Info zum Stück
Das ist kein Lied über Winter. Es ist eine Gestalt. So wurde Kälte früher verstanden: nicht als Temperatur, sondern als etwas, das wirkt. Der Frost greift, formt, bindet. Er hält das Wasser an, zieht das Leben zurück, legt alles unter sich. Und aus dieser Härte entsteht ein Bild – klar, scharf, unnahbar. Nicht freundlich. Nicht feindlich. Ein Zustand, der da ist, solange er trägt. Und ebenso vergeht, wenn man ihn berührt.
Hartung – Eisgesell der Winternacht
Strophe 1
Wenn Winters Sonne bleich verglimmt,
und Frost das Land in Fesseln zwingt,
wenn starr der Strom im Bette steht,
eisig’ Hauch durch Lüfte strebt,
da bildet sich in Hartungs Pein
ein Leib, so klar wie Edelstein.
Nicht Flocke mehr, bald Schneegedorn:
ein Nadelheer im Eis erwacht.
Strophe 2
Es webt aus Kälte sich der Kern,
schemenhaft und lebensfern.
Aus Eiskristallen, klar wie Glas,
ein Licht-Alb, winzig, funkelkalt.
Er thront in eisiger Gestalt,
im silbernen Flimmern stehet´s still,
und des Nordens Winde wehn`.
Chor
Er ist das Kind der Winternacht,
aus Prismen, Splittern dargebracht.
Er zwingt das Land in seine Hut,
im weisen Aug die Kälte ruht.
Zwischenteil
Ein Wesen, das nur dann erwacht,
wenn tiefer Frost die Auen packt,
wenn Schnee sich türmt und Kälte knackt,
im gletscherblauen Lichte gleißt.
Chor (Wiederholung)
Er ist das Kind der Winternacht,
aus Prismen, Splittern dargebracht.
Er zwingt das Land in seine Hut,
im weisen Aug die Kälte ruht.
Strophe 3
Die Borke rührt es an,
dass kein Saft mehr steigen kann.
Es schlägt den See in sprödes Eis,
das nichts mehr von sanften Wellen weiß.
Sein Kleid aus Reifes Prunk gewebt,
das alles, alles schlafen legt.
Strophe 4
Solang der Hartung grausam bläst,
entfaltet es die weiße Zier,
bannt das Land in starre Ruh
und deckt die müden Fluren zu.
Doch rührt man es mit warmen Fingern an,
ist es um seinen Leib getan.
Schluss
Ein letztes Flirren in der Luft,
das der Nordwind leise ruft:
der Eisgesell der Winternacht –