"Ertha" ist ein Lied für den Erntedank, für Allerheiligen und Allerseelen. Das ist die Zeit der verborgenen Arbeit. Nicht das Licht entscheidet hier, sondern das Gleichmaß darunter. Die Erde hält den Atem an, um zu binden, was später treiben soll. Im Zwie-Gelicht liegt keine Schwäche. Es ist der Ort, an dem Gegensätze einander tragen. Was hier geschieht, entzieht sich dem Blick – und gerade deshalb ist es wirksam. Kein Same „wartet“. Er steht unter Bann. Nicht im Sinne von Stillstand, sondern in einer Ordnung, die weder Anfang noch Ende kennt. Und wenn es sich löst, ist nichts neu entstanden – nur sichtbar geworden, was längst wirkte.
Ertha
https://youtu.be/OsPBLXjfW1U
Äcker träumen unterm Reif, ihr Atem steigt in Schwaden. Das Jahr versinkt in Wurzelbett, doch regt sich Ungeschautes.
Es singt die Holla altes Lied, vom Zauber dunk’ler Nächte. Hüt’ alles still im Zwie-Gelicht, damit wir’s kaum gewahren.
Kein Same flieht, kein Halm erwacht, kaum Laut, nur stilles Schaffen. Über dem das graue Heer, mit all den vielen Wachen.
Kein Ruf, kein Name hält es fest. Es find’t den Weg vom Anbeginn, trägt im Innern alten Bann das Gesam’ für’s Werden.
An seine Majestät König Ludwig II. / Ettal, im Nachsinnen eines stillen Sommertages
Eure Majestät,
verzeiht einer unbedeutenden Feder, dass sie es wagt, Euch einige Zeilen zu widmen. Ich schreibe nicht aus Vermessenheit, sondern aus dem Drang eines Gemüts, das vom Überfluss der Eindrücke nicht länger schweigen kann.
Ich habe Euren Linderhof besucht. Wir kamen mit Vorfreude im Gepäck: der Garten straff wie ein höfisches Gemälde, die Hecken akkurat, die Bäume wie Wachen, die nur Euch gehorchen. Der große Springbrunnen ruhte vorerst – ein grünlicher Spiegel, als hätte der Sommer darin sein Gedächtnis verloren. Als die Fontäne endlich emporstieg, war es wie ein Atemzug des Schlosses selbst: machtvoll, glänzend, beinahe überirdisch – und doch kalt wie ein Gedanke, der keinen Bruder findet. Wir wanderten die Sichtachsen hinauf, sahen Falter im warmen Licht, und für einen flüchtigen Augenblick schien es, als ruhe etwas Erhabenes über allem. Doch kaum überschritten wir die Schwelle, veränderte sich alles. Man führte uns hastig durch Eure Gemächer, schneller, als einer Seele möglich ist, Schönheit zu begreifen. Die Räume funkelten wie ein Fiebertraum aus Gold und Spiegeln, doch die Führer eilten, als wäre die Zeit ein unerbittlicher Hund hinter ihnen. „Weiter, bitte!“, riefen sie, während die nächste Gruppe schon in unsere Schritte drängte.
Ich bemühte mich zu sehen – wahrhaft zu sehen –, doch jedes Zimmer war nur ein Stich, ein Blitz, ein Aufscheinen, bevor man uns weitertrieb. Und dennoch, Majestät … mittendrin in all dieser Hast fühlte ich Euch. Nicht im Prunk, nicht im Übermaß, sondern in jener zarten Schwermut, die wie ein zurückgelassener Seufzer zwischen den Wänden hing. Ich sah keinen eitlen König, sondern einen Einsamen. Keinen Verschwender, sondern einen, der sich Orte schuf, an denen seine Seele nicht fror.
Als wir die hinteren Gärten erreichten, fiel die Stille auf uns herab wie ein Segen. Die Laubengänge waren kühl, das Gras duftete süß, das Licht webte Muster durch die Blätter. Hier endlich, fern vom Stimmengewirr, schien etwas von Euch zu atmen – ruhig, tief, wahr.
Und in dieser Stille, Majestät, verstand ich etwas: Vielleicht wart Ihr, mehr als irgendwer zuvor, ein König des Friedens – und vielleicht seid Ihr es noch, in jener Sphäre, in die Euch das Schicksal entrückte. Denn seht: Wie viele Fürsten brachten Leid über ihre Völker, wie viele regieren noch immer mit Härte, und wie wenige besitzen die wahre Größe, sich dem Krieg zu verweigern und im Frieden zu bestehen.
Und darum wage ich Euch etwas zu fragen – nicht als Untertanin, sondern als Mensch, der im Lärm der Gegenwart oft um seine eigene Stille ringt:
Welchen Rat würdet Ihr einer suchenden Seele geben, damit sie sich nicht fortreißen ließe vom Hastigen, nicht verhärten lässt vom Unrecht, und nicht verzweifelte an jenem ohrenbetäubenden Lärm der Staatenlenker, die mit großer Geste entscheiden und doch stets das Leben der Kleinen fordern und die Schicksale der ihnen Anvertrauten am lautesten erschüttern?
Wie findet man, mitten im Getöse einer Welt, die unablässig rechnet und kaum noch fühlt, jene tiefe, unbeirrbare Ruhe, die Ihr – vielleicht im Schatten Eurer eigenen Sehnsucht – gesucht habt? Wie schützt man das Herz, wenn ringsum eine Zeit lärmt, die Stärke mit Härte verwechselt und Menschlichkeit mit Schwäche?
Ich bitte nicht um Trost, sondern um Klarheit: Wie bleibt das Herz friedlich in einer Zeit, die alles andere verlangt?
Möge Eure Seele dort, wo Ihr nun wandelt, jene Ruhe tragen, die Euch im Leben so oft verwehrt blieb. Und möge die Nachwelt eines Tages klarer sehen als die unsere und Frieden schaffen mit des Geistes Waffen.
In aufrichtiger Hochachtung verbleibe ich Eure ergebene – und ein wenig eigensinnige – Besucherin