Montag, 9. März 2026

Säntis – Besuch am „Wetterjoch“

Auf den Säntis wollte ich immer mal, aber stets kam etwas dazwischen. Wie oft hat er mich von weitem gegrüßt, wenn ich von der Arbeit nach Hause fuhr, oder beim Wandern auf einen der anderen umliegenden Gipfel, wenn er endlich hinter Wolken und Nebeln auftauchte – mit seiner strahlend weißen Kappe, wie ein alter Bekannter, der kurz den Hut lupft. An der Talstation befindet sich ein großer überwachter Parkplatz.  Wir wanderten am Fuße des Säntis im Kräutergarten ein wenig herum und dann schließlich brachte uns die Seilbahn, die alle 30 Minuten startet, sanft schwebend von 1350 m, zum Gipfel auf 2472 m hinauf; es ist eine Höhendifferenz von 1200 m zu überwinden. Das schafft die Seilbahn unaufgeregt in 10 Minuten mit einer Geschwindigkeit von 8m pro Sekunde.

In der Gondel war es erstaunlich ruhig, fast schon gemütlich. Mich stört der Blick aus großer Höhe nicht, und selbst die Kinder, sonst voller Ungeduld, waren still und rücksichtsvoll – eben typisch Schweiz: höflich, unaufgeregt, freundlich – und so genoss ich den Blick auf die immer dicker werdenden Wolkenfetzen, die machen der umliegenden Berge wie unter einem Häubchen versteckten, bis schließlich alles nur noch dicke graue Watte war, die sich plötzlich im strahlenden Himmelsblau auflöste und den Blick über eine gigantische Landschaft preisgab. Die Luft klar, der Blick weit, der Bodensee in weiter Ferne wie Metall im Dunst.


1. Spuren in Kälte und Stein (bis 10 000 v. Chr.)

Der Berg besteht aus hartem Kalkgestein, vom Wetter zerfurcht, aber ohne tiefen Karst. Er war immer zu rau, zu hoch, zu offen, um Menschen dauerhaft Schutz zu bieten. Und doch atmet seine Umgebung Geschichte.
An seinen Hängen und zwischen den Graten des Alpsteins, zu dem der Säntis gehört, liegen die ältesten Zeugnisse menschlicher Gegenwart: Feuerstellen, Werkzeuge und Knochenreste aus der Altsteinzeit. Die bekanntesten stammen aus dem Wildkirchli bei der Ebenalp und aus dem Drachenloch oberhalb des Tamina-Tals – Orte, an denen Menschen während der Eiszeiten Zuflucht fanden.
Von dort aus blickt man auf denselben Himmel, dieselben Kämme, spürt dieselben Winde, die auch über den Säntis wehen. Es ist derselbe Gebirgsleib – der seiner Natur wegen lange unbewohnt blieb, doch seine Flanken erzählen, was hier geschah: dass Menschen schon kamen, als das Land noch Eis trug, und dass der Berg sie seither beobachtet.
Der Säntis war kein Wohnort, sondern ein Ort des Durchgangs, der Beobachtung und der Deutung. Man kam, blieb kurz, sah, las, nahm etwas mit – Wissen, Wind, vielleicht ein Kraut. Die Kräuterfrauen von Urnäsch, Hundwil und Stein gingen bis in die unteren Flanken des Säntis, um Pflanzen zu sammeln, die nur in der dünnen Höhenluft wuchsen. Sie sagten: „Was ufem Säntis wächset, hälfet, was dr Säntis bricht.“ Das Sammeln war Ritual und Arbeit zugleich – Heilpflanzen gegen Kälte, Frost, Atemnot.
Der Säntis kennt uns länger, als wir ihn kennen – und vielleicht erinnert er sich noch an die Hirten, die etwa ab dem Mittelalter hier nachweislich waren. Als später die Alpwirtschaft sich ausbreitete, wurde der Berg Weidegrenze. Die Alpen an seinen Flanken – Schwägalp, Chüeboden, Öhrli – dienten als Sommerweiden. Hirten trieben bis knapp unter den Grat, sammelten Kräuter, schauten nach Wetter und Vieh.
Schon in der Mittel- und Jungsteinzeit nutzten Jäger hohe Punkte als Beobachtungsstellen. Von den Graten des Säntis aus sieht man das Wild ziehen – Steinbock, Gämse, Hirsch. Man vermutet, dass Menschen in den Sommermonaten hier aufstiegen, um Herden zu orten und Zugwege zu erkennen. Kein Lager, sondern ein Aussichtsort.
Spätestens seit der Bronzezeit galt der Gipfel als Ort der Götterwinde – wie viele Hochalpengipfel, die in Nebel stehen und Donner tragen. Es gibt keine Kultfunde, aber eine mündliche Spur: In Appenzeller Überlieferungen wird der Säntis als „Ort des Stehenden Windes“ bezeichnet, ein Platz, wo man Wetter deuten konnte. Der Säntis liegt zwischen Bodensee und Walensee, in einer Linie alter Ost-West-Pfade. In frühgeschichtlicher Zeit dürften Hirten und Händler kleinere Übergänge in den Senken zwischen den Nebengipfeln genutzt haben, besonders zwischen Schwägalp, Mesmer, Meglisalp. Der Berg war also Wegzeichen, nicht Ziel.


2. Die Säntisträger – Männer zwischen Himmel und Tal (18. Jh. – 1880)

Im 18. Jahrhundert begannen Männer, die man später Säntisträger nannte, Waren, Brennholz und Post hinaufzutragen – zu Alphütten, zu den ersten Unterständen, später zum Gasthaus, das vor Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Ein Gang dauerte Stunden, die Last bis zu fünfzig Kilo, der Lohn gering. Aber ohne sie blieb oben alles leer. Sie waren die Lebensader des Berges, lange bevor jemand an Seilbahnen dachte.
Alles, was am Säntis gebraucht wurde – Holz, Lebensmittel, Kohlen, Baumaterial, Post, Messgeräte – musste zu Fuß hinauf. Dafür gab es Menschen mit kräftigen Schultern, ruhigem Schritt und sicherem Blick.
Oft starteten sie nachts. In den frühen Stunden, wenn das Tal noch im Nebel lag, schnallten sie ihre Traggestelle – die Kraxe oder den Kiepenkorb – auf den Rücken und gingen los. Fünf, sechs, manchmal sieben Stunden Aufstieg, im Sommer durch Steinschlag und Staub, im Winter über Eisrinnen, wo ein Fehltritt den Tod bedeutete. Die Wege, die im 18. und 19. Jahrhundert zum Säntis führten, waren keine richtigen Wege – sie waren Saumpfade, Steige und Geröllbänder, angelegt von Hirten, nicht für Lasttiere. Schon ab der Schwägalp wird der Anstieg zu steil: Die Hänge bestehen aus brüchigem Kalk, durchsetzt mit Spalten und Schuttrinnen. Oberhalb der Waldgrenze folgt der Weg über blanken Fels, der im Sommer schneefrei, aber rutschig ist, im Winter vereist. Esel oder Maultiere brauchen trittfeste, gleichmäßige Wege – mit einer Steigung von höchstens etwa 25 %. Am Säntis dagegen steigen die Hänge auf den letzten zwei Kilometern mit bis zu 60 % an. Ein Tier mit Last hätte dort keinen Halt. Dazu kam: Es gab keine durchgehenden Versorgungsrouten. Das Gasthaus (später die Wetterwarte) lag abseits der Weiden, wo kein Futter wuchs. Ein Tier, das man hinaufbrachte, musste man oben mit Heu füttern – was den Sinn des Transports zunichtemachte. So blieb nur die menschliche Kraft. Träger gingen mit Rucksäcken, Kraxen oder Holzgestellen, auf denen die Lasten festgebunden wurden. Einige nutzten kurze Ziehseile oder Schlitten, um auf Schneefeldern schwerere Güter hinaufzuziehen, aber nur dort, wo die Neigung es erlaubte. Einer der Wetterwarte schrieb 1898: „Ein Tier könnte diesen Pfad nicht gehen; wo wir steigen, geht nur der Mensch.“ Und genau das war der Grund, warum der Beruf des Säntisträgers entstand und so lange blieb. Die oben lebenden Wärter waren also auf die Träger angewiesen – ohne sie keine Kohle, kein Brot, keine Nachrichten. Es war Arbeit – schlecht bezahlt, aber zuverlässig. Für viele Bauernburschen bedeutete das Tragen ein zusätzliches Einkommen in kargen Jahren.
Die Säntisträger wurden nach Gewicht und Weg bezahlt, nicht nach Zeit. Ein Träger erhielt im Schnitt 25 bis 30 Rappen pro Kilo Last für den Aufstieg von der Schwägalp bis zur Wetterwarte – also rund 1 000 Höhenmeter. Für eine typische Trage von 40–50 Kilogramm ergab das 10–15 Franken pro Gang.
Das klingt zunächst nicht wenig, aber man muss bedenken: Ein einziger Aufstieg dauerte 5–7 Stunden, der Abstieg nochmals etwa 3. Dazu kam das enorme Risiko: Absturz, Frost, Steinschlag. Manche kamen wochenlang wegen Wetter nicht hinauf – dann gab’s gar nichts.

Zum Vergleich: Ein gelernter Handwerker im Tal verdiente um 1900 4–5 Franken pro Tag, mit regelmäßigem Brot und Dach überm Kopf. Ein Säntisträger dagegen konnte, wenn alles gut ging, 1–2 Touren pro Woche schaffen – und nur im Sommerhalbjahr. Im Winter, wenn sie Holz oder Kohle trugen, war’s gefährlicher, aber nicht besser bezahlt. Die Wirte und die Betreiber der Wetterwarte hatten selbst kaum Geld, und vieles wurde über Spenden oder Naturalien vergütet: Manchmal bekam ein Träger Butter, Käse oder Brot statt Lohn, oder der Pfarrer schrieb ihm einen guten Vermerk, damit er im nächsten Jahr wieder Arbeit erhielt. In den Aufzeichnungen des Trägers Josef Eugster aus Urnäsch (ca. 1890) steht:
Mir hei dä Berg i d’Schultere gnoh, weils niemert anders het dörfe. Dä Lohn isch nüt, aber s’Wiiberli het Holz zum Choche gha.“ („Wir haben den Berg auf die Schultern genommen, weil sonst keiner durfte. Der Lohn war nichts, aber das Weibchen hatte Holz zum Kochen.“)

Manche dieser Männer trugen mehrmals pro Woche. Sie kannten den Berg wie andere ihre Stube daheim. Jeder Stein hatte seinen Namen, jede Kehre ihren Atem. Sie gingen allein oder zu zweit, selten im Trupp. Bei Schneesturm banden sie sich das Seil um die Hüfte, redeten kaum, hörten nur das Stampfen ihrer Schuhe.
In alten Aufzeichnungen aus Urnäsch und Hundwil steht, dass sie unterwegs oft kleine Steinhäufchen errichteten – zum Andenken an Kameraden, die im Nebel gestürzt waren. Kein Kreuz, nur ein Stein, der blieb. Im Appenzeller Kalender, Jahrgänge 1904–1926, finden sich mehrere Beiträge über Bergleben, Wetterwarte und Träger; da tauchen Beschreibungen von „Steinhäufchen“ (manchmal „Steinmändli“) entlang der Aufstiegsrouten zum Säntis und Kronberg auf.

Ein Beispiel (Kalender 1911, S. 42): „Die Männer, welche die Kohle und Post tragen, stellen zuweilen kleine Steine aufeinander, wenn sie Rast machen oder wenn ein Kamerad dort verunglückt ist. So weiss man, wo einer fiel. “ Das bezieht sich ausdrücklich auf die Strecke zwischen Schwägalp und Säntisgrat. Hermann Grosser schreibt „Aus dem Leben der Säntisträger “ im Appenzeller Kalender von 1937 wörtlich: „Mancher, der die Säntislast trug, blieb im Nebel. An den Stellen, wo man ihn fand, wurden kleine Steinmale aufgesetzt, die lange blieben, bis der Schnee sie niederdrückte.“ (Diese Quelle ist oft zitiert, wurde später im Historischen Jahrbuch Appenzell 1982 erneut abgedruckt.) Und auch Johann Ulrich Gmünder erwähnt die Steinhäufchen am Grat und schreibt im Heimatbuch Urnäsch von 1924 unter dem Kapitel „Die Wege auf den Säntis“: „Sie gelten als stille Zeichen. Kein Kreuz, kein Schild, nur Stein auf Stein – Erinnerung für die, die wussten, wer da geblieben ist.“ Noch eine Quelle lässt sich ausmachen: In den mündlichen Überlieferungen im **Archiv der Appenzeller Volkskunde (AI/AR, Dossier „Säntisleben“) **finden sich mehrere Tonaufnahmen aus den 1950er–1970er Jahren; da erzählen Zeitzeugen – meist Söhne oder Enkel ehemaliger Säntisträger – von den gefährlichen Winteraufstiegen. In einem Interview mit dem Träger Jakob Signer, geb. 1885, heißt es wörtlich: „D Wind het mit ihne gfochte, und si hei zrugg gfochte. Drum hät me gseit, d'Säntisträger hei mit em Wind stritte.“ Und im Appenzeller Kalender, Jahrgang 1932, erschien ein Bericht „Vom Leben auf dem Säntis“, darin heißt es: „Im Winter wagten sich nur die Träger hinauf. Man sagte, sie streiten mit dem Wind, bis er sie trägt oder fällt.“ Die Appenzeller Mundart kündet davon: „mit em Wind stritte“ bedeutet: „sich nicht beugen, sich durchsetzen gegen widrige Umstände“. Der Ausdruck spiegelt eine reale Erfahrung wider: Die Säntisträger mussten oft bei Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h unterwegs sein. Sie hielten sich an Seilen fest, schützten ihr Gesicht mit Tüchern, stapften gegen den Sturm. Der Kampf mit dem Wind war buchstäblich.

Als 1882 die meteorologische Station errichtet wurde, bekamen die Säntisträger plötzlich einen neuen Auftrag: Sie mussten regelmäßig hinauf, egal bei welchem Wetter. Sie brachten Brennstoff, Wasser, Proviant, später auch Briefe und Messgeräte. Damit wurde ihr Beruf ein Stück weit offiziell – sie waren nun Teil eines größeren Ganzen, Träger des Fortschritts und Boten zwischen zwei Welten.
Ihr Gang war mühselig, aber unverzichtbar. Jeder Schritt, jede Last war ein Beweis dafür, dass der Berg nur deshalb bewohnt werden konnte, weil unten Menschen bereit waren, ihn zu versorgen.
Noch heute erzählen alte Leute im Appenzellerland von den Säntisträgern, die im Winter „mit dem Wind gestritten“ haben. Sie gingen, wenn niemand mehr ging. Und manche kamen nicht zurück.


3. Die Wetterwarte und ihre Zeit (1882–1969)

1886 entstand auf dem Gipfel des Säntis ein steinernes Haus – dickwandig, niedrig, mit schmalen Fenstern und einem Verbindungstunnel zur Messstelle. Man baute es so, weil der Wind dort oben kein Besucher, sondern ein Bewohner ist.
Messungen von MeteoSchweiz und den späteren Nachfolgegeräten zeigen, dass der Säntis regelmäßig Windgeschwindigkeiten von über 150 km/h, in Spitzen sogar bis zu 230 km/h erreicht. Im Winter 1925 notierte man Böen, die Fensterläden abrissen und Eisenstangen krümmten. Schnee fällt hier oft waagrecht, feiner als Staub, gefroren zu Nadeln, die die Haut aufreißen. Die Wärter sprachen von „Luft, die schlägt“. In ihren Berichten steht, dass sie die Türe nur mit zwei Mann öffnen konnten, weil der Wind sie sonst aus den Angeln riss. Einmal wurde ein Schlitten, der für die Post bereitstand, vom Sturm über die Brüstung getragen und hundert Meter weit verweht.
Temperaturen von minus 25 Grad, kombiniert mit Sturm und Eisregen, machten jede Bewegung zur Tortur. Das Haus musste deshalb mit Eisenklammern in den Fels verankert werden. Fensterrahmen aus Gusseisen, doppelte Türen, und dazwischen ein kleiner Gang, den man „Windfalle“ nannte.
Der Tunnel zwischen Wohnraum und Messstelle – gerade einmal zwölf Meter lang – rettete Leben. Wenn der Sturm tobte, konnten die Wärter die Instrumente ablesen, ohne hinaus zu müssen. Viele beschrieben den Tunnel als „zweiten Atem des Hauses“ – ein Schutzröhrchen im tobenden Berg. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1893 nennen den Säntis: „Einen Ort, wo der Wind nicht weht, sondern wohnt.

Die Geburt der Wetterwarte – ein Labor über den Wolken

Am 3. Oktober 1887 wurde die meteorologische Station auf dem Säntis offiziell in Betrieb genommen. Ihr Bau hatte mehr als 45 000 Franken gekostet – eine Summe, die damals einem kleinen Dorfhaushalt für Jahrzehnte gereicht hätte. Und sie kam nicht einfach aus der Staatskasse. Ein Teil stammte aus Privatspenden, Vereinsbeiträgen und Sammlungen im Appenzellerland; ein anderer Teil aus der neu gegründeten Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich.
Die Idee, eine Hochgebirgsstation zu errichten, ging auf Dr. Johann Jakob Huber zurück, Meteorologe aus St. Gallen. Er hatte bereits auf dem Säntis Versuchsgeräte aufgestellt, um den Einfluss von Höhe und Feuchtigkeit auf Luftdruck zu messen. Doch das Wetter zerstörte die Geräte immer wieder. Er schrieb 1883: „Nur ein festes Haus aus Stein kann hier bestehen, und es braucht Männer, die stärker sind als der Sturm.
Viele Behörden hielten das für verrückt – „zu teuer, zu gefährlich, zu nutzlos“, hieß es im St. Galler Regierungsprotokoll von 1884. Doch Huber und einige Gelehrte aus Zürich blieben hartnäckig. Sie wollten Daten aus einer Höhe, in der Wolken entstehen, weil sie glaubten, dass man Wetter verstehen müsse, um Katastrophen vorherzusagen.
Der Säntis wurde gewählt, weil er frei in den Winden steht: zwischen Nordsee und Mittelmeer, in der Hauptströmung der Westwinde. Kein anderer Punkt in der Schweiz lag so zentral in der Wetterschneise.
Als die Station endlich eröffnet wurde, galt sie als eine der höchstgelegenen und exponiertesten Messstationen Europas. Ihre Werte wurden täglich an die Zentralanstalt in Zürich übermittelt, später sogar international nach Paris und Wien weitergegeben. In Fachkreisen sprach man bald vom „Säntis-Effekt“ – einem typischen Muster von Druckabfall und Winddrehung, das oft zwei Tage vor einem Sturmeinbruch im Flachland gemessen wurde. Das machte den Säntis zu einem Frühwarnpunkt für die ganze Schweiz.
Noch 1901 schrieb das Journal de Météorologie Suisse: „Kein Ort Europas hat eine so reine, freie Windmessung wie der Säntis. Er ist unser Auge im Himmel.
Damit wurde aus einem einsamen Felsen über Nebel und Schnee ein Ort von Weltbedeutung.


4. Das Jahr 1922 – Der Säntismord

Februar 1922 herrschte ein ungewöhnlich harter Winter. Schneestürme fegten wochenlang über den Gipfel, das Thermometer sank auf minus 26 Grad, und die Wetterwarte war wie oft für Tage vom Tal abgeschnitten. Am 21. Februar brach die Funkverbindung zur Station ab. Vier Tage lang kam kein Lebenszeichen.
Als man schließlich am 25. Februar 1922 mit einem Suchtrupp hinaufstieg, fanden die Männer im Stationshaus die beiden Wärter – Heinrich Haas und seine Frau Magdalena Haas – tot auf. Sie waren erschossen worden.
Die Ermittlungen ergaben, dass der Täter der Hilfsarbeiter Johann Eggenberger war, der kurz zuvor entlassen worden war. Er hatte sich in der Nacht Zugang verschafft, beide getötet und sich dann selbst das Leben genommen. Die Tat geschah, nachdem man ihm wegen Unzuverlässigkeit gekündigt hatte.
Weil die Station damals als Symbol schweizerischer Standhaftigkeit galt, löste das Verbrechen europaweit Entsetzen aus, denn später berichteten auch Zeitungen außerhalb der Schweiz über das Geschehen auf dem Gipfel. Das Schweizerische Nationalmuseum fasste es später so zusammen:
The murder caused a stir not only in Switzerland, but throughout Europe.
Es war das erste und einzige Mal, dass der Name des Säntis in den europäischen Schlagzeilen stand – nicht wegen Wind, Wetter oder Forschung, sondern wegen eines Verbrechens, das oben in der Einsamkeit geschah.
In der Neuen Zürcher Zeitung vom 27. Februar 1922 hieß es:
Die Stätte, die Wind und Frost widersteht, ist von Menschenhand entweiht worden. Der Säntis, Sinnbild schweizerischer Treue, steht stumm über einem Doppelmord.
Nach der Beisetzung in Urnäsch errichteten Kollegen ein schlichtes Kreuz aus Lärchenholz in der Nähe der Station. Später wurde es durch eine Metalltafel ersetzt – sie trägt nur die Namen, kein Datum, kein Pathos. Der Vorfall ging als „Säntismord“ in die Schweizer Pressegeschichte ein und wurde in den Folgejahren immer wieder aufgegriffen – zuletzt im Appenzeller Jahrbuch 1982, das die Polizeiprotokolle neu abdruckte.
1969 verließ der letzte Wetterwart den Gipfel. Seitdem misst ein Automat, doch wer bei Sturm lauscht, meint, das alte Haus schreibe noch mit.


5. Die Säntisträger – Das Ende eines Berufes (bis 1935)

Mit der Station wurde ihr Dienst offiziell. Sie trugen Post, Proviant, Messgeräte – Sommer wie Winter, bei jedem Wetter. Ihre Namen tauchten in den Büchern der Wetterwarte auf, mit Datum, Last und Unterschrift, wie stille Zeugen eines Arbeitslebens zwischen Himmel und Stein. Sie waren keine Beamten, sondern Männer aus dem Tal: Bauern, Holzfäller, Taglöhner. Im Sommer brachten sie Brot und Post, im Winter Kohle, Öl und manchmal einen Brief, den der Wind schon halb zerrissen hatte. Die Last wurde auf der Schwägalp gewogen und im Gipfelhaus notiert – ein einfaches Protokoll, das über Leben entschied.
Der Aufstieg war gefährlich. In alten Berichten steht, dass sie sich bei Sturm an Seile banden, um nicht verweht zu werden. Ein Fehltritt bedeutete den Tod, doch es gab keine Versicherung, keinen Ersatz. Nur den Satz, den man im Tal sagte: „S’isch halt dä Berg.

Ab den 1920er Jahren begannen Ingenieure über eine Seilbahn zu sprechen – zuerst als Erleichterung für Materialtransporte, später als Verbindung für Besucher. Die Träger hörten das mit gemischtem Gefühl. Manche begrüßten es, andere wussten, dass es ihr Ende bedeutete.

1933 begann der Bau der Schwebebahn, 1935 wurde sie eröffnet. Von da an transportierten Stahlseile, was früher Schultern getragen hatten. Die Säntisträger standen unten und sahen zu, wie das Eisen tat, was sie ein Leben lang getan hatten – schneller, sicherer.

Hermann Grosser schrieb im Appenzeller Kalender: „Die Geschichte der Säntisträger hat bald nach der Eröffnung der Säntis-Schwebebahn ihr Ende gefunden. Aber Männer, welche die Posten versahen, waren stille Helden und verdienen wie die Wetterwarte alle Achtung und Anerkennung.

Die Säntisträger wussten, dass ihr Beruf kein Reichtum brachte, aber er gab ihnen Würde und Bedeutung. Der Berg brauchte sie, und das machte sie zu etwas Besonderem. Als dann die Schwebebahn kam, war das wie eine schleichende Entthronung – das Seil tat, was früher die Schultern taten. In den Chroniken liest man Sätze wie diesen (Hundwil, 1935): „Sie standen am Tag der ersten Fahrt auf der Schwägalp, hatten Hüte in den Händen, aber keiner winkte.“

Ein alter Träger, Jakob Sonderegger, sagte 1954 in einem Interview mit der Appenzeller Zeitung:
„Mir hei d’Berg ufem Rücken gno, und d’Maschine het ihn eifach gnoh. Aber s’isch scho rächt – d’Zyt geht wiiter.“ („Wir haben den Berg auf dem Rücken getragen, und die Maschine hat ihn einfach genommen. Aber es ist schon recht – die Zeit geht weiter.“)

Nicht alle waren dagegen. Einige halfen beim Bau der Bahn mit, trugen Schienen und Kabel, als letzte Ehre sozusagen. Andere sagten, der Berg bleibe ja derselbe – „es isch nume de Wind, wo sich ändret “.
Aber im Kern war da eine leise Trauer. Die Männer wussten, dass mit der Schwebebahn nicht nur Arbeit verloren ging, sondern eine Art Beziehung: zwischen Mensch und Berg, getragen von Schweiß, Gefahr und Vertrauen.
Manche von ihnen wurden später Bahnarbeiter, andere halfen im Gasthaus, wieder andere gingen zurück in die Täler. Doch ihr Beruf blieb unauslöschlich mit dem Berg verbunden.
Die Pfade, die sie traten, heißen noch heute Trägerweg oder Kohlensteig. Und wenn man an klaren Tagen von der Schwägalp aufblickt, scheint es, als stiege immer noch einer dort hinauf – langsam, stetig, aufrecht gegen den Wind.


6. Wetter und Zeichen

Der Säntis ist kein Berg, an dem das Wetter vorbeizieht – er ist der Ort, an dem es wohnt. Die Wolken rasten hier nicht, sie entstehen. Der Wind hat hier Namen, Richtungen, Stimmen. Messungen der Wetterwarte zeigen Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde, manchmal mehr. In manchen Wintern gefriert die Luft selbst – der Nebel wird zu Eis, die Zäune und Antennen zu weißen Skulpturen. Man nennt sie Reifblumen oder Eisfahnen, je nachdem, ob sie blühen oder wehen.
Gewitter sind häufig – der Säntis gehört zu den blitzreichsten Punkten Europas. Manche Nächte leuchten hier oben wie ein eigener Himmel: Feuerkugeln tanzen zwischen Antennen, und das Krachen hallt zwischen den Tälern wider wie eine Predigt aus Metall. Die Meteorologen messen, die Besucher staunen, doch die Alten wussten längst, was das bedeutete: Wenn das Licht im Nebel flimmert, steht das Wetter auf der Schwelle.
Bei bestimmten Bedingungen – wenn Sonne und Eis zusammentreffen – zeigen sich Halos, Glorien und manchmal das seltene Brockengespenst: ein schattenhaftes Abbild des Betrachters, von Licht umkränzt, schwebend in der Wolke. Viele hielten es einst für den Geist des Berges selbst.
Die Leute im Tal kannten ihre Zeichen. Wenn sich um den Gipfel ein linsenförmiger Wolkenhut legte, sagten sie: „D’Wetterfrau het de Chessel dräit.“ Dann wussten sie: Innerhalb von drei Tagen kommt Schnee.
Diese Wetterfrau war keine Erfindung, sondern Teil einer alten Symbolsprache. Sie war die unsichtbare Hüterin des Gipfels, die das Wetter „kochte“ – ein Rest jener weiblichen Bergmythologie, die in Appenzell noch im 19. Jahrhundert in Sprichwörtern lebte.
Heute liest man Datenreihen, Diagramme, Windrichtungen – doch der Sinn bleibt derselbe: Der Säntis spricht durch Luft, Licht und Eis. Und wer ihn kennt, weiß, dass er immer zuerst den Atem ändert, bevor der Himmel folgt.

Das Lied vom „Wetterjoch“
Im Appenzeller Liedgut (Sammlung Brunner, 1911) taucht ein altes Hirtenlied auf, dessen dritte Strophe lautet:

Uf’m Säntis, wo d’Winde d’Kärch’li baue,
hockt d’Wetterfrau mit’m Silberchessel.
Schlägt dr Blitz, so rüert si um,
und lacht, weils Chind z’tief i dä Wolke schlummert.


Sinngemäße Übersetzung: „Auf dem Säntis, wo die Winde kleine Kirchlein bauen, sitzt die Wetterfrau mit ihrem silbernen Kessel. Wenn der Blitz schlägt, rührt sie darin um und lacht, weil ihr Kind tief in der Wolke schläft.
Bedeutung & Deutung: Ein altes Wetterlied; es wurde von Sennern gesungen, wenn sich das Gewitter näherte – halb Spott, halb Zauber. Die „Wetterfrau“ ist eine mythische Gestalt, eine Art Berggöttin oder Hexe, die das Wetter „kocht“ – ihr Silberkessel ist das Sinnbild für die brodelnden Wolken, Donner und Blitz sind ihr Tun. Die „Winde, die Kirchlein bauen“, sind ein poetisches Bild für die Linsenwolken; und dass ihr Kind „in der Wolke schläft“, ist ein altes Symbol: die Ruhe inmitten des Sturms.

Die Stille nach dem Blitz
Eine der schönsten, aber kaum bekannten Erzählungen stammt aus Hundwil (Überlieferung ca. 1902):
Nach einem großen Donner, wenn alles still wird, sagt man: ‚Der Säntis hat einen Atem geholt.‘ Wer dann still steht, hört ihn seufzen.
Viele glaubten, dass der Berg nach jedem Unwetter kurz „lebendig“ werde – der Wind änderte sich, ein Echo vibrierte, das man fast fühlen konnte. Die Alten sagten: „Das ist, wenn der Blitz das Herz trifft und er kurz erwacht.


7. Volksheilkunde und Kräuter der Schwägalp

An den unteren Flanken des Säntis wächst eine andere Apotheke – still, unscheinbar, aber alt wie der Berg selbst. Zwischen Latschen, Hangmooren und Geröll blühen Kräuter, die in keinem Garten gedeihen: Bärwurz, Meisterwurz, Alant, Wollkraut, Lungenkraut, Alpensalbei.
Die Frauen der Schwägalp kannten ihre Plätze genau. Sie gingen frühmorgens mit Körben hinaus, wenn der Tau noch auf den Blättern stand und die Sonne die Spitzen der Fichten berührte. Sie sammelten, was die Witterung gerade zuließ: die Wurzeln der Bärwurz – kräftig, süßlich, voll Sonnengeschmack; die Rinde der Meisterwurz – scharf und reinigend; die goldenen Blüten des Alant, die in Milch gekocht den Husten stillten.
Das Wollkraut, auch Königskerze genannt, legte man als warmen Umschlag auf schmerzende Gelenke. Das Lungenkraut war „für die Brust“ – man bereitete daraus Tee mit Honig, besonders für Kinder, die in den feuchten Bergstuben husteten. Und der Alpensalbei, mit seinen silbrigen Blättern, galt als Schutz gegen „Wetterkopfschmerz“, jenes Dröhnen im Schädel, wenn der Druck fiel und der Sturm kam.
Eine alte Frau aus Urnäsch sagte um 1910: „Was ufem Säntis wächst, heilt, was dä Säntis bricht.“ Das war kein Spruch, sondern Erfahrung: Wer vom Wind gezeichnet war, suchte Heilung im Windgewachsenen.
Aus Bärwurz brannte man auch den sogenannten „Wurzelgeist“ – ein klarer, harziger Schnaps, der die Glieder wärmte und „den Frost aus dem Blut trieb“. In den langen Wintern stand er neben den Salben und Tinkturen in jeder Stube.
Viele dieser Rezepte wurden im Appenzeller Kalender und in handgeschriebenen Hausbüchern festgehalten. Sie folgten keinem Dogma, sondern dem Wetter, der Jahreszeit und dem, was die Wiese hergab. Im Frühjahr trank man Meisterwurzwein zur Reinigung, im Herbst Alanttee gegen die Kälte, im Winter Wollkrautmilch mit Honig.
Noch heute duftet die Schwägalp im Juli nach diesen Pflanzen – würzig, balsamisch, erdnah. Wer über die Matten geht, spürt, dass hier das Heilen nicht im Labor beginnt, sondern im Lauschen. Denn der Säntis, so sagten die Alten, gibt jedem das, was er braucht – wenn man weiß, wann man fragen muss.


8. Eine schöne Sage des Riesen Säntis

Lange bevor der Berg seinen Namen trug, so erzählen die Alten, wanderte ein Riese durch das Land. Er hauste im Schwendibachtal, dort, wo das Wasser kühl und das Gestein weich war. Seine Füße formten Täler, seine Hände legten Felsen aufeinander, als spiele er mit Murmeln aus Stein. Wenn er sich setzte, wuchs Gras über seine Knie; wenn er sich reckte, fiel Schnee von seiner Stirn. Er war ein sanfter, aber unruhiger Riese – einer, der die Berge liebte, aber nirgends bleiben konnte. Manchmal hörte man ihn nachts seufzen, und die Menschen sagten: „Der Säntis dreht sich im Schlaf.

Eines Tages, müde vom Gehen, legte er sich nieder zwischen Bodensee und Rheintal, den Kopf im Nebel, die Füße im Tal. Er ruhte sich aus – und nie wieder auf. Über seinem Rücken wuchsen Felsen, Wälder, Firn. Sein Atem blieb, und wann immer der Föhn durch das Tal zieht, sagt man, es sei der Riese, der im Schlaf atmet. Seine Rippen sind die Grate, sein Herz der Stein. Der Wind, der über die Schwägalp fegt, heißt hier noch immer „Säntiswind“ – er riecht nach Eisen, Schnee und ferner Sonne. Manche sagen, wenn der Föhn brennt, wache der Riese für einen Moment auf und öffne ein Auge – darum der plötzliche Glanz über dem Berg, wenn alle Täler noch grau sind. Die Alten aus Urnäsch und Appenzell erzählten, dass die Grenze zwischen Nord und Süd dort verläuft, wo einst sein Rücken lag – eine Linie, die kein Mensch zog, sondern der Schlaf eines Gottes.
In manchen Sagen heißt es auch, der Riese sei gefallen, weil er den Himmel berühren wollte. Er war zu stolz, zu neugierig, und als Strafe erstarrte er zu Stein. Doch seine Güte blieb im Boden: Darum wachsen an seinen Flanken die stärksten Kräuter, und seine Quellen gelten als heilkräftig.
Und wenn abends der Föhn warm durch die Tannen fährt und die letzten Wolken an seinem Gipfel hängen bleiben, sagen die Hirten noch heute: „D’Riese isch am Otem hole.“ – der Riese holt Atem.


9. Die Stupa – alte Wege, neue Formen

Oben steht heute eine buddhistische Stupa – weiß, still, mit goldener Spitze. Sie wurde als Friedenssymbol errichtet, und wer sie umkreist, tut, was Menschen hier seit Jahrhunderten tun:
den Kreis schließen, das Herz still machen, dem Wind zuhören.


10. Hinab

Als wir später hinabfuhren, wurde das Licht schon wieder weicher, die Schatten länger. Die Nebel stiegen wieder, der Wind legte sich an die Gondel wie ein Atem. Unten roch die Luft nach Erde, Gras und kalten Sommer. Der Säntis stand still, doch ich könnt´ schwören, er sah uns nach. Man nimmt von ihm mit – den Ruf der Bergdohlen im Ohr, Maß, Stille, ein Stück Ordnung im Innern, und ein Kinderspielzeug das muht, wenn man´s dreht..

Landerun

Quellenverzeichnis – Säntis – Ein Gang über den Wolken