Samstag, Januar 14, 2012

Der Zaunkönig

Heute erhielt ich einen schönen Newsletter, an dem ich Euch teilhaben lassen möchte:




Text : Gottfried Rennertz, Töpfermeister

"Wieso der Zaunkönig nicht länger König bleiben wollte

Haben Sie heute schon den Zaunkönig gehört?
Ich schreibe absichtlich „gehört“ – denn sehen ist beim kleinsten Vogel Europas oft schwierig. Gerade mal 10 Gramm wiegt der Zaunkönig, und sein rostbraunes Gefieder macht ihn auch nicht gerade auffälliger, sondern sorgt im Gegenteil für perfekte Tarnung im Unterholz. Doch hören kann man die Winzlinge umso besser – bis zu 90 Dezibel erreichen die Kerlchen bei ihrem Gesang (das ist der durchschnittliche Geräuschpegel in einer Diskothek), und man kann sie auf eine Distanz von bis zu 500 Metern sehr gut hören.

Oder kennen Sie den Zaunkönig etwa unter einem anderem Namen?

Wie nennt man ihn bei Ihnen? Zaunsinger, Tannkönig, Mäusekönig? Meisenkönig, Schupkönig, Zaunschnerz? Oder Backöfelchen? In Mecklenburg und Niedersachsen heißt er „Grot-Johann“, in Westfalen „Däumling“, und in Österreich „Zitzerl“. Beachtlich! Selten habe ich von einem Tier gehört, das so viele verschiedene Namen trägt.

Die wichtigste Variante habe ich jedoch noch gar nicht genannt: Schneekönig. „Sich wie ein Schneekönig freuen“ leitet sich von dieser Namensvariante des Zaunkönigs ab.
Wieso bei diesem Vogel meist der Bestandteil „König“ im Namen enthalten ist (selbst die Japaner nennen den Winzling „König der Lüfte“!)? Ganz einfach, es ist eine Anspielung auf eine alte uralte Fabel, die dem griechischen Dichter Äsop zugeschrieben wird:

Als die Vögel einst ihren König wählen wollten, bewarb sich auch der Zaunkönig und begründete seine Bewerbung damit, dass er sogar höher fliegen könne als der Adler.

Daraufhin sagte (lt. dem dt. Dichter Hoffmann von Fallersleben) der erboste Adler zu den versammelten Vögeln:

„Stellt Euch jetzt in Reih und Glied, alle, ohne Unterschied! Wer am höchsten fliegen kann, der soll König sein fortan!“ Turr! da flog die ganze Schar, aber unterm Flügelpaar König Adlers saß versteckt Herr Zaunkönig, unentdeckt. Als der Adler endlich doch matt ward, flog Zaunkönig noch, höher noch ein ganzes Stück und kam als König dann zurück.

Aber einem walisischen Märchen zufolge zeigte sich der Zaunkönig später sehr einsichtig und verzichtete freiwillig auf seinen Königsthron:

„Freunde“, rief er, „es tut mir leid, dass ich euch geärgert habe. Ehrlich gesagt, ich wollte ja eigentlich gar nicht König werden, ich wollte nur dem stolzen Herrn Adler zeigen, der mich so von oben herab behandelt hat, dass ich nicht dumm bin, wenn ich auch nicht so stark bin wie er.Aber der Adler ist ja wirklich viel besser zum König geeignet als ich, und deshalb trete ich von meinem Amt zurück und überlasse meinen Königsthron dem Adler.“
Der Adler nahm das Angebot des Zaunkönigs an, und jeder war zufrieden - nicht zuletzt der Zaunkönig selbst. Denn wenn nun auch der Adler für alle Zeiten der König der Vögel bleiben würde, so konnte doch der Zaunkönig seinen Kindern und Enkeln erzählen, auch er sei einmal König gewesen, wenn auch nur für eine halbe Stunde.

Liebe Leser,
beim Zaunkönig denke ich wegen des Thronverzichts einerseits an einen ganz bestimmten Politiker, und andererseits immer an den „kleinen Mann“ im Allgemeinen. An jemand „wie du und ich“.
Er ist König und sein Reich ist die Hecke. Der Zaunkönig führt dort mit seinem Hofstaat ein beschauliches Leben. Große Reichtümer besitzt er nicht. Und doch hat dieser „kleine Mann“ alles, was er zum Leben braucht.
Manchmal sitzen der Zaunkönig und seine Hofdamen in den Zweigen der Hecke und beobachten das Leben der Menschen. „Was für eine Hektik!“, raunen sie einander kopfschüttelnd zu, „was für eine Mühsal und was für ein buntes Treiben!“
Das sind dann die Momente, in denen der Zaunkönig am liebsten sein Heckenkönigreich verlassen möchte. Da packt ihn die Abenteuerlust. Da will er hinaus in die Welt.
Doch er bleibt in seiner Hecke. Denn er überlegt: Was man hat, vermisst man nicht. So ist es wohl. In seiner Welt, da ist er wer, doch draußen, da ist er nichts und niemand wartet dort auf ihn.
Manche Träume sind ja nur deshalb verlockend, weil sie nicht wahr werden, denkt der Zaunkönig bei sich, und setzt an zu einem seiner lautstarken Königs-Gesänge."





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