Leise rieselt der Schnee

Eistobel 2005
Der Winter ist dieses mal so richtig komisch. Rauf und runter geht es mit den Temperaturen, Mal taut es, dann wieder wird es bitterkalt. Mancherorten haben die Bäume schon angefangen auszuschlagen, minimal, aber immer schon so, dass man es sehen kann. Dann hört man hier und da schon mal einen Vogel singen, neee ich meine nicht das Geschrei der Eichelhäher. 

Komisch ist es, eigentlich sollte es doch gerade jetzt richtig kalt sein, beim Laufen müsste man den Schnee auch tagsüber unter den Stiefeln knirschen hören, aber nichts dergleichen, statt dessen Schneepampe die das Gehen schwer macht. Manch einen hat es schon die Beine weggezogen, so findet man sich im Wartezimmer eines Arztes wieder mit einer schönen Gesäßprellung, wenn man Glück hatte. Inmitten von strickenden Großmamas, quengelnden Kindern mit genervten Mamas, einem Bauarbeiter mit Handverletzung. Natürlich unterhält man sich übers Wetter, schließlich ist das Wetter ja schuld, dass einen schon seit Tagen der Rotz aus der Nase rinnt und ein nicht enden wollender Reizhustenanfall nachts den  Schlaf raubt. Das Wetter ist auch schuld, dass es in den Gliedern knackt, die Kälte, die Nässe, alles fährt in die Knochen, macht die Gelenke schwergängig, man kann kaum die klappernden Nadeln halten, früher, ja früher ging alles besser. Emsig wird weiter gestrickt. 

Mein beobachtender Blick fällt in helle, leicht trübe Augen, die festen, von der Arbeit breit gewordenen  Hände bewegen sich, formen Masche um Masche ohne hinzusehen, hundertfach geübt. Schon kommt die Erklärung, dass man für die Enkel Socken stricke, erst für die eigenen Kinder, jetzt für die Enkel, oh ja, sie glauben es bestimmt nicht, auch für die Urenkel, man sei schon Uroma. Man braucht etwas mehr Zeit, aber es mache immer noch Freude, nur so lange wie früher trägt man die dicken Socke heute nicht mehr, gell. 

"Das brauchts nicht, das sind ja heuer keine Winter mehr". Als man früher zur Schule ging, da war der Schnee so tief, dass er bis zur Hüfte reichte. Da kam kein Bus, man mußte laufen, durch den hohen Schnee, man kam nicht vorwärts, bis zur Hüfte und noch mehr, wenn es geweht hat."

Das glaube ich unbesehen, denn unsere liebe Nachbarin dürfte seit der Zeit einen guten halben Meter zugelegt haben und ihre Nase so weiter von der oberen Schneekante entfernt haben. Trotzdem erntet sie beifälliges Nicken, jeder gibt dann eine Anekdote zum Besten.

Z. B. wie Bauer Huber - "gell Rosi, den hascht doch ah noch kennt, dr hot  dahane am G`hölz gwohnt und het a wüschten Verhau ket"... des Winters mit dem Pferd das Holz aus dem Forst gezogen hat und der Gaul ihm durchging. Oder das die Buben vom Gschwender ihre Schulbündel im Schnee vergraben und sie hätten ewig suchen müssen. Oder das die geizige Luzi beim Kirchgang vor aller Augen lang hingeschlagen sei, weil sie so alte Schuhe anhatte und es sowieso zu glatt war. "Aber da hat es auch noch gehörigen Frost gehabt, it wie heit" (nicht wie heute). Der nächste bitte. Das Strickzeug wird eingepackt, die Ferse von Nummer zwei hat man fertig gebracht. Auf die Knie abstützen, etwas Schwung holen und man sackt auf den Stuhl zurück. Ach gehts denn? fragt die Schwester nach, hätte sie ihr doch gleich helfen können, denke ich. Einer geht und Einer kommt, geräuschvoll, lässt sich auf dem Stuhle nieder, findet ihn erwärmt vor, lächelt, reibt sich die Hände, die Haut ist trocken, man hört es. 

"Grias di, Anselm, bischt a do?". Anselm wendet den Kopf "Jo, du a?" :-) 

Man beginnt sogleich ein Gespräch über das Wetter. Das sei ja kein Winter, da verreckt das verdammichte Stechzeug da draußen nicht. Überhaupt das ständige auf und ab das sei Schuld das seine Ohren schmerzen, sowas nennt sich Winter. Überall hängen die Eiszapfen, wenn einen da einer auf den Kopf fällt, das ist alles nix. "Ja, du, da kanscht glei hi sei." Wieder nicken sie. Ewig die gleiche Aussage: Früher war der Winter strenger, der Wind schärfer, der Schnee höher. Und wirklich, auch ich ertappte mich schon dabei anzunehmen, dass es in meinen Kindertagen mehr Schnee gegeben habe und es kälter war. Einen kleinen Rückblick bis 1990 gibt es beim Wetterkontor. 1952 gab es z. B. auch einen verspäteten Winter, dieser war nicht ohne. Was interessant wäre: Treffen Bauernregeln zu? 

Wahrscheinlich nur diese: 

Kräht der Hahn auf dem Mist ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist. 

Für Januar jedenfalls ist in einem alten Kalender zu lesen: 
Beim Dachabschaufeln Mitte Dez. 2012

Ist im Januar kein Winter gewesen, gibt's im April viel Regen und Näsen. 

Im Januar viel Regen und Schnee, tut Bergen, Tälern und Bäumen weh. 


Wenn der Januar viel Regen bringt, wird der Gottesacker gedüngt.

Und für den Februar: 


In Hornung Schnee und Eis, macht den Sommer heiß.


Ist auch bis zum 22. Februar kalt, hat der Winter noch lange Halt. 


Lichtmess im Klee, Ostern im Schnee.

Heftige Nordwinde im Februar, vermelden ein fruchtbar Jahr. 


Nun beobachte doch mal das Wetter vor der Haustüre und dann stellst du fest, das nichts seine Gültigkeit hat, auch nicht die Aussage des Wetterfrosches. Manchmal trifft es zu manchmal nicht. Die alten Bauernregeln treffen auch zu, mal mehr mal weniger, wie der Berliner Meteorologie-Professor Horst Malberg zu berichten weiß „So holprig sich auch manche Verse anhören: Die Bauernregeln basieren auf einer sehr guten Wetterbeobachtung unserer Vorfahren.“ Beispiele: Die Wetterregel „Morgenrot – Schlechtwetter droht“ zeige an, dass die Luft viel Wasserdampf enthalte. „Wie sich das Wetter an Siebenschläfer verhält, ist es noch sieben Wochen bestellt“ – eine Witterungsregel. Berücksichtigt man die gregorianische Kalenderreform (1582), lag der heutige Siebenschläfertag (27. Juni) damals einige Tage später. An der Küste liege, so Malberg, die Trefferquote dann bei 50:50, in Berlin treffe sie in zwei von drei Fällen zu und im Alpenland gar in acht von zehn Fällen"(Quelle: general-anzeiger-bonn


Weiter heißt es im gleichen Artikel "Unvorhergesehenes kann in der Wetterküche, einem chaotischen System, jederzeit passieren."  Na also. Somit wäre wieder alles offen, gell Anselm, vielleicht kommt ja noch Schnee, vielleicht gefriert es ja noch gehörig. "Joa, des weret mir allat büße, des kommt scho noch".  









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