Das ist kein Schrott. Das ist eine Gustav. Diese alten Sockenstrickmaschinen – meist verbunden mit dem Namen Gustav Nissen – standen früher nicht im Museum, sondern mitten im Leben: in Stuben, Küchen, Werkstätten. Da wurde gearbeitet, nicht ausgestellt. Einmal in Gang gesetzt, strickt so eine Maschine stoisch ihren Schlauch. Runde um Runde. Keine Elektronik, kein Schnickschnack. Nadeln, Garn, Mechanik. Ferse und Spitze entstehen von Hand – Können statt Knopfdruck.
Und genau so sehen sie oft aus, wenn man ihnen nach Jahrzehnten wieder begegnet: verharzt, angerostet, festgesetzt. Als hätte jemand sie einfach stehen lassen – und die Zeit hat ihren Schleier darüber gelegt. Doch der Eindruck täuscht. Diese Maschinen wurden gebaut, um zu bleiben. Gusseisen, klare Konstruktion, nichts Überflüssiges. Unter dem, was sich angesammelt hat, steckt meist noch immer eine Mechanik, die nur darauf wartet, wieder bewegt zu werden.
Gerade das macht solche Bilder so besonders: nicht geschniegelt, nicht hergerichtet für die Vitrine – sondern ehrlich. Ein Fundzustand, der mehr erzählt als jede polierte Oberfläche. Ein Stück Arbeit. Ein Stück Alltag. Ein Stück Geschichte.
In einigen Wochen wird die Aufarbeitung abgeschlossen sein, dann strickt der Gustav wieder. Danke Evelin für Deine Bilder.
War das Stricken jemals ganz in der Versenkung verschwunden, hat die industrielle Herstellung und überhaupt die Schnelllebigkeit unserer Zeit diese alten bewährten Techniken jemals ganz in den Hintergrund gedrängt, oder gab es zu jederzeit ganz viele begeisterte Stricker, die auch das aktuelle Gusto nicht davon abhielt diesen alten Techniken zu frönen? Die von Menschen erdachten Maschinen, die das Leben einfacher machen sollen, es ermöglichen Dinge schneller zu fertigen, schreiten in ihrer Entwicklung stetig voran. Doch von den alten Maschinen geht eine betörende Faszination aus, die manchem Schätzchen zur Widerbelebung verhilft. Aber es sind auch noch alte Maschinen im unermüdlichen Einsatz wie in Isny / Allgäu bei „Allgäuer Bergstrumpf“. Hier werden eifrig Socken bester Qualität erzeugt, in der Werkstatt ist eine beständiges Klackern zu hören. Zum Video
elha, Baujahr 1963. RR 2 Syst. Rundstrickmaschine für Armbündchen d= 4 ¼ “ Feinheit ca E7-E8 Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Wolfgang. Vielen lieben Dank. Bei Interesse hier melden: https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-bestandsliste.html?userId=19470699
Der Fachmann nennt industriell hergestellte Strümpfe „Kuilier- bzw. Wirkware“. Das ist ein wenig irreführend, denn beim Wirken bzw. Weben arbeitet man auf einem Webstuhl, auf den viele Fäden getrennt voneinander durch den Webstuhl laufen, diese werden mit einem Schussfaden, der waagerecht unter diesen sogenannten Kettfäden verläuft, verbunden – man könnte auch sagen verhäkelt – wird. Deshalb trudelt ein solches Erzeugnis auch nicht so schnell aus wie ein Gestricktes, die Maschenbilder sind vollkommen unterschiedlich. Das alte Wort wirken bzw. werkeln bedeutet „etwas zu Ende zu arbeiten“, das war sehr oft etwas zum Anziehen. Die gewerbsmäßige Strumpfstrickerei orientierte sich zunächst an der Weberei, auch hier wird ein endloser Faden in Schlingen gelegt und miteinander verwoben, was schließlich den Stoff bildet. Deshalb trudelt ein solches Erzeugnis auch nicht so schnell aus wie ein Gestricktes. Hier hat der Erfindungsgeist der Menschen verschiedene Möglichkeiten der Verbindung der Maschen hervorgebracht, die einfachste ist die „Trikotbindung“. Daneben gibt es z.B. noch das Doppeltuch, den Atlas, die Tuchlegung, die Charmeuse und die beliebten Jerseywaren. Oder auch die auf einer Raschelmaschine (sie heißt wirklich so) hergestellten Gardinen, Tüll- und Spitzenartikel. Strickstücke sind besonders dehnbar und elastisch, sie folgen der natürlichen Abfolge der Bewegungen der Träger. Durch Zu- und Abnahmen entstehen passgenaue Textilien. Strickwaren sind beliebt wie eh und jeh, ihre häusliche Herstellung wird niemals verschwinden, auch oder gerade wegen der industriellen Massenware. Von den ersten mechanischen Maschinen bis zu computergesteuerten Riesengeräten ist eine recht kurze Zeitspanne vergangen, wenn man bedenkt das zwischen 1850 und 1860 wurden die ersten Rundstrickautomaten gebaut wurden. Dabei konnte bis heute nicht genau festgestellt werden, wer nun der Erste war, der diese wundersamen Automaten erfand. Ursprünglich strickte man mit dieser Maschine einen Schlauch und war noch weit entfernt von den uns bekannten heutigen Maschinen. Dem Amerikaner Mac Nary wurde ein sächsisches Patent im Jahre 1860 erteilt, mit seiner Maschine war es möglich Fersen und Spitzen auf mechanischem Wege zu arbeiten. Auf Mac Nary´s Erfindung folgte um 1867 die Neuerung eines gewissen D. Bickford, dessen einzelne bewegliche Zylinderzungennadeln sich in den Schlitzen eines Nadelzylinders auf und nieder bewegen ließen. 1878 schließlich verbesserte Grisworld noch einmal die Maschinen und stattete sie mit einem Rechts-Rechts-Apparat aus. Damit konnten Strickwaren mit eingearbeiteten Rändern gefertigt werden. Diese Art von Maschinen wird als „Kleinrundrändermaschine“ bezeichnet. Möglich war dies durch eine Schlosskonstruktion aus fünf Teilen. Sie bestand aus einem Mittelteil oder Nadelsenker, zwei Seitenteilen und zwei Nadelhebern. Drehte man nun an der Kurbel, so fuhr der Schlossmantel außen am Zylinder entlang und bewegte seinerseits die Zungennadeln, welche den Endloswollfaden abstrickten. Ungefähr ein Drittel des Zylinders bedeckt das Schloss, dadurch sind einige Nadeln frei zugänglich und können per Hand nach oben gezogen – also außer Arbeit gestellt werden. Die vordere Hälfte der Nadeln, zum Stricker gerichtet, übernimmt dann das Stricken der Ferse und Spitzen, wobei man auch hier in festgelegter Reihenfolge Nadel außer bzw. in Arbeit stellt. Bei der Ausarbeitung von Spitzen und Fersen wird keine volle Drehung veranstaltet, sondern jeweils nur eine ½ bis ¾ – immer hin und her.
Bilder freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Wolfgang. Vielen lieben Dank.
Für die industrielle Fertigung wurden die Maschinen mit Antriebseinheiten ausgestattet und konstruktionsbedingt erfolgte bald eine vollautomatische Herstellung der Strickwaren. Ich habe es schon in Aktion gesehen, es ist sehr faszinierend. Es werden sogenannte Zählerketten in die Maschine eingehängt, die Länge der Kette der Maschine die ich besichtigen durfte war für drei Socken berechnet. Verschiedene Stifte steuern die Maschine an, was sie veranlasst Spitzen und Fersen zu stricken oder abzuschneiden.
Über Kettenzüge, Umlenkrollen, Hebel, Zahnräder und Stifte, also mit reiner Mechanik wird die Maschine angesteuert, selbst einen doppelten Rand zu stricken war möglich. Einer der Hersteller solcher Maschinen war z.B. Schott & Williams aus New York oder Schubert & Salzer aus Chemnitz. Selbstverständlich konnten auch buntgemusterte Socken gestrickt oder platinierte gearbeitet werden. Beim Platinieren werden zwei Fäden verarbeitet, wobei einer die Vorderseite bildet. Dazu wurden zwei gleich starke Fäden getrennt voneinander an die Maschine geführt. Diese Art der Musterbildung verlangt eine Verstärkung an besonders beanspruchten Teilen des Gestricks, also an Ferse und Spitze. Selbst dies ging vollautomatisch. Auch gerippte Strümpfe waren bald kein Problem mehr und die Firma Bentley hat es sogar geschafft einen Fünffarbenringelapparat zu konstruieren, die Entwicklung gipfelte in einem Jaquard-Automat. Es ist nicht verwunderlich, dass verschieden Zylindergrößen gab – aber ein Grobstricker unter den Rundstrickern – das war mir bisher neu. Genau dieses Fundstück veranlasste mich zu diesem Post.
Elha, Baujahr 1963. RR 2Syst. Rundstrickmaschine d= 8“ Feinheit E 0,8 Supergrob für Mützen und Schals. Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Wolfgang. Vielen lieben Dank.
Zu den Sockenstrickmaschinen, die sich wachsender Beliebtheit und damit stetig steigender Nachfrage erfreuen gab es seinerzeit ein Abkettelgerät. „EMBRA" war sein Name, es ist ein wahrer Glücksfall, wenn man dieses einmal zu sehen bekommt. Meine liebe Freundin Evelin ist so einer Rarität habhaft geworden und verwöhnt das Auge mit Bild und Anleitung als längst vergangenen Zeiten, in denen Heimarbeit noch allgegenwärtig war. Unten stehend die grobe Anleitung. Das Kettelgerät „EMBRA“ (geschützt durch D. R. G. M. und D. R. zum Papatent angemeldet) wurde entwickelt,um das Schließen der Spitze zu erleichtern. es sollte ursprünglich die teuren Kettelmaschinen ersetzen. Der hersteller schreibt: "In Wirklichkeit ist die ganze Sache auch gar nicht so schwer, wie es anfangs aussieht, wenn man nur einmal den richtigen Kniff beim Aufstoßen
heraus hat. Also bitte ein klein wenig Geduld." (Zitatende) Nach dem Erlernen des händischen Verschließens kannst du schon beginnen:
Stricke eine Tor mit loser Spannung (Fachausdruck „Langreihe“).
Nun die Spannung wieder herstellen und noch neun Touren stricken.
Brich den Faden lang ab.
Wende das Gestrick um und nimm es ab.
Dann stoße die Maschen der Langreihe auf die Nadeln des Kettelgerätes, beginne bei der Masche, die am weitesten rechts liegt.
Nimm die Durchziehnadel zur Hand, ziehe sie durch die beiden auf der ersten Kettelnadel
liegenden Maschen.
Lege den abgegetrennten Faden in die durchgeschobene, offene Nadel und ziehe sie zurück.
Achte darauf, daß die Zunge der Nadel auch den Faden einschließt und führe
die Durchziehnadel nun durch die beiden auf der zweiten Kettelnadel hängenden
Maschen usw.
Achte darauf, daß die Durchziehnadel beim Einführen in die nächsten beiden Maschen stets genau über ihrer eigenen Schlinge
liegt. Du führst also die Nadel erst durch die eigene Masche und anschließend durch die nächsten beiden auf der nächsten Kettelnadel liegenden Maschen.
Die Konstruktion der Spitze der Durchziehnadel war gerade so lang, dass eine einwandfreie Kettmasche erstellt werden konnte. Mit etwas Übung benötigt man die Langreihe später nicht mehr.
PS: Wer eine so überaus seltene wertvolle Sockenstrickmaschine erwerben möchte oder Ersatzteile, Nadeln usw. benötigt, kann bitte die "Post-für-Mich" Funktion benutzen. Ich vermittle gerne weiter. Ihr bekommt dann ePost von Evelin, mit ihr könnt ihr alles weitere besprechen.
Vertrieb seinerzeit in Deutschland: Fa. H. Adolf Müller KG, Nürnberg Schwaig
Ich habe mich beim Betrieb der Addi Rundstricker immer gefragt, warum es keine Kleinen mehr gibt mit Metallnadeln. Gab es. So schlägt diese Maschine Brücken zwischen den metallenen Sockenstrickmaschinen und den Rundstrickern aus Kunststoff. Vergleichen freilich ist sinnfrei.
Dennoch kann diese Maschine etwas ganz Tolles:
Man kann einzelne Nadeln bzw. Nadelgruppen in Ruhestellung raufziehen, was dann hilfreich bei Bemusterung oder der Strickerei der Versen von Socken nützlich ist.Sie hat eine Anschlagscheibe dabei, durch die das umständliche Auffädeln oder Umwickeln beim Anschlag entfällt. Diese wird beim Anschlagen vorsichtig nach unten gezogen. Hierfür ist ein Bändchen angebracht. Ist der Anschlag gemacht benötigt es keinerlei weiteren Zug oder Gewichte.
Das Gestrick wird mit einer Art Drücker-System nach unten gedrückt an der Stelle, an der neue Maschen gebildet werden. Dieses wird erst eingehängt und fixiert, nachdem der Anschlag fertig gestellt ist.
Sehr kurios: Die Wolle fährt beim Stricken in einem Behälter um die Maschine herum. Im Anleitungsheft (in deutscher Sprache mit Mustervorschlägen) wird auf einen Anleitung zum Sockenstricken verwiesen, die leider nicht dabei war. Wer schon mal Socken gestrickt hat, kann es auch leicht mit der Möglichkeit Nadeln "Außer-Arbeit" zustellen, umsetzen. Durch diese Funktion können unterschiedliche Garnstärken auf der Maschine verstickt werden, wobei die Spannung des Fadens und die Maschenweite kann dem Garn angepasst werden kann. Flach strickt sie übrigens auch. Niedlich :-).