Rund um den Nadelbaum

Als sich in diesem Mai unter meiner heißgeliebten Nadelbaum saß, fielen mir rote Spitzen oben im Baumwipfel auf. Sie blühen wieder in diesem Jahr und das ist für mich Grund genug ein bisschen rund ums Nadelbaumgewüchs zu schreiben. Genau genommen gehört die Fichte, deren Name Picea Abies auf lateinisch heißt, zu den Kieferngewächsen (Pinaceae). Sie ist ein immergrüner Nadelbaum, wächst pyramidenartig, also unten breit und oben schmal. Sie erreicht eine stattliche Höhe von über  50 m. Ihre Nadeln sind schmal und kurz. Sie sitzen an in großen Bögen hängenden Zweigen. Die Zweige wiederum tragen Zapfen welche sehr lang und wie eine Walze geformt sind. Die Zapfen fallen im Ganzen ab wenn sie reif sind. (Die der Weißtannen lösen sich in einzelnen Schuppen auf, nur die Mittelspindel bleibt stehen.) Die Rinde ist braunrot mit tiefen Rissen. Die Kätzchen mit den Staubblüten finden sich am Wipfel der Bäume dicht zusammengedrängt. Ganze Schwaden vom gelben Blütenstaub wabern in manchen Frühjahr über die Wälder. 




Der Baum wächst sehr schnellen kann bis zu 400 Jahre alt werden.  Von solchen Bäumen gewinnt man Terpentin, der selten innerlich, dafür aber umso häufiger äußerlich angewendet wurde. Innerlich wirkt es gegen Darmwürmer, Wassersucht, bei Lähmungen und Schwächung des Blasenhals und den dadurch bedingten unweigerlichen Abgang von Harn. Das ätherische Öl hilft hin und wieder bei Lähmung des Blassengrundes und damit einhergehenden Harnverhaltung. Damit ist die Wirkung des Trepentins bei weitem noch nicht erschöpft. Bei allerlei Lungenkrankheiten keines eingeatmet werden und bringt so oft rasche Linderung. Bei chronischen Rheumatismus insbesondere bei Neuralgien in den Hüften und Lenden auftreten haben sich Terpentineinreibungen bewährt. Selbst gegen Kindbettfieber, gegen Typhus und Darmgeschwüre, gegen Blutungen aus der Gebärmutter und der Mastdarm, ja auch bei Vergiftungen mit Opium oder Blausäure wurde es empfohlen. Terpentinöl zu gleichen Teilen mit Spiritus versetzt wurde früher als Verbandmittel für bäuerliche Großtiere benutzt.Das Öl wurde auch bei der Beschlagung von Pferden in die Nagelwunde gegeben, um einer Entzündung vorzubeugen. Bei den Gelenkschwellungen, die die Gicht verursacht, kann man es als Umschlag hernehmen.  Es wirkt abschwellend. Das Terpentin der uralten Bäume kann so viel, aber es wird nicht mehr angewendet und gerät fast in Vergessenheit. Schön, dass es Menschen wie Walter Last gibt, der in der Nexusausgabe Nr. 40 einen umfassenden Artikel verfasst hat. Doch kehren wir zurück an meinen Ort der Ruhe, zu den Bäumen im Garten. 

Die unteren Äste alter Bäume sind oft abgestorben, an einem solchen alten Ast hängt nun ein Hängesessel, in diesem mache ich es mir mit diversen Kräuterbüchern gemütlich. Es duftet nach Wald, harzig, herb. Ruhe ist da und Frieden, die Seele baumelt, geht auf die Reise. 

 Die Fichte ist der häufigste Baum in unseren Wäldern. Sie wächst in allen Mittelgebirgen, auch in den Alpen. In der griechischen Mythologie war die Fichte dem Meeresgott Poseidon geweiht. Bei sportlichen Wettkämpfen umkränze man des Siegers Haupt mit Fichtenzweigen. Zum Zeichen der Trauer pflanzten hingegen die Römer eine Tanne vor das Haus, bei Feuerbestattung wurden Tannenreiser dem Scheiterhaufen beigegeben. Den Deutschen hat der Baum auch etwas bedeutet: Sie erschlugen den heiligen Tandolin, als er die verehrte Tanne, die bei Ettenheim-Münster stattlich aufragte, umgehauen und ein Kreuz daraus gezimmert haben soll. Auch heute noch schmücken wir Heim und Herd, holen Kranz und Baum in die Stuben in der kalten Jahreszeit. 

Der alte Brauch die Haustüre zu Hochzeiten und Hochzeitstagen zu umkränzen ist genauso lebendig wie der den Richtbaum auf dem Neubau aufzupflanzen, mit Bändern geschmückt, eine Tanne oder eine Birke. Dies soll alles Unglück vom Haus und seinen Bewohnern fernhalten. Und wenn nun schon dem Nadelbaume solche Tugenden nachgesagt werden, so fehlte er in der Hausapotheke ganz sicher nicht. 

Gesammelt werden von März bis Mai die jungen Triebe mit denen die Tanne aussieht als habe sie ein Festkleid zur Feier des Frühlings angelegt. In den Zweigen, Ästen, Nadeln und neuen Trieben sind Harze und ätherische Öle enthalten, außerdem Bitterstoffe. Die jungen Triebe enthalten außerdem viel Vitamin C. Es wirkt durchblutungsfördernd, desinfizierend, harntreibend, krampflösend, hustenlösend und reizmildernd. Das Harz kann man ganzjährig sammeln ebenso wie die Nadeln. Fichtensprossen enthaltenen Terpentinöl, Harz und Gerbsäure. Da die Nadeln im getrockneten Zustand ihre Wirksamkeit einbüßen ist es ratsam sie immer frisch zu pflücken. Ein alter Trick hilft uns aber über das Jahr zu kommen: Sammel die frischen Sprossen, wenn sie gerade das braune Häutchen abwerfen wollen, trockne sie schonend und bewahre sie luftdicht auf. So behalten sie ihre Kraft bis zum nächsten Frühjahr. Beeilen muss man sich freilich schon, denn einige warme Tage reichen aus, das Frühlingskleid verschwinden zu lassen. 



Als  Heilanwendung eignen sich z. B.  frische Nadeln als 

Teeaufguss:

Auf 1L Wasser gibt man zwei Teelöffel der Nadeln oder jungen Triebe, die man zuvor etwas zerkleinert hat. Man lässt das Ganze etwa 10 Minuten ziehen. Gegen Heiserkeit und Bronchitis kann der Aufguss dann getrunken werden, notfalls schwach gesüßt mit Bienenhonig. Falls eine Entzündung der Harnwege vorliegt bitte nicht trinken.

Tinktur

In ein Glas werden frische Sprossen geschichtet und mit Korn oder Wodka übergossen. Das Glas lässt man nun ca. 14 Tage stehe, anschließend wird abgeseiht, ausgepresst und filtriert. Davon nimmt man 1- 3 mal täglich 4 - 6 Tropfen in etwas Wasser.

Für Vollbäder kann man ein Extrakt herstellen:

1 kg frische Nadeln und Zweigspitzen werden mit gut 5 l Wasser angesetzt. Bei gelindem Feuer gut 1 Stunde köcheln lassen, anschließend abseihen und danach zu einem Vollbad geben. Hierbei sollte die Badetemperatur von 27° nicht überschritten werden. Solche Vollbäder helfen bei hartnäckigen Hautausschlägen und Geschwüren sowie Gicht, außerdem bei Flechten, Menstruationsstörungen, Nervenleiden uvm. 

Tannenwipfelsirup

Vier Doppelhandvoll frischer, junge Triebe werden mit 1L Wasser aufgesetzt und langsam zum Kochen gebracht, dann abgedeckt etwa zwei Tage stehen gelassen und schließlich abgeseiht. Nun man gibt man ungefähr 500 g Zucker hinzu, den Saft von einer ausgepressten Biozitrone und lässt das Ganze einmal kurz aufwallen und füllt es sodann in kleine, kochend heiß ausgespülte Flaschen und verschließt  sie gut. Davon nimmt man im Winter bei Husten und Bronchitis hin und wieder einen Teelöffel voll ein.

Auch einen Geist kann man aus den Nadeln fabrizieren.

 100 g Sprossen von Kiefer oder Fichte ggf. in Verbindung mit frischen Zapfen (oder auch nur diese allein)  werden mit Wodka oder Korn  angesetzt und nach zwei Wochen Standzeit filtriert. Dieser dient dann ähnlich wie Franzbranntwein etwas verdünnt als Einreibung bei Muskelkater,  Gelenkrheumatismus, brennenden Füßen und bei Bettlägerigkeit zur Dekubitusvorbeugung.

Baumharzöl / Baumharzsalbe



Wenn bei einem Waldspaziergang etwas Harz, das aufbereitet "Gelbes Pech" genannt wird, findest, nimm es ruhig mit. Achte darauf, dass du den Baum nicht verletzt. Aus diesem kannst du mit Oliven- oder Distelöl Baumöl herstellen. 
Das Harz wird von Nadeln befreit, anschließend in ein Glas gefüllt, in ein Wasserbad gestellt. Bei mäßiger Hitze das Harz nun vorsichtig aufschmelzen. Auf 50 g Harz kommt die gleiche Menge Oliven- oder Distelöl. Nun das Ganze gut umrühren und ca. 2 Stunden im leise vor sich hin singenden Wasserbad belassen. Anschließend das Öl-Harzgemisch durch eine Feinstrumpfhose abseihen, in das Glas füllen und wieder in das Wasserbad stellen. Nun ungefähr 5 g Bienenwachs darinnen aufschmelzen, das Ganze in ein Töpfchen füllen und mit einer Stoffwindel abgedeckt Erkalten lassen. Nach dem Erkalten das Gefäß verschließen. Das Balsam ist ungefähr drei Jahre haltbar und hilft bei Erkältung, Rheuma, Gicht und Ischiasschmerzen.


Wenn das Harz vollständig abgebrannt wird bleibt eine Substanz übrig die "Kienruß" genannt wird, aus welcher man in alten Zeiten eine Tinktur fertigte, die gegen die Trägheit des Unterleib eingesetzt wurde.

Zapfenbalsam

4-5 frische Kiefer- oder Fichtenzapfen werden ordentlich zerkleinert und in 100 g Geeh bei mäßiger Hitze ein bis 2 Stunden auf dem Herd ausgezogen. Anschließend wird das Ganze filtriert und mit etwas Bienenwachs versetzt. Die fertige Salbe geben in ein Tröpfchen und verschließe es gut.

            ***

Das war immer noch nicht alles. Aus der inneren zweiten Rinde der Kiefer wird in den Ländern auf der skandinavischen Halbinsel ein Mehl gewonnen, das zur Herstellung von Brot und Pasta verwendet werden kann. Es dient außerdem als Gewürz für Teig und Müsli offen Nudeln. Es ist ein Naturprodukt dem eine cholesterinsenkende Wirkung nachgesagt wird. 

Aus den in Wasser  oder Lauge gekochten Nadeln will man früher die so genannte Waldwolle gewonnen haben. Dazu wurden die frischen Nadeln zerquetscht, anschließenden Wasser gekocht. Dadurch lösten sich die flüchtigen Öle und Gerbsäuren. Übrig blieb eine Art Bast, aus feinen und gröberen Fasern. 

Meyers Konversations-Lexikon, 1888
 In der badischen Gewerbezeitung von 1867 auf Seite 200 werden zwei Firmen in Thüringen in Remda erwähnt: Zitat "...von zwei Firmen: H. Schmidt und 
L. und E. Lairitz fabricirt worden; dieselben stritten sich, gleich den Cölner-Wasser-Fabrikanten, jahrelang in den Blättern um die Ehre, wer der allein ächte und wahre Verfertiger sey. Die Geschichte von der Waldwolle spielt seit etwa 10 Jahren; in weiteren zehn wird sie wohl begraben und vergessen seyn." Nun dann hätten wir sie hier an dieser Stelle wieder ausgegraben. 


Und in einen alten Kräuterbuch von Adam Lonicero von 1679 heißt es:

"Tannenblätter klein geschnitten / lindern und mindern die entzündeten Wunden. In Essig gekocht / schwenkt man den Mund öfters damit / fürs Zahnwehe. Mit Honigwasser ein Quentlein getrunken / ist es gut den Lebersüchtigen. Tannenholz mit Honig gekocht / ist für Hauptflüß und Halsweh. Frisch abgebrochen / in Süßwein gesotten / sind gut wieder den alten Husten / Schwind-und Lungensucht / alle Tage sechs oder sieben Lot getrunken. Mastix im Mund zerkauen / bringet einen guten Geruch / vertreibet den bösen Atem / macht das Zahnfleisch steif / vertreibet derselbigen Beulen / und macht ein lauter Angesicht. "

Und selbst die christliche Überlieferung kam nicht umhin, sich des Baumes besonders anzunehmen, so soll sich folgendes zugetragen haben: 

Nachdem Jesus unter den Bäumen des Waldes vor Regen Schutz suchte, breiteten die Nadelbäume die Äste aus und bewahrten ihn, während alle anderen Bäume tropfnass die Zweige hängen ließen. Und weil dies Jesus gefiel schenkte er den Nadelbäumen eine immerwährendes grünes Kleid. Außer der Lärche :-).  Unter "meinem" Baum trotzte ich schon manchem Regenschauer und genoss die frische Luft danach. Und wenn du einen besonders großen Baum siehst, lege einmal dein Ohr an seine Rinde und lausche. 



Lob der Tanne






Der schöne Wald, der grüne Wald
Lässt wachsen Bäume mannigfalt:
Gewaltig, sondergleichen
Stolzieren unsre Eichen;
Doch ihre Frucht ist herb und klein -
Drum sag’ ich nein und aber nein
Ich lobe mir was andres.

Die Ulme hebt sich hoch und kühn,
Die Buche treibt ein saftig Grün,
Ehrwürd’ge Bärte hangen
Am Birkenbaum wie Schlangen,
Doch ihre Frucht ist winzig klein -
Drum sag’ ich nein und aber nein!
Ich lobe mir was andres.

Wie Honigsüß ist Lindenduft
Beim leisen Hauch der Sommerluft;
Auch tut mich oft ergötzen
Des Eschenlaubes Schwätzen.
Allein, allein - was nützt mir das?
Ich wünsche mir auch sonst noch was,
Ich lobe mir was andres.

Der Ahorn mit dem Fingerblatt,
Die Weide mit den Kätzchen glatt,
Wie Silber anzuschauen,
Die Erle auch, die grauen,
Und alle Bäume her und hin
Sind schön - doch nicht nach meinem Sinn -
Ich lobe mir was andres.

Im ganzen, weiten Waldesraum
Die Krone ist der Tannenbaum,
Wächst auf wie schlanke Kerzen,
Ist grün im Mai und Märzen,
Sein Schatten dunkel, licht und kühl;
Und treibt der Wind sein kosend Spiel,
Webt’s heimlich durch den Wipfel.

Und einmal jährlich zieht er aus,
Vom Walde her in unser Haus:
Dann naht sich sacht und leise,
Gar wundersamerweise,
Das wonnige Christkindelein
Und segnet alle Zweigelein -
Heida, das wird ein Leben!

Da wächst und winkt uns Frucht an Frucht,
Von allen Fluren aufgesucht,
Von allen, allen Arten,
Der Baum erblüht zum Garten!
Was Aug’ und Herz ergötzen kann,
Das ist in vollster Hülle dran,
Vom Fuße bis zum Gipfel.

Zu übersehn die Herrlichkeit
Sind hundert Lichtlein gleich bereit,
Die alles übermalen
Mit goldnen Sonnenstrahlen.
Das Aug’ verträgt den Schimmer kaum -
O, sei gepriesen, edler Baum,
Und der dich so gesegnet!

Friedrich Wilhelm Grimme




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