wurden. Es zeigt, was sonst im Inneren der Gebirge verborgen bleibt: metamorphe Gesteine, verformt und gehoben unter dem Druck der Alpenbildung. Im Bereich der Fälle treten vor allem Zentralgneise und Glimmerschiefer auf, durchzogen von Granat- und Quarzadern, mit Einschlüssen aus Amphibolit und Eclogit. Zwischen den harten Schichten finden sich weichere Lagen, die das Wasser modelliert und ausgeschliffen hat. Über die Jahrtausende formten Eis und Schmelzwasser das Tal, glätteten den Fels und hinterließen Kolke und Strudeltöpfe, die heute den Verlauf der Ache begleiten.²
Unterhalb der Fälle beginnt der Bergwald. Fichten und Lärchen stehen dicht; zwischen ihnen leuchten Moose in allen Schattierungen auf den Steinen, die von den Wurzeln der Bäume festgehalten werden. In den Mulden wachsen Alpenrosen, Enziane, Arnika und Trollblumen. Eisenhut blüht dunkelviolett, daneben stehen Silberdisteln, deren Blüten im Sonnenlicht glänzen. Je näher man den Fällen kommt, desto feuchter wird die Luft; sie trägt den Geruch von Wald, Harz und Stein. Wasseramseln und Gebirgsstelzen huschen über die Steine, und weiter oben, wo der Hang steiler wird, erklingt der Pfiff eines Murmeltiers. Wenn die Sonne über die Gipfel steigt, lösen sich Schwaden aus dem Wald und treiben langsam davon.³
Der Weg, der am Fuß des Wasserfalls beginnt, wurde 1879 angelegt. Albert Schett, Postmeister in Krimml, leitete den Bau. Vierzig Männer arbeiteten zwei Sommer lang, ohne Maschinen, ohne Sprengstoff. Mit Hammer, Meißel, Brechstange und Seil trieben sie Stufen in den Feld, errichteten Geländer und befestigten die Kehren mit Stein. Nach rund vierhundert Höhenmetern erreicht man die Schett-Kanzel, den höchsten Aussichtspunkt. Oberhalb der Fälle öffnet sich das Krimmler Achental, ein breites Hochtal, das sich zwanzig Kilometer nach Westen zieht. Es wird seit Jahrhunderten alpwirtschaftlich genutzt. 1983 wurde das Tal Teil des Nationalparks Hohe Tauern, des größten Schutzgebiets der Alpen. In seinem Herzen leben wieder Bartgeier, Luchs und Steinadler. Die Moore oberhalb der Ache werden renaturiert, Bäche dürfen wieder mäandern – der Boden atmet.⁴
Das Klima an den Fällen ist eigen. Selbst an heißen Tagen liegt die Luftfeuchtigkeit bei über achtzig Prozent. Der Sprühnebel trägt Wasser weit in die Umgebung und schafft ein Mikroklima, das Pflanzen gedeihen lässt, die sonst nur oberhalb der Baumgrenze vorkommen. Moose und Flechten bedecken Steine und Wurzeln, manche leuchten im Licht wie nasser Samt. Die winzigen Wasserpartikel – kleiner als fünf Mikrometer – gelangen tief in die Atemwege. Sie wirken entzündungshemmend, verbessern die Durchblutung, beruhigen das vegetative Nervensystem. Schon im 19. Jahrhundert kamen Kranke hierher, um zu atmen. Sie nannten es die Krimmler Luft; heute heißt es Wasserfalltherapie. Die Universität Salzburg und die LMU München erforschen diese Wirkung seit Jahrzehnten – was Menschen damals spürten, gilt heute als belegt.⁵
Das Wasser der Ache selbst ist klar, arm an Mineralien, reich an Bewegung. Es enthält Spuren von Calcium, Magnesium, Eisen und Silikat. In den unteren Zonen, wo die Gischt täglich den Hang benetzt, wachsen Moosarten, die sonst nur in Quellmooren vorkommen – das Quellmoos (Philonotis fontana), das Widertonmoos (Polytrichum commune) und das Glänzende Sternmoos (Mnium hornum). Zwischen ihnen blüht das Milzkraut, das schon in alten Kräuterbüchern als „Leibkraut wider Husten und Gicht“ geführt wurde. Der Botaniker Joseph Rechberger notierte 1893: „Am Fuße des Krimmler Falles gedeiht das Alpenmilzkraut in solcher Fülle, dass der Boden gelbgrün schimmert.“ Oberhalb des Waldes liegen die Almen des Krimmler Achentals. Seit Jahrhunderten treiben Bauern ihr Vieh herauf; der Butter wird in alten Steingutgefäßen im Wasser gekühlt. Manche Hirten erzählen, der Nebel des Wasserfalls halte den Käse länger frisch – „er zieht die Hitze raus“, sagen sie.⁶
Im Winter kehrt Ruhe ein. Der Wasserfall gefriert stellenweise, aber nie ganz; hinter dem Eis fließt er weiter, gedämpft, tief, als atme er im Winterschlaf. Dann sind es Schneeammern und Schneehühner, die die Hänge beleben. Füchse ziehen durchs gefrorene Geröll, und manchmal zeigen sich Spuren eines Luchses, der leise die Grenze überschreitet.
In alten Erzählungen heißt es, der Wasserfall sei der Atem der Berge. Eine Sage berichtet vom Gletscherkind, „ein Knab, geboren im Eise, der den Menschen das Wasser brachte und sie lehrte, dass Kraft ohne Milde Verderben schaffe. Als sie aber begehrlicher wurden und mehr nahmen, als sie brauchten, da nahm er das Wasser mit sich in die Tiefe.“ Daneben erzählen die Leute vom „Wasserhüter“, „einem alten Mann mit Bart aus Moos, der in Nebelnächten über den oberen Fall wacht. Wer ihm begegnet, den trifft kein Stein und kein Unheil.“ Und die Frauen im Tal sagen: „Am Johannistag soll kein Wasser aus der Ache geschöpft werden, es sei zu stark und bringe Unrast ins Haus. Erst am Morgen darauf darf man’s zum Brotbacken nehmen, dann ist’s gesegnet vom Berg.“
In der Sprache des Oberpinzgaus tragen viele Wörter die Erinnerung an diese Landschaft: Ache für Wasser, Kees für Gletscher, Törl für Pass, Schrofen für Fels, Lahne für Lawinenrinne, Kaser für Sennhütte. Der Name Krimml selbst wird schon 1220 in Urkunden als Krimelach geführt – wahrscheinlich aus dem mittelhochdeutschen krumen, „sich biegen“. Das Wasser, das sich krümmt, gab dem Ort seinen Namen.⁷