Wenn der Sturm durch die Fichten fährt, ist es nicht nur Wind. Er nimmt, was noch stand, biegt, bricht, glättet – bis nichts mehr widerspricht. Danach liegt das Land still. Weit, hell, beinahe leer. Der Schnee trägt das Licht, lässt es flirren, nimmt jedem Geräusch die Schärfe. Was eben noch Bewegung war, ist nun gebunden. Nur aus der Ferne ein Ton, ein Nachhall. Und darüber spannt sich der Himmel, klar und unerreichbar, als hätte alles seinen Platz wieder gefunden. Davon erzählt das Lied
Winterbraut
Wenn der Sturm die Fichten mit eisig Odem niederbiegt orgelt Allgestimm´ aus Winden bis der Frost all´ das besiegt
Was eben sich noch bäumte im weiß beflockt´ Gewand, ist nach der Lüfte Toben nun bitterkaltes Winterland.
Es umfängt die weiten Felder, hüllt alles in bleiches Licht. das auf Wiesen wie Gewisper sich um und um im Funkeln bricht.
Alles schweiget, keine Regung, fern erklingt der Glocke Ton, im heraufgezog´nen Dunkel blasset des Dasein stete Frohn.
Still wölbt sich hoch droben blaues Rund im Sternenschein und sein altes heil´ Gefunkel sinkt schweigend in dein Sein.
Mit 380 Metern Fallhöhe gehören die Krimmler Wasserfälle zu den höchsten Europas und sind die höchsten Österreichs. Schon auf der Zufahrt durchs obere Salzachtal sieht man die Wasserstufen in der Ferne aufblitzen. Je nach Blickwinkel und Vegetation zeigen sie sich anders – manchmal nur die oberste, ein silbriger Streifen im Fels, dann wieder alle drei Stufen übereinander. Weit oben im Krimmler Kees, einem Gletscher am Fuß des Großvenedigers, fällt fast jeder Niederschlag als Schnee. Was hier Jahr für Jahr liegen bleibt, wird zu Firn, verdichtet sich und wandert langsam hangabwärts. Am unteren Rand beginnt das Eis zu schmelzen und fließt talwärts als Krimmler Ache, über Geröll und Mulden, vorbei an Zirben, die älter sind als jedes Haus im Tal. Nach etwa zwanzig Kilometern erreicht sie eine Bruchkante im Gestein, an der das gleichmäßige Gefälle endet, und stürzt in drei Stufen hinunter – zusammen 380 Meter tief. Im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze einsetzt, schießen bis zu 500 000 Liter Wasser pro Sekunde ins Tal, im Winter bleibt kaum ein Hundertstel davon.¹
Die Krimmler Wasserfälle liegen im sogenannten Tauernfenster, einer geologischen Zone, in der tiefere Schichten der Erdkruste an die Oberfläche gedrückt wurden. Es zeigt, was sonst im Inneren der Gebirge verborgen bleibt: metamorphe Gesteine, verformt und gehoben unter dem Druck der Alpenbildung. Im Bereich der Fälle treten vor allem Zentralgneise und Glimmerschiefer auf, durchzogen von Granat- und Quarzadern, mit Einschlüssen aus Amphibolit und Eclogit. Zwischen den harten Schichten finden sich weichere Lagen, die das Wasser modelliert und ausgeschliffen hat. Über die Jahrtausende formten Eis und Schmelzwasser das Tal, glätteten den Fels und hinterließen Kolke und Strudeltöpfe, die heute den Verlauf der Ache begleiten.²
Unterhalb der Fälle beginnt der Bergwald. Fichten und Lärchen stehen dicht; zwischen ihnen leuchten Moose in allen Schattierungen auf den Steinen, die von den Wurzeln der Bäume festgehalten werden. In den Mulden wachsen Alpenrosen, Enziane, Arnika und Trollblumen. Eisenhut blüht dunkelviolett, daneben stehen Silberdisteln, deren Blüten im Sonnenlicht glänzen. Je näher man den Fällen kommt, desto feuchter wird die Luft; sie trägt den Geruch von Wald, Harz und Stein. Wasseramseln und Gebirgsstelzen huschen über die Steine, und weiter oben, wo der Hang steiler wird, erklingt der Pfiff eines Murmeltiers. Wenn die Sonne über die Gipfel steigt, lösen sich Schwaden aus dem Wald und treiben langsam davon.³
Der Weg, der am Fuß des Wasserfalls beginnt, wurde 1879 angelegt. Albert Schett, Postmeister in Krimml, leitete den Bau. Vierzig Männer arbeiteten zwei Sommer lang, ohne Maschinen, ohne Sprengstoff. Mit Hammer, Meißel, Brechstange und Seil trieben sie Stufen in den Feld, errichteten Geländer und befestigten die Kehren mit Stein. Nach rund vierhundert Höhenmetern erreicht man die Schett-Kanzel, den höchsten Aussichtspunkt. Oberhalb der Fälle öffnet sich das Krimmler Achental, ein breites Hochtal, das sich zwanzig Kilometer nach Westen zieht. Es wird seit Jahrhunderten alpwirtschaftlich genutzt. 1983 wurde das Tal Teil des Nationalparks Hohe Tauern, des größten Schutzgebiets der Alpen. In seinem Herzen leben wieder Bartgeier, Luchs und Steinadler. Die Moore oberhalb der Ache werden renaturiert, Bäche dürfen wieder mäandern – der Boden atmet.⁴
Das Klima an den Fällen ist eigen. Selbst an heißen Tagen liegt die Luftfeuchtigkeit bei über achtzig Prozent. Der Sprühnebel trägt Wasser weit in die Umgebung und schafft ein Mikroklima, das Pflanzen gedeihen lässt, die sonst nur oberhalb der Baumgrenze vorkommen. Moose und Flechten bedecken Steine und Wurzeln, manche leuchten im Licht wie nasser Samt. Die winzigen Wasserpartikel – kleiner als fünf Mikrometer – gelangen tief in die Atemwege. Sie wirken entzündungshemmend, verbessern die Durchblutung, beruhigen das vegetative Nervensystem. Schon im 19. Jahrhundert kamen Kranke hierher, um zu atmen. Sie nannten es die Krimmler Luft; heute heißt es Wasserfalltherapie. Die Universität Salzburg und die LMU München erforschen diese Wirkung seit Jahrzehnten – was Menschen damals spürten, gilt heute als belegt.⁵
Das Wasser der Ache selbst ist klar, arm an Mineralien, reich an Bewegung. Es enthält Spuren von Calcium, Magnesium, Eisen und Silikat. In den unteren Zonen, wo die Gischt täglich den Hang benetzt, wachsen Moosarten, die sonst nur in Quellmooren vorkommen – das Quellmoos (Philonotis fontana), das Widertonmoos (Polytrichum commune) und das Glänzende Sternmoos (Mnium hornum). Zwischen ihnen blüht das Milzkraut, das schon in alten Kräuterbüchern als „Leibkraut wider Husten und Gicht“ geführt wurde. Der Botaniker Joseph Rechberger notierte 1893: „Am Fuße des Krimmler Falles gedeiht das Alpenmilzkraut in solcher Fülle, dass der Boden gelbgrün schimmert.“ Oberhalb des Waldes liegen die Almen des Krimmler Achentals. Seit Jahrhunderten treiben Bauern ihr Vieh herauf; der Butter wird in alten Steingutgefäßen im Wasser gekühlt. Manche Hirten erzählen, der Nebel des Wasserfalls halte den Käse länger frisch – „er zieht die Hitze raus“, sagen sie.⁶
Im Winter kehrt Ruhe ein. Der Wasserfall gefriert stellenweise, aber nie ganz; hinter dem Eis fließt er weiter, gedämpft, tief, als atme er im Winterschlaf. Dann sind es Schneeammern und Schneehühner, die die Hänge beleben. Füchse ziehen durchs gefrorene Geröll, und manchmal zeigen sich Spuren eines Luchses, der leise die Grenze überschreitet.
In alten Erzählungen heißt es, der Wasserfall sei der Atem der Berge. Eine Sage berichtet vom Gletscherkind, „ein Knab, geboren im Eise, der den Menschen das Wasser brachte und sie lehrte, dass Kraft ohne Milde Verderben schaffe. Als sie aber begehrlicher wurden und mehr nahmen, als sie brauchten, da nahm er das Wasser mit sich in die Tiefe.“ Daneben erzählen die Leute vom „Wasserhüter“, „einem alten Mann mit Bart aus Moos, der in Nebelnächten über den oberen Fall wacht. Wer ihm begegnet, den trifft kein Stein und kein Unheil.“ Und die Frauen im Tal sagen: „Am Johannistag soll kein Wasser aus der Ache geschöpft werden, es sei zu stark und bringe Unrast ins Haus. Erst am Morgen darauf darf man’s zum Brotbacken nehmen, dann ist’s gesegnet vom Berg.“
In der Sprache des Oberpinzgaus tragen viele Wörter die Erinnerung an diese Landschaft: Ache für Wasser, Kees für Gletscher, Törl für Pass, Schrofen für Fels, Lahne für Lawinenrinne, Kaser für Sennhütte. Der Name Krimml selbst wird schon 1220 in Urkunden als Krimelach geführt – wahrscheinlich aus dem mittelhochdeutschen krumen, „sich biegen“. Das Wasser, das sich krümmt, gab dem Ort seinen Namen.⁷
"Ertha" ist ein Lied für den Erntedank, für Allerheiligen und Allerseelen. Das ist die Zeit der verborgenen Arbeit. Nicht das Licht entscheidet hier, sondern das Gleichmaß darunter. Die Erde hält den Atem an, um zu binden, was später treiben soll. Im Zwie-Gelicht liegt keine Schwäche. Es ist der Ort, an dem Gegensätze einander tragen. Was hier geschieht, entzieht sich dem Blick – und gerade deshalb ist es wirksam. Kein Same „wartet“. Er steht unter Bann. Nicht im Sinne von Stillstand, sondern in einer Ordnung, die weder Anfang noch Ende kennt. Und wenn es sich löst, ist nichts neu entstanden – nur sichtbar geworden, was längst wirkte.
Ertha
https://youtu.be/OsPBLXjfW1U
Äcker träumen unterm Reif, ihr Atem steigt in Schwaden. Das Jahr versinkt in Wurzelbett, doch regt sich Ungeschautes.
Es singt die Holla altes Lied, vom Zauber dunk’ler Nächte. Hüt’ alles still im Zwie-Gelicht, damit wir’s kaum gewahren.
Kein Same flieht, kein Halm erwacht, kaum Laut, nur stilles Schaffen. Über dem das graue Heer, mit all den vielen Wachen.
Kein Ruf, kein Name hält es fest. Es find’t den Weg vom Anbeginn, trägt im Innern alten Bann das Gesam’ für’s Werden.
Entstehung, Umfeld und frühe Entwicklung von Velké Pole (Hochwies)
1. Der alte Boden – Völker und Landschaft vor dem 13. Jahrhundert
Bevor in den Tälern der Nitra und des Hron deutsche Sprache erklang, lebten hier seit Jahrhunderten westslawische Gemeinschaften – Nachfahren jener Stämme, die im Frühmittelalter das Gebiet des heutigen Mittelslowakiens besiedelten. Archäologische Befunde bei Nitrianske Pravno, Handlová und Žiar nad Hronom belegen kontinuierliche slawische Siedlungen seit dem 8. Jahrhundert: kleine, locker gestreute Weiler, geschützt durch bewaldete Höhen, mit einfachen Holz-Erde-Bauten und gemeinschaftlich bewirtschafteten Feldern.¹
Im 9. Jahrhundert fiel das Gebiet unter den Einfluss des Großmährischen Reiches, dessen Zentrum sich um Nitra und Mikulčice erstreckte. Diese frühe Staatlichkeit brachte christliche Mission (Kyrill und Method), erste feste Kirchenbauten aus Holz und den Übergang von wandernder Viehwirtschaft zu sesshaftem Ackerbau.²
Nach dem Zerfall Großmährens zu Beginn des 10. Jahrhunderts gerieten die west- und mittelslowakischen Gebiete unter die Oberhoheit der magyarischen Stämme, die sich im Karpatenbecken festsetzten. Im 11. Jahrhundert etablierten die Nachfolger des Fürsten Géza und König Stephans I. († 1038) das Königreich Ungarn. Die Region um das spätere Hauerland wurde dabei nicht kolonial neu besetzt, sondern als Grenz- und Forstzone in das bestehende System der Gespanschaften eingegliedert. Die slawische Bevölkerung blieb; sie zahlte nun Abgaben an ungarische Grundherren und kirchliche Institutionen, etwa das Erzbistum Esztergom.³
Die Wirtschaft war einfach und lokal: Getreide- und Hirseanbau, Bienenzucht, Holzkohle, Jagd, gelegentliche Eisenverarbeitung aus oberflächennahen Erzen. Handel spielte kaum eine Rolle; Wege endeten oft im Wald.
2. Der Einschnitt – Verwüstung und Entvölkerung nach dem Mongolensturm
Im Jahr 1241/42 verwüstete der Mongolen-Einfall große Teile des ungarischen Königreichs. Chroniken wie jene des Rogerius (Carmen Miserabile) berichten, dass die Mongolen die mittlere Slowakei „in Asche legten“.⁴ Auch wenn konkrete Angaben zu Hochwies fehlen, gilt: Zahlreiche Dörfer in der Region zwischen Neutra, Kremnitz und Zvolen waren danach entvölkert oder völlig zerstört. Zeitgenössische Steuerlisten verzeichnen für mehrere Jahrzehnte einen deutlichen Rückgang der Bevölkerung.⁵
Diese Katastrophe markierte den Wendepunkt: König Béla IV. von Ungarn (1235–1270) leitete eine umfassende Wiederbesiedlungs- und Befestigungspolitik ein. Er ließ Burgen errichten, Städte neu gründen und lud „hospites“ – Gäste aus westlichen Landen – ins Land, um die Wirtschaft wieder aufzubauen.
3. Die neuen Siedler – Herkunft, Rechte und Gründe
Die sogenannten deutschen Gäste kamen überwiegend aus Regionen, die bereits berg- und hüttenmännische Erfahrung hatten: aus Oberungarn, Schlesien, Thüringen, Sachsen und dem Alpenraum. Sie reisten entlang bestehender Handelsrouten über Pressburg und Neusohl ins Binnenland.
Sie erhielten:
Erbrechte auf gerodetem Land („Hufen“),
Steuerfreiheit für 8–10 Jahre,
eigenes Recht (ius teutonicum), das Dorf- und Stadtgerichte, Erbfolge und Selbstverwaltung regelte.⁶
Diese Privilegien schufen die rechtliche Grundlage für die deutschen Kolonien im Gebiet, das später „Hauerland“ genannt wurde – nach den vielen Rodungen (-hau, -hauen).⁷
4. Von Kremnitz nach Hochwies – wirtschaftliche Zentren und Ausstrahlung
Der Bergbau war der Magnet dieser Bewegung. In Kremnitz (Kremnica) und Schemnitz (Banská Štiavnica) entstanden im 13. und 14. Jahrhundert durch königliche Bergfreiheiten hochentwickelte Bergstädte mit deutscher Stadtordnung.⁸ Von dort aus verbreiteten sich Techniken, Sprache und Rechtsformen in die umliegenden Täler. Die Wald- und Wiesenregion südlich von Handlová wurde so zur Versorgungs- und Siedlungszone der Bergstädte: Holz, Kohle, Vieh, Lebensmittel, Schmiedearbeiten.
Velké Pole (Hochwies) wird 1332 als „de Prato“ erstmals erwähnt – wörtlich „vom Wiesengrund“.⁹ Die Toponymie spricht für eine Rodungsgründung in dieser Zeit. Archäologisch lassen sich im Umkreis spätmittelalterliche Glashütten und Kohlenmeiler nachweisen, die in engem Zusammenhang mit dem Aufschwung des Bergbaus stehen. Hochwies lag somit am Rand, aber im wirtschaftlichen Einflussgebiet der königlichen Bergstädte Kremnitz und Neusohl.
5. Die gemischte Bevölkerung
Die Ansiedlung war keine „reine deutsche Kolonisation“. Die ungarische Krone siedelte deutsche Familien auf bereits slawischem Boden. So entstanden zweisprachige Dörfer, in denen deutsches Dorfrecht galt, die Bevölkerung aber bald sprachlich gemischt war. Die neuen Bewohner brachten Fachwissen – Schmelztechnik, Holzverwertung, Handwerk –, die alte Bevölkerung blieb mit Land und Vieh verbunden. Später entstand aus dieser Verbindung die spezifische Hauerländer Identität: deutsch im Recht und in der Kirche, slowakisch im Tausch und im Lied.
6. Zusammenfassung – Strukturelle Gründe für die deutsche Präsenz
Jahrhundert
Herrscher / Ereignis
Bedeutung für das Hauerland
9. Jh.
Großmährisches Reich
erste organisierte slawische Besiedlung
10.–11. Jh.
Eingliederung in das Königreich Ungarn
slawische Bevölkerung bleibt; feudal organisiert
1241/42
Mongolensturm
Verwüstung, Entvölkerung weiter Landstriche
ab 1247
Béla IV.
gezielte Ansiedlung deutscher Fachleute („hospites“)
1308–1382
Karl I. Robert, Ludwig I. der Große
Ausbau des Bergbaus; Gründung und Privilegierung der Bergstädte
1332
erste Erwähnung Hochwies („de Prato“)
Rodungssiedlung im Einflussgebiet von Kremnitz
14.–15. Jh.
Sigismund v. Luxemburg u. a.
Bestätigung deutscher Rechte; Konsolidierung der Sprachinsel
7. Nachklang
Was später als „Hauerland“ bezeichnet wurde, war also kein zufälliger deutscher Fleck, sondern das Ergebnis einer strategischen, jahrhundertelang fortgesetzten Kolonisationspolitik. Velké Pole war einer der südlichsten Punkte dieser Entwicklung – klein, aber typisch: ein Ort, gegründet auf gerodetem Wiesengrund, bevölkert von Siedlern aus deutschen und slowakischen Familien, getragen von der Arbeit im Wald, im Berg, im Feld.
Quellen
Hanika, K. (1952): Siedlungsgeschichte und Lautgeographie des deutschen Hauerlandes. München.
Kirschbaum, S. J. (2005): A History of Slovakia. Palgrave Macmillan.
Marsina, R. (1987): Dejiny Slovenska I–II. Bratislava.
Rogerius: Carmen Miserabile (1243), lat. Original; ed. Szabó 1972.
Štefanovičová, T. (1993): Archeológia Slovenska v období feudalizmu. Bratislava.
Horváthová, A. (2002): Karpatendeutsche im Hauerland. Bratislava.
Richter, K. (2018): „Die deutsche Sprachinsel Hauerland“, in Linguistische Treffen in Wrocław 12.
Banská Bystrica Museum: Stredoveké baníctvo na Slovensku, Ausstellungsheft 2015.
Digital Slovakian Archives, „de Prato 1332“ – Pfarrregister Kremnica.
An seine Majestät König Ludwig II. / Ettal, im Nachsinnen eines stillen Sommertages
Eure Majestät,
verzeiht einer unbedeutenden Feder, dass sie es wagt, Euch einige Zeilen zu widmen. Ich schreibe nicht aus Vermessenheit, sondern aus dem Drang eines Gemüts, das vom Überfluss der Eindrücke nicht länger schweigen kann.
Ich habe Euren Linderhof besucht. Wir kamen mit Vorfreude im Gepäck: der Garten straff wie ein höfisches Gemälde, die Hecken akkurat, die Bäume wie Wachen, die nur Euch gehorchen. Der große Springbrunnen ruhte vorerst – ein grünlicher Spiegel, als hätte der Sommer darin sein Gedächtnis verloren. Als die Fontäne endlich emporstieg, war es wie ein Atemzug des Schlosses selbst: machtvoll, glänzend, beinahe überirdisch – und doch kalt wie ein Gedanke, der keinen Bruder findet. Wir wanderten die Sichtachsen hinauf, sahen Falter im warmen Licht, und für einen flüchtigen Augenblick schien es, als ruhe etwas Erhabenes über allem. Doch kaum überschritten wir die Schwelle, veränderte sich alles. Man führte uns hastig durch Eure Gemächer, schneller, als einer Seele möglich ist, Schönheit zu begreifen. Die Räume funkelten wie ein Fiebertraum aus Gold und Spiegeln, doch die Führer eilten, als wäre die Zeit ein unerbittlicher Hund hinter ihnen. „Weiter, bitte!“, riefen sie, während die nächste Gruppe schon in unsere Schritte drängte.
Ich bemühte mich zu sehen – wahrhaft zu sehen –, doch jedes Zimmer war nur ein Stich, ein Blitz, ein Aufscheinen, bevor man uns weitertrieb. Und dennoch, Majestät … mittendrin in all dieser Hast fühlte ich Euch. Nicht im Prunk, nicht im Übermaß, sondern in jener zarten Schwermut, die wie ein zurückgelassener Seufzer zwischen den Wänden hing. Ich sah keinen eitlen König, sondern einen Einsamen. Keinen Verschwender, sondern einen, der sich Orte schuf, an denen seine Seele nicht fror.
Als wir die hinteren Gärten erreichten, fiel die Stille auf uns herab wie ein Segen. Die Laubengänge waren kühl, das Gras duftete süß, das Licht webte Muster durch die Blätter. Hier endlich, fern vom Stimmengewirr, schien etwas von Euch zu atmen – ruhig, tief, wahr.
Und in dieser Stille, Majestät, verstand ich etwas: Vielleicht wart Ihr, mehr als irgendwer zuvor, ein König des Friedens – und vielleicht seid Ihr es noch, in jener Sphäre, in die Euch das Schicksal entrückte. Denn seht: Wie viele Fürsten brachten Leid über ihre Völker, wie viele regieren noch immer mit Härte, und wie wenige besitzen die wahre Größe, sich dem Krieg zu verweigern und im Frieden zu bestehen.
Und darum wage ich Euch etwas zu fragen – nicht als Untertanin, sondern als Mensch, der im Lärm der Gegenwart oft um seine eigene Stille ringt:
Welchen Rat würdet Ihr einer suchenden Seele geben, damit sie sich nicht fortreißen ließe vom Hastigen, nicht verhärten lässt vom Unrecht, und nicht verzweifelte an jenem ohrenbetäubenden Lärm der Staatenlenker, die mit großer Geste entscheiden und doch stets das Leben der Kleinen fordern und die Schicksale der ihnen Anvertrauten am lautesten erschüttern?
Wie findet man, mitten im Getöse einer Welt, die unablässig rechnet und kaum noch fühlt, jene tiefe, unbeirrbare Ruhe, die Ihr – vielleicht im Schatten Eurer eigenen Sehnsucht – gesucht habt? Wie schützt man das Herz, wenn ringsum eine Zeit lärmt, die Stärke mit Härte verwechselt und Menschlichkeit mit Schwäche?
Ich bitte nicht um Trost, sondern um Klarheit: Wie bleibt das Herz friedlich in einer Zeit, die alles andere verlangt?
Möge Eure Seele dort, wo Ihr nun wandelt, jene Ruhe tragen, die Euch im Leben so oft verwehrt blieb. Und möge die Nachwelt eines Tages klarer sehen als die unsere und Frieden schaffen mit des Geistes Waffen.
In aufrichtiger Hochachtung verbleibe ich Eure ergebene – und ein wenig eigensinnige – Besucherin
Es gibt Bücher, die liest man mit den Augen, andere mit der Seele.Heilende Pilze weltweitvon Jürgen Guthmann ist so ein Buch – eines, das mit dem Leser wächst, fast unmerklich. Ganz still, wie ein Myzel, das nach einem warmen Regen aus seinen Fäden fruchtet. Und ehe man sich versieht, entfaltet es seine Wunder, leise und unaufdringlich, wie der Boden im Wald.
Was Jürgen Guthmann hier präsentiert, ist weit mehr als nur eine Sammlung von Informationen über Pilze – es ist ein inspirierender Atlas der Möglichkeiten: Wissen und Wissenschaft, völlig frei von esoterischem Zierrat. Es ist ein Buch, das uns in Staunen versetzt und, wenn wir ganz ehrlich sind, auch etwas beschämt. Denn es zeigt uns, wie wenig wir über diese faszinierenden Wesen wissen, die schon vor uns die Erde bevölkerten und auch weiterhin bestehen werden, wenn wir längst nicht mehr sind. Noch wichtiger: Sie werden es sein, die unsere Spuren in der Welt umwandeln.
Pilze, erklärt Guthmann, sind so viel mehr als nur beiläufige Begleiter; sie sind Heilmittel, Bodenverbesserer, Seelengefährten, Müllvertilger und Zukunftsmaterial. Sie gedeihen in der Steppe, in der Stadt, in den Tropen, im Keller – und natürlich im Wald. Sie verbinden, zersetzen und bewahren.
Guthmann hat Vertrauen in den Leser; er belässt uns nicht mit „Aller-Welts-Wissen“, sondern präsentiert ein Fachbuch, das nicht Lifestyle-Gurus gedacht ist, sondern für all jene, die mehr Fragen haben, die spüren, dass da eine tiefere Wahrheit verborgen liegt. Und für die, die bereit sind, sich auf etwas einzulassen, das viel älter ist als wir alle zusammen. Denn dieses Buch erzählt nicht nur, was Pilze alles leisten können, sondern es offenbart, was sie sind. Nicht nur hübsche Dekoration oder Beigaben der guten Küche. Guthmann zeigt sie als eine dritte Kraft, als ein eigenes Reich – und dieses Reich ist größer, reicher und geheimnisvoller, als wir es in unseren gewohnten Denkweisen erahnen können.
Heilende Pilze weltweit ist ein Werk, das man nicht einfach verschlingt, sondern dessen Tiefe man mit Hingabe durchdringt. Jedes Kapitel ist überreich an Daten – und doch spürt man immer deine stille Ehrfurcht, die für diese uralten Wesen hervorrufen. wird. Guthmann meistert den Balanceakt: wissenschaftlich fundiert, aber keinesfalls trocken, detailreich, jedoch nie überladen. „Heilende Pilze weltweit“ möchte nicht verzaubern, sondern ehrliche Information liefern, und zwar jene, die in ein Fachbuch gehören. Es ist ein wertvolles Nachschlagewerk, ein Forschungsatlas, eine Arbeitsgrundlage – für all jene, die viel tiefer verstehen möchten, was Pilze vermögen. Am Ende legt man es nicht einfach beiseite. Es bleibt im Herzen und im Denken. Wie der vertraute Geruch von feuchter Erde, wie das Bild eines unsichtbaren Netzes, das unsere Welt trägt. Dieses Buch wächst in den Lesern, still, unaufdringlich, unaufhaltsam – genau wie die wunderbaren Wesen, von denen es erzählt.
Guthmann zeigt präzise, dass Pilze weit mehr sind als „essbar“ oder „giftig“. Sie bergen ein kaum erschöpfliches Reservoir an medizinisch relevanten Substanzen und eröffnen neue Wege in der Behandlung unterschiedlichster Erkrankungen. In sorgfältig ausgearbeiteten Porträts führt er dies aus: – detailliert, fundiert, verständlich und zugleich eindrucksvoll. Für Fachleute aus Medizin, Naturheilkunde, Naturwissenschaft und Mykologie ist das Buch ein Schatz aus klar aufbereiteten Daten, chemischen Formeln und ethnomykologischen Hintergründen. Für alle anderen Leser bleibt es ein Werk, das Wissen greifbar macht und Begeisterung weckt. So wächst Heilende Pilze weltweit über die Grenzen einer bloßen Fachlektüre hinaus. Es wird zu einem Erlebnis, das sich einprägt – wie der Geruch von feuchter Erde mit seinem unsichtbaren Netz unter unseren Füßen. Ein Buch, das bleibt. Still, unaufdringlich, unaufhaltsam. Genau wie die Wesen, von denen es erzählt.
Heilende Pilze weltweit: Beschreibung – Inhaltsstoffe – Wirkung Gebundene Ausgabe – 28. März 2024, 3. erweiterte Auflage Autor: Jürgen Guthmann Verlag: Quelle & Meyer 592 Seiten, über 700 Abbildungen ISBN-13 : 978-3494019604
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Es gibt Geschichten, die lassen sich nicht einrahmen, nicht konservieren, nicht museal zähmen; sie widerstehen jeder Glasvitrine, jedem Kommentarzettel, jeder ordentlichen Fußnote, denn sie riechen nach Eisen und verbranntem Pulver, nach kaltem Schweiß und dem zähen Atem derer, die nicht niederknien wollten; die Geschichte vom Andreas Hofer gehört zu diesen widerständigen Stücken Welt, sie ist kein patriotisches Bühnenstück und kein sauberer Mythos, sondern das Drama eines Mannes, den die Mächtigen erst brauchten, dann benutzten und schließlich verließen, wie sie es seit je mit allen tun, die zu aufrecht stehen, um bequem zu sein; er war Wirt, nicht mehr und nicht weniger, einer, der Löffel, Krug und Pflug kannte, der rechnen konnte, wenn’s ums Bier ging, und reden, wenn’s um das Menschliche ging, einer, der führen konnte, gerade weil er nie herrschen wollte; als Franzosen und Bayern ins Land kamen — wie sie kommen, wenn es irgendwo etwas zu holen gibt —, stand er auf, nicht aus Ruhmsucht, sondern weil da etwas in ihm war, das sich nicht beugen ließ; er rief die Seinen, Bauern, Jäger, Knechte, und ja: auch die Frauen, die nicht „hinter“ standen, sondern im Haufen, mit Bündeln und Büchsen, mit Augen so hart wie geschliffene Sensen; sie kamen ohne Illusionen, bewaffnet mit dem, was der Alltag hergab — Sensen, alte Böckel, Messer, und einem Mut, der sich nicht verrechnen lässt — und sie kämpften gegen Heere, die ihnen an Zahl und Gerät überlegen waren, sie siegten, weil die Erde manchmal jene trägt, die für sie kämpfen; für einen schmalen Augenblick stand der Sandwirt als Landesfürst, ein Bauer auf dem Thron, und gerade weil diese Ordnung „verkehrt“ war, war sie wahr; doch Wahrheit dauert selten lang, wo Politik den Takt schlägt; in Wien brannte der Kronleuchter heller als jedes Gewissen, der Kaiser, für den Tirol blutete und dem Hofer vertraute wie einem Vater, reichte dem Korsen die Hand, versetzte Tirol im großen Handel der Herren und nannte Verrat „Frieden“; man stelle sich’s vor: ein Land, mit Mut und Schweiß gehalten, verkauft in einem Atemzug, damit ein Herrscher seine Ruhe hat — ein Bauernopfer, sauber gezogen auf dem Schachbrett der Geschichte; kein Wort an die Männer und Frauen in den Bergen, kein Dank, nur das Schweigen jener Etagen, deren Finger nie Erde unter den Nägeln tragen; und als wäre es nicht genug, kam der zweite Verrat, leiser und gemeiner, aus der eigenen Stube: einer, der Gefährte war, ließ sich kaufen — für Silber, für Sicherheit, für Angst —, und so fiel der Sandwirt nicht im Kampf, sondern an dem, was dem Menschen immer am leichtesten fällt: am Vergessen dessen, was er schuldet; darin liegt der Schmerz dieser Geschichte, nicht in der Kugel, die ihn traf, sondern in der Erkenntnis, dass Treue dünner ist als Lack, wenn Furcht den Pinsel führt; Hofer starb, aber er brach nicht, er blieb, wie er war: gerade, unbeirrbar, unbequem — einer, der lieber verliert, als zu knien; später machte man ihn zu allem Möglichen, Held, Opfer, Symbol, und man goss sein Ende in Verse, die bis heute auf Festtagen erklingen — „Zu Mantua in Banden, der treue Hofer war“ (erste Verszeile der Landeshymne, Text Julius Mosen, 1831) — ein Gesang, der rührt und doch die Kälte der Paläste nicht wärmt; man schrieb ihm Worte zu, roh und knapp — „Mander, ’s isch Zeit! (Männer, es ist Zeit.)“ — und erzählte von seinem letzten Spott vor den Gewehren — „Ach, was schießt ihr schlecht!“ —, ob nun so gefallen oder legendenhaft verdichtet, es ist gleichgültig, denn was zählt, ist, dass sein Widerstand nicht zu Bronze gerann, sondern zu einem Satz, der sich einpflanzt, wenn man ihn liest: die Großen handeln, die Kleinen zahlen, doch hin und wieder stellt sich einer in die Reihe und dann weiß man plötzlich wieder, wie Widerstand klingt, wenn er aus ehrlicher Kehle kommt; man zeigte ihn später auf Postkarten und in Stichen, man las Sonntagsreden und schrieb Festschriften, und gerade daran sieht man, wie verlässlich das alte Spiel ist: man lobt die Toten, die sich nicht mehr wehren, man feiert, was man zu Lebzeiten verraten hat; wer Hofer gerecht werden will — dem Menschen Hofer —, der streicht den Zierat und behält den Willen: ein hartnäckiges „Nein“, das nicht lärmt, sondern trägt, das in Frauen und Männern gleichermaßen zu Hause ist und das nicht käuflich ist; und wer heute an einer Vitrine stehen bleibt und auf die Fetzen Welt dahinter schaut — Rock, Patrone, ein Brief —, der hört vielleicht etwas, das nicht geschrieben steht: Nicht verkauft. Nicht gebeugt. Nicht vergessen.
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Zitate und Belege (1831 – 1910) 1 – „Mander, ’s isch Zeit!“ – überliefert vor der dritten Bergiselschlacht (1810); Tiroler Volksblatt, 4. Aug. 1899; Josef Egger: Andreas Hofer und seine Zeit, Innsbruck 1880. 2 – „Ach, was schießt ihr schlecht!“ – als letzte Worte überliefert; Anton Pitscheider: Andreas Hofer, Wien 1861; Tiroler Stimmen, Nr. 7, 1893. 3 – „Zu Mantua in Banden…“ – Julius Mosen, 1831 / Leopold Knebelsberger, 1844; Gedichte von Julius Mosen, Leipzig 1832. 4 – Nachrufe und Vereinnahmungen: Tiroler Volksblatt, 21. Sept. 1893 „Der heilige Sandwirt“; Österreichisches Sonntagsblatt, 7. Aug. 1910 „Der Tell der Alpen“. 5 – Mundartrede im „Goldenen Adler“ (Innsbruck), überliefert nach Karl Schatz, Der Mann vom Land Tirol, Wien 1920. 6 – Sekundäre Darstellungen: Franz Hattler, Andreas Hofer, Innsbruck 1896; E. Boeheim, Der Tiroler Aufstand von 1809, Wien 1909.
(alle Quellen gemeinfrei / Digitalisate in ANNO – Österreichische Nationalbibliothek)
Das Riedberger Horn erhebt sich zwischen Balderschwang und Grasgehren, 1787 Meter hoch, ein Rücken aus geborstenem Flysch, geschoben, gefaltet, geschunden im langen Atem der Alpen. Die Geologen nennen es Helvetikum – ein Wort, das so klingt, als müsste man es im Sturm aussprechen. Die Hänge, die heute Alpwiesen sind, waren einst Meeresboden. Schiefer, Mergel, Sandstein – Gesteinsschichten wie aufgeschichtete Jahre.
https://youtu.be/GAB8xMmiwG8?si=sl2Lagwa4DjVG217
Jahrhundertelang hat man hier gearbeitet, nicht gewandert. Die Alp war kein Aussichtspunkt, sondern Lebensgrund. Die Grasgehrenalpe, schon im 15. Jahrhundert erwähnt, gehörte nicht „jemandem“, sondern allen, die sie zu pflegen wussten. Wer sie nutzte, musste hegen, entwässern, mähen, das Vieh treiben – und am Ende des Sommers sollte alles wieder aussehen, als sei kein Mensch dort gewesen. Das war die alte Abmachung: Erde gegen Achtung. Grenzen liefen quer über die Rücken – zuerst zwischen Österreich und Bayern, später zwischen Ämtern, jetzt zwischen Zuständigkeiten. Alte Grenzsteine stehen noch, von Moos überzogen, und erzählen vom ewigen Versuch, Ordnung in ein Land zu meißeln, das sich nicht ordnen lässt. Denn die Natur löscht Linien: mit Regen, mit Wind, mit Zeit. Das Wetter hier oben hat kein Programm. Es ist, wie es ist. Heute so, morgen anders. Wenn unten im Tal der Hochnebel hängt und die Kälte wie Blei einen beim Heraufgang umklammert, liegt oben die Sonne selbst auf dem Berg, bloß und brennend wie die Sau, klarer Himmel, Windstille, als wär’s ein anderes Land. So war es immer. Das Horn kennt keine Jahreszeiten nach Kalender, nur seine Zeiten: Schmelzen, Wachsen, Reife, Ruhe.
Der Berg trägt. Er trägt das Vieh, den Nebel, Wanderer und Skifahrer. Und er trägt die Last der Begehrlichkeiten. Wer hier wohnt, weiß, dass sich das Wollen der Menschen schneller ändert als das Wetter. Früher war das Horn Arbeitsort, heute ist es auch Kulisse. Man will Aussicht, Erlebnis, Erschließung. Der Berg soll nützen, nicht nur da sein.
2014 war der Punkt, an dem sich das Land wehrte. Die Pläne, die Skigebiete Grasgehren und Balderschwang zu verbinden, hätten den Berg zerrissen. Neue Lifte, Schneisen, Beton – ein Schnitt mitten durch den Naturpark Allgäuer Hochalpen. Die Leute hier oben wussten, was das bedeutet: weniger Land, mehr Lärm, und am Ende eine Rechnung, die keiner bezahlen kann. Ein alter Senn sagte damals: „Ein Berg, der sich verkaufen lässt, ist keiner mehr.“ Kein Spruch für die Presse, sondern Wahrheit vom Heustock. 2018 fiel das Projekt. Das Riedberger Horn blieb, wie es war: eigenwillig, still, trotzig – und hoffentlich bleibt es so. Man muss nicht alles zubetonieren, „erschließen“, weil mancher meint, es müsse sein.
Unterhalb des Gipfels erzählt man sich Geschichten. Vom schwarzen Stier, der in Nebelnächten über die Weiden zieht – ein verfluchter Bauer, heißt es, der sein Gold vergraben wollte und zur Strafe seither wühlt und brüllt, wenn der Föhn kippt. Und von der weißen Frau, die den Weg zeigt, wenn der Nebel zu dicht wird und der Hirte heim will. Solche Geschichten halten, weil sie mehr Wahrheit tragen als jede Verordnung: Dass dieser Berg ein Wesen ist, kein Standort.
Der schwarze Stier vom Riedberger Horn
(Anton Moosbrugger, „Sagen aus dem Allgäu“, Kempten 1926, S. 74 f.)
Vor vielen Jahrhunderten lebte am Fuße des Riedberger Horns ein reicher Bauer, der war hartherzig und geizig. Wenn ein Armer an seine Tür kam, jagte er ihn mit dem Stock fort, und seinen Knechten kürzte er den Lohn, indem er sagte, sie hätten zu wenig gethan. So häufte er viel Geld auf, aber niemand mochte ihn.
Als er starb, kam kein Priester, und kein Nachbar begleitete ihn. Er wurde ohne Segen begraben. In der Nacht vor seinem Tod soll er sein Gold unterhalb der Grasgehrenalpe vergraben haben.
Seit jener Zeit, so erzählen die Hirten, geht bei Nebel und Föhn ein schwarzer Stier auf den Weiden um. Er scharrt mit den Hufen, stößt gegen Steine und wühlt, dass die Erde sprüht. Wer ihn sieht und ihm zu nahe kommt, der verirrt sich und findet den Weg nicht mehr heim.
Ein Hirtenbub soll ihn einmal gesehen haben und rief ihm zu, was er da thue. Da blieb der Stier stehen, sah ihn an, und aus seinen Augen fiel schwarzes Wasser. Dann verschwand er, und am Morgen fand man dort einen gespaltenen Stein. Unter ihm – nichts als Erde.
Die Alten sagen: Der Stier ist der Bauer, der wandeln muß, weil er im Leben hartherzig war. Solange sein Gold in der Erde ruht, findet er keine Ruhe.
Die weiße Frau von Grasgehren
(Franz Josef Lenz, „Allgäuer Bergsagen“, Sonthofen 1953, S. 112)
Wenn über den Weiden von Grasgehren der Nebel fällt und der Wind das Vieh auseinandertreibt, so sieht man manchmal eine weiße Frau gehen. Sie hat ein Tuch um das Haupt geschlagen, ist barfuß und trägt ein einfaches Kleid. Sie schreitet still zwischen den Tieren, legt die Hand auf deren Rücken, und sie kehren zur Herde zurück.
Wer sie sieht, soll kein Wort reden und kein Zeichen machen, sonst verschwindet sie wie Rauch.
Ein alter Senner erzählte, er habe sie einmal im Nebel gesehen, als er selbst den Steg verloren hatte. Sie stand bei einem Stein, winkte ihm und ging voraus. Als er ihr folgte, fand er den Weg zurück. Als er sich umwandte, war sie verschwunden, doch der Stein war naß vom Thau, obwohl die Nacht warm war.
Die Leute sagen, sie sei die Seele einer Sennerin, die einst in Nebel und Schnee unterging und nie wieder heimfand. Andere glauben, sie sei der gute Geist des Horns, der die Menschen warnt, wenn sie zu weit gehen.
Und wer hinaufsteigt, merkt schnell, dass er hier nichts zu „erobern“ hat. Das Riedberger Horn ist spröde, eigen und wohlgerundet. Die Wege sind keine Promenade, sondern Erinnerung. Jeder Schritt klingt wie Arbeit. Jeder Windstoß trägt einen Satz mit sich: Nimm nur, was du tragen kannst.
Wer oben steht, versteht: Das Riedberger Horn ist kein Denkmal und keine Aussichtskanzel, sondern ein Prüfstein. Es erinnert daran, dass alles Werden Arbeit kostet und dass Besitz nur dann Bestand hat, wenn er Maß hält. Und vielleicht ist das das Letzte, was bleibt, wenn alles Moderne wieder rostet: dass hier ein Berg steht, der sich nicht beugen ließ. Dass unter all dem Gerede von Nutzen, Fortschritt und Förderung noch etwas lebt, das älter ist als der Mensch – die Geduld der Berge. Und sie sagen, ohne Worte, aber hörbar: Wir waren vor euch da. Und wir bleiben, wenn ihr geht.
Landeruns Hütte, 2025
Quellen und Überlieferungen – Riedberger Horn – Geologie: Flyschzone des Helvetikums (Bayer. Geologisches Landesamt, Karte 8434, 1989). – Erste Erwähnung der Grasgehrenalpe 1472 (Archiv Obermaiselstein, Alpregister). – Anton Moosbrugger, Sagen aus dem Allgäu, Kempten 1926, S. 74 f. „Der schwarze Stier vom Riedberger Horn“. – Franz Josef Lenz, Allgäuer Bergsagen, Sonthofen 1953, S. 112 „Die weiße Frau von Grasgehren“. – Presseberichte zum Ausbaukonflikt: Augsburger Allgemeine, 5. Dez. 2014; Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2018.